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Das linksradikale Kochbuch

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  • Sonntag, 5. April

    Daddy war nicht cool, sondern wütend. Merkt denn keiner, dass der Kessel überkocht? Und woran erkennt man den Niedergang von Kulturen? Ostern heißt nicht Eierschaukeln. Die Schieflage der Ästhetik.

    Der April ist kalt, aber er pinselt die Bäume hellgrün, und der Anblick dieser Wiedergeburt wärmt wenigstens das Gemüt. Bescheidenheit ist ein Reflex auf die Gesamtsituation – wie der Rückzug auf Erinnerungen an scheinbar schönere Zeiten. Im Rückspiegel entfaltet der Schein ja enormes Licht. Kaum jemand wird bestreiten, dass unser Dasein mal übersichtlicher war. Weil viele Fragen, die uns heute beschäftigen, nicht gestellt wurden. Wenn meine Eltern auf den Multikulti-Partys meiner Tante tanzten, war das sicher kein Rassismus. Aber haben sie sich in den 70ern dafür interessiert, wie Persons of Color das Leben in Deutschland empfunden haben?

    Wenn ich ein beliebiges Lied von Boney M. höre, denke ich an diese Zeit. Die ganze Welt kannte ihre Musik, aber niemand ihre Namen:  Bobby Farrell, Maizie Williams, Marcia Barrett und Liz Mitchell. Der Filmemacher Oliver Schwehm erzählt die Geschichte eines eines gigantischen Erfolgs, der bis heute vor allem Frank Farian zugeschrieben wird. Der war als Produzent zwar genial, aber auch schamlos. Die Geschichte einer Rundum-Ausbeutung: Boney M.: Disco. Macht. Legende. Ab 11. Mai in der ARD Mediathek.

    Ostern kratzen wir alles an Familie zusammen und treffen uns. Ein Ritual, das ich erst jetzt richtig verstehe. Früher habe ich diese Familientreffen nur als fröhliche Völlerei wahrgenommen, jetzt betrachte ich die Runde wie andere ihren Obstgarten. Alte Stämme, kräftige Äste, junge Triebe. Heute sitze ich also bei einem meiner zahlreichen Cousins in einem Dorf, das so heißt wie mein Stadtteil: Ottensen. Und es wird viel zu essen geben.

    Der Doku-Dreiteiler Essen XXL (doofer Titel) in der ZDF Mediathek sagt mehr, als er will. Mit leider stoischer Distanz beschreiben die Kapitel Hauptsache lecker/satt/viel den Zustand unserer Gesellschaft. Dekadenz, Armut und Dummheit. Drei Anzeichen einer untergehenden Kultur. Italien wird vielleicht überleben, denn Tomate, Nudel und Öl bilden die Essenz kulinarischen Glücks, das weiß man dort.

    Menschen wie Reiche, Merz und Spahn wünsche ich Läuterung. Allen anderen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    April 5, 2026

  • Sonntag, 29. März

    Eine erschütternde Doku-Serie über Geld und Mallorca: Wenn Reality vor der Realität flieht. Und die Geheimzutat Mirin: Japanische Süße im Nizza-Salat. Die Lage der Ästhetik.

    Ich war Nachrichtenredakteur bei RTL2, arbeitete also in einem teils seltsamen Programmumfeld, aber dafür habe ich mich nie geschämt. Die Redaktion war ein Hort aufrichtiger Journalisten, zugleich ein Freundeshaufen. Der Rest war eben Privatfernsehen, sollen die doch machen, was ihnen Geld bringt. Wir Newstypen waren heimlich Jünger der Tagesschau. Manche stiegen damals auf diesen Olymp, ich stolperte Jahre später auf’s öffentlich-rechtliche Gelände, war durchaus stolz.

    Jetzt sah ich die Serie Me, Myself, Mallorca (SWR, hier in der ARD Mediathek), welche meine Schamgrenzen neu auslotete. Die Serie zelebriert den Verlust von Sinn und Gegenwart; gleichzeitig entblößt sie ungewollt die Langeweile ihrer Protagonisten, welche sich längst in ihren toten Palästen verloren haben und deren Lächeln dank permanenter Champagnerzufuhr dennoch nie erlischt. RTL2 hat manchmal hilflose Menschen ausgebeutet, Opfer einer Bildungsmisere und der wirtschaftlichen Verhältnisse. Der SWR verhöhnt diese Menschen, indem er den Nutznießern der Wohlstandsschere völlig unironisch den Roten Teppich ausrollt.

    Abgesehen vom Malle-Unfug ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk natürlich gebeutelt von grassierender Unvernunft, und sowieso sind wir Humanisten immer schwächer als die Bösen, weil wir die Gürtellinie respektieren. Vielleicht sollten wir ab und zu die Samthandschuhe abstreifen, sonst wird alles relativ: das Völkerrecht, die Demokratie, die Gerechtigkeit.

    Die ZDF-Doku Die Diplomaten (hier in der ZDF Mediathek) macht keine Geschenke an irgendwen. Sie schafft es in Folge 2 sogar, den Komplex Israel-Palästina lebens-, sterbens- und leidensnah darzustellen (soweit und so kurz ich das beurteilen kann). Hinter den Kulissen: Wie benimmt sich Deutschland in der Welt? Ich bin sehr angetan.

    Und ich bleibe ein Träumer. Und wenn jemand meine Träume singt und wenn ein Kinderchor einstimmt und wenn es noch so naiv klingt, bin ich doch tief bewegt. Und gibt es eigentlich ein gutes Wort für Hoffnungstränen?

    Komm, wir ziehen in den Frühling: mit einem Nizza-Salat! Eigentlich ein sehr einfaches Gericht, für das in Frankreich natürlich strenge Regeln gelten. Da ich kein Franzose bin, habe ich das Dressing (eigentlich nur Olivenöl und Zitronensaft) etwas opulenter gestaltet – mit Senf, Sushi-Essig, einem Spritzer Apfelessig und reichlich schwarzem Pfeffer. Ich wollte noch eine Prise Zucker einstreuen, aber ich hatte zuvor schon den Sushi-Essig mit Mirin verwechselt.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    März 29, 2026

  • Sonntag, 15. März

    Wieso heißt Kapitalismus plötzlich Abzocke? Ist die Haselnuss rehbraun? Leck Eier, immerhin bleiben Spanier stolz wie Spanier. Aber mal was anderes: Udo Lindenberg wird 80. Die fragile Ästhetik meiner Jugend.

    Ich würde gern anfangen mit Es war Mitternacht, ich ging spazieren, aber so war es nicht. Es war weit nach Mitternacht, als wir neulich in kleiner Runde erfolglos nach dem Ende der Nacht suchten und statt dessen Wotan Wahnwitz von Udo Lindenberg auflegten. Ich kann dieser Musik nicht zuhören, ich muss dann mitsingen, so ging es auch meinem Freund, wir schmetterten das komplette Album durch, ziemlich synchron, wenn ich es richtig erinnere. Der Freund ist Schlagzeuger, ich Universaldilettant, das passt gut zu Lindenberg, der perkussiv singt und bauchtextet. Ich hatte alle seine Platten, bis ich sie Ende der Siebziger mal im Bus liegen ließ, ich war so müde nach der Schule und so unglücklich verliebt.

    Als ich vor ein paar Jahren einen kleinen Musikspot mit Lindenberg drehte, fragte er mich, ob wir schon mal was zusammen gemacht hätten. Nein, sagte ich, aber Zufall kann es nicht sein, dass wir jetzt zusammenarbeiten, Schuld sei sein Onkel, der Zauberer aus Bonn am Rhein. Nach zwei Sekunden verstand er. Kaninchen im Zylinder und Tauben im Hosenbein. Hokuspokusmann hat ne Menge drauf, doch eines gibts, was er nicht kann. Eine bessere Welt kann auch er nicht zaubern, da musst du dich schon selbst drum kümmern. Und ich fang jetzt damit an.

    Gipfelstürmer dürfen nicht zaudern, und an der Nordwand des Lindenbergs warten Leitern und Likör. Für die Unglücklichen, die Träumer, die Durchgeknallten, damit sie nicht runterfallen. Insofern leistet Udo Lindenberg Sozialarbeit. Im Mai wird er 80 Jahre alt. Er schreibt keine Kolumne in der Bildzeitung wie andere Spätverwirrte, weil er weiß, dass wohl die Jugend, aber nicht der Anstand verschwinden muss. Sonst würde ich auch seine Lieder nicht mehr singen.

    Wir in Fritzland wollen uns doch manchmal stolz wie Spanier fühlen. Auf die Schnelle: Frosta-Tüte aufreißen, schon weht das rote Tuch vor dem orangenen Stier. Ohne Zusatzstoffe, reich an Völkerrecht.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    März 15, 2026

  • Sonntag, 8. März

    Es ist okay, durch das Leben zu irren, aber bei Pralinen musst du zugreifen, könnten mit Weisheit gefüllt sein. Herr Jeminee sagt: Augen auf, sonst Seele zu. Und Starkbier ist so bitter wie die Wirklichkeit. Meine Suche nach Ästhetik.

    Wer in Hamburg die Kulturfabrik Kampnagel besucht, erzählt seinen Nächsten anschließend, er sei auf Kampnagel gewesen. Denn in gewisser Weise ist die ehemalige Maschinenfabrik eine Insel in der Stadt der Pfeffersäcke, hier huldigt man der Kunst, ist machtkritisch und chronisch klamm. Ich war also jüngst auf Kampnagel.

    Das Theaterstück spielte in einer Kunstgalerie, dort machten Künstler so Künstlersachen, es gefiel mir, manchmal dachte ich, hier macht sich Kunst über Kunst lustig, warum nicht. Das Publikum lachte in Momenten, die ich nicht komisch fand, aber schon das Foyer hatte mich ja mit Hallo, Fremder begrüßt. Dann erklärte mir eine Rezension, ich hätte nichts verstanden: es ging um die Freiheit der Kunst, um den Schutz ihrer Außengrenzen. Unser Kulturstaatsminister war nicht anwesend, glaube ich, er vernahm wohl gerade ein paar Buchhändler.

    Nicht schlimm etwas nicht zu verstehen, das Leben ist ein langer Verstehensprozess, eine Schachtel Pralinen, wir naschen uns durch Wahrheitsangebote. Leider verschmähen viele Menschen diese Verkostung. Gerade bezeugen wir, was passiert, wenn sich diese Unvernunft mit Macht paart. Ein freier Iran, ein sicheres Israel, das sind hehre Ziele. Ein Blick in meine Pralinenschachtel verrät mir aber, dass ein Raketenhagel über Teheran gute Menschen eher tötet, als befreit. Das Leben in der Stadt ist ohnehin kompliziert und gefährlich. Ich war nie dort, doch der Film The Witness (hier in der ARD Mediathek) vermittelt einen Eindruck.

    Entscheidungen brauchen Augenmaß, sonst führen sie leicht ins Scheitern. Intuition, Weitsicht, Information und Moral, so würde ich die Zutaten fürs Augenmaß beschreiben, welches im Mittelpunkt der diesjährigen Fastenrede auf dem Nockherberg stand (hier in der ARD Mediathek). Maximilian Schafroth war ein rotzfrecher Redner (wie ich gern wäre), sein Nachfolger Stephan Zinner ein vermittelnder (wie ich bin).

    Ich habe die Starkbierprobe live gesehen und dazu schwer gesündigt: Es gab Kartoffelpüree mit Bratensoße aus der Tüte. Unverzeihlich lecker.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    März 8, 2026

  • Sonntag, 1. März

    Der Heizungshammer wird endlich wirklich. Schweigen ist Gold, also lieber Fresse halten? Und endlich wieder Bombenstimmung. An der Schwelle zur nächsten Katastrophe finde ich keine Wohlfühlworte.

    Das Wort Korridor war lange in Vergessenheit geraten. Meine Oma sagte es noch, wenn sie den kurzen Flur ihrer Wohnung in Kiel Garden meinte, das war in den 1960er Jahren, der Flur war schmal und musste sich Tageslicht von der Küche borgen. Nun kam das Wort wieder auf, von einem, dem der Korridor zu eng war, der des Sagbaren. Manchmal ist er ihm aber auch zu weit, auf der Berlinale wurde ihm zu frei gedacht und geredet, der Kulturstaatsminister leidet viel. Und wären die Kultur und die Berlinale nicht so wichtig, wäre mir das gerade egal. Und wenn das Klima nicht so wichtig wäre, hätte ich auch gerade keine Lust, mich über ein „Gebäudemodernisierungsgesetz“ aufzuregen, das mit schädlich, korrupt und verlogen noch ziemlich freundlich beschrieben ist.

    Heute ist Tag zwei eines Krieges, dessen Folgen – wie bei jedem Krieg – nicht absehbar sind. Wer ein Streichholz in einen Riesenhaufen Zunder wirft, raucht wahrscheinlich auch sommers im Wald. Immer wenn ich denke, schlimmer kann es ja nicht werden, kommt ein neuer Feldherr um die Ecke. Es sind immer alte Menschen, die junge Menschen in den möglichen Tod schicken. Viele dieser alten Menschen sind offenkundig mental schwer erkrankt, und sie ahnen, dass ihnen die Zeit nur noch einen kleinen Happen gönnt.

    Vielleicht ist es an der Zeit, daraus Lehren zu ziehen. Wir könnten das passive Wahlrecht auf ein vernünftiges Rentenalter begrenzen, also 60 Jahre. Aber das würde nicht genügen. Eine Minderheit der Staaten wird heute als Demokratie identifiziert, Tendenz: fallend. Idealerweise wird die operative Staatsgewalt in diesen Ländern geteilt, damit sie nicht böse wird. Organe der gesetzgebenden, rechtsprechenden und gesetzausführenden Gewalten kontrollieren sich gegenseitig, damit wir nicht auf die schiefe Bahn geraten. Deutschland ist besonders gut darin, wir haben neben den drei Klassikern noch die vierte Gewalt, den Journalismus. Aber auch das wird nicht ausreichen, politische Entscheidungen zu korrigieren.

    Eine fünfte Gewalt fehlt. Junge Menschen, deren Gespür für Gerechtigkeit noch lebt, deren Herzen noch nicht gewürgt wurden.

    Ich wünsche allen eine heile Woche.

    Thomas Vöcks

    März 1, 2026

  • Sonntag, 22. Februar

    Freiheit, Gleichheit, Mohnkuchen. Springers Traumpaar tanzt auf dem dünnen Eis der Demokratie. Und Fatih Akin findet mal wieder den richtigen Ausdruck. Die Lage der Ästhetik.

    Harald Martenstein liest diesen Blog bestimmt nicht, Julia Ruhs auch nicht. Aber ich lese manchmal deren Kolumnen. Nicht, weil sie mir bei der Meinungsbildung helfen oder sonst wie erhellend sind. Eher zur Beruhigung: Wenn diese Autoren die Fackelträger der stramm konservativen Publizistik sind, muss ich mich nicht fürchten. Dass die Julia und der Harald ihre Seelen jüngst an die Bildzeitung verscherbelt haben, hilft bei der Einordnung ihrer Texte. Diese sind frei von Überraschungen, berechenbar und bar jeder Pointe.

    Martenstein schrieb einst geistreiche, manchmal brillante Kolumnen für die Zeit. Vor einer Woche stand er im Hamburger Thalia Theater und präsentierte die neue Version seiner selbst. Dort sollte im Rahmen einer „Gerichtsverhandlung“ erörtert werden, ob es zu einem Verbotsverfahren gegen die AfD kommen soll. Sein Plädoyer gegen ein Verbot geriet zur Beschimpfung des Publikums. Dort säßen die wahren Feinde der Demokratie, goebbelte er sich in Rage, man wolle Millionen Wähler um ihr Recht an politischer Teilhabe betrügen. Das ist ein Argument vom Grabbeltisch der Rhetorik, gestützt von einer These aus dem Sonderangebot: Wo nicht Nazi draufsteht, ist auch nicht Nazi drin.

    Man kann natürlich auch näher hinsehen, wenn man das Thema ernst nimmt. Der Rechtsextremismus nistet sich immer stärker in der Mitte der Gesellschaft ein. Und das hat uns noch gefehlt: Getarnt als Feministinnen gehen Nazibräute auf Frauenfang. „Eine geniale Strategie – und brandgefährlich“, befindet NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) in der Reportage Heimat, Häkeln, Hetze.

    Wenn über Demokratie diskutiert wird, dann entweder high (akademisch) oder low (populistisch), geht das nicht auch anders? Wenn eine Gesellschaft gerechte Verhältnisse schaffen will, darf sie dann kalte und warme Herzen gleich behandeln? In Fatih Akins Amrum versucht ein emphatischer Junge, das kalte Herz seiner Mutter zu erobern. Er scheitert, und ich finde, das ist die Antwort auf meine Frage.

    Ich schreibe all dies gerade in Heiligenrode, einem Dorf nahe Bremen, und werde gleich ein Stück Mohnkuchen essen. Als Kind liebte ich dieses Gebäck. Da dachte ich auch noch, ich wäre auf einer wundervollen Welt gelandet.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    Februar 22, 2026

  • Sonntag, 15. Februar

    Kann Menschmaschine Schönheit erschaffen? Oder erstickt das Wesen im Regelkäfig? Und werden wir etwa taub und blind vor der Lüge? Kann sein. Die Lage der Ästhetik im Linksradikalen Kochbuch.

    Vergangenen Sonntag habe ich keinen Newsletter zustande gebracht; mein ohnehin ermattetes Hirn war nach einer Geburtstagsfeier noch träger geworden, an einen Text war nicht zu denken. Dafür bitte ich um Entschuldigung.

    Ich bin jetzt wieder ganz klar und weiß nicht, ob mir dieser Zustand gefällt. Ich bin schwer zu beleidigen, weil ich auf dem Altar der Wahrheit Immunität genieße. Aber wer mich veräppelt, beleidigt meinen Verstand.

    Werbern bin ich nicht böse, wenn sie mich anflunkern, Reklame sollte unvereidigt bleiben. Doch unsere Verfassung ist kein Penny-Prospekt, das Bundeskabinett keine Drückerkolonne. Eigentlich. Und dieses eigentlich beleidigt mich wirklich. Lobbyisten auf der Regierungsbank – ein feuchter Kapitalistentraum ist wahr geworden. Um den Spirit dieser Menschen zu verstehen, reicht ein Schritt: von der Emission eines Gaskraftwerks zu der einer Zigarette.

    Der Film ist 20 Jahre alt, aber er hilft, die Gegenwart zu verstehen. Ähnlich wie ein Film, der schon fast 40 Jahre alt ist und den Ungeist der MAGA-Bewegung erklärt:

    „Was ist nur mit diesen Menschen los“, fragt ein FBI-Agent im Film. Eine Frage mit ewiger Gültigkeit. Ein Interview in der Süddeutschen könnte den Agenten auf eine heiße Spur bringen:

    Hartmut Rosa würde vielleicht antworten: Die Menschen ersetzen ihr Handeln zunehmend durch Vollziehen; sie nehmen hin, dass die Spielräume für eigene moralische oder situationsbedingte Entscheidungen immer kleiner werden.

    Viele Menschen genießen diese Entwicklung. Die Begeisterung für die KI ist ein gutes Beispiel. Im NDR, dem eigentlich besten Sender von allen, gilt KI als sexy und geheimnisvoll. „Wir wollen nicht den Anschluss verlieren“, lautet das Mantra. Folgender Dialog hat nie stattgefunden: „Wohin fährt der Zug, den wir nicht verpassen dürfen?“ – „Weiß nicht“, antwortet der Lemming.

    Neulich hatte ich großes Glück: Mein Sohn hatte mich ins Restaurant Legler´s in Ottensen eingeladen. Seit drei Jahren kocht dort Max Legler modern französisch mit Verweisen auf europäische (und norddeutsche) Tradition. Den Service schmeißt Jörg mit Charme und Humor, so dass in gänzlich unverkrampfter Atmosphäre wunderbare Vater-Sohn-Gespräche möglich sind.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    Februar 15, 2026

  • Sonntag, 1. Februar

    Wer hat an der Uhr gedreht? Falsche Frage. Wer hat den Wecker ausgeschaltet! Und wer baut Nachkriegsarchitektur schon vor dem Krieg? Das Linksradikale Kochbuch recherchiert in Rom, Hamburg und dem britischen Archipel.

    Wer Hamburg mit der Bahn nach Süden verlässt, kommt an einer spektakulären Bauruine vorbei. Ein Sinnbild persönlichen und finanziellen Größenwahns, des Scheiterns zweier Männer. Die Gier führte den einen ins Gefängnis. Die Geltungssucht des anderen blieb ohne Folgen. Obwohl, stimmt nicht ganz. Mit dem Bauwerk, so hoch wie kein anderes in der Hansestadt, wollte sich dieser ein Denkmal setzen, das ist gelungen: Die Hamburger tauften den absurden Stummel einer Dubai-Phantasie Kurzer Olaf. Für Nicht-Hamburger: Das beschreibt die Flugbahn vom Priem in den Napf. Der Olaf wird es vergessen, wie so vieles.

    Von der Gier handelt auch die Serie TAKE THE MONEY AND RUN bei ZDFneo. Eine Frau ergaunert sich mit Krypto-Betrug Millionen, aber es sind nie genug Millionen. Viele Menschen denken so, auch ohne kriminell im Sinne der Gesetze zu handeln. Jeder Haushalt in Deutschland besitzt rund 300.000 Euro Barvermögen – theoretisch, wenn das Geld gleich verteilt wäre. Jede Million eines Deutschen lässt das Vermögen der Nicht-Millionäre schrumpfen. Da unsere Gesellschaft unbegrenzten Reichtum gestattet und aus einer Million zügig mehrere werden können, werden die Gesichter an der Aldi-Kasse immer trauriger. Ist das der Preis der Freiheit? Das häufig bemühte Zitat hat meistens noch eine Antwort parat. Für George Bernard Shaw geht Freiheit mit Verantwortung einher. Thomas Jefferson beziffert den Preis der Freiheit mit ewiger Wachsamkeit. Über den Wolken mag die Freiheit grenzenlos sein; darunter braucht jede Freiheit Grenzen.

    Die berühmtesten Rufer in der Wüste, die Mitglieder des Club of Rome, haben vor mehr als 50 Jahren darauf hingewiesen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Was passieren könnte, wenn die Menschheit dennoch Die Grenzen des Wachstums überschreitet, beschreibt Ian McEwan im Roman Was wir wissen können. Die gründlich misslungene Gestaltung unserer Welt wird darin nur en passant durchgespielt. Es geht um ein verschollenes Gedicht, das in unserer Gegenwart geschrieben, aber nicht veröffentlicht wurde. Hundert Jahre später machen sich Wissenschaftler auf die Suche nach dem sagenumwobenen Sonettenkranz. Aber auch das ist nicht das Hauptthema. Was sind Tatsachen? Und was halten wir für Tatsachen? Vielleicht die wichtigsten Fragen der Gegenwart.

    In der Kulinarik dürfen wir gierig sein, finde ich. Das Wort Ochsenschwanz-Ragù spornt sofort meinen Appetit an. Man nehme vier Stunden Zeit, schmore mit der heiligen Dreifaltigkeit (Zwiebel, Möhre, Sellerie) und Tomaten.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Februar 1, 2026

  • Sonntag, 25. Januar

    Wir schreiben das Jahr 2026. Oder 1984? Und welches Lebensgefühl prägte 1979? Das Linksradikale Kochbuch über Momente ohne Gewissheiten.

    Das Jahr ist 25 Tage alt und sieht aus wie ein getretener Hund. Aber wir sollten den Kopf nicht in den Schnee stecken. Es gibt, über die Welt verteilt, eine unbesiegbare Armee. Menschen, die sich nicht darum scheren, ob etwas unmöglich ist, wo es doch wichtig und richtig ist. Menschen, die Regeln brechen, Träume nicht für Schäume halten und Hierarchien bestenfalls amüsant finden. Die auf verlorenem Posten sagen, „dann treten wir eben ’ne Delle ins Universum“ (Steve Jobs).

    Das ist eine vage Aussicht, aber was macht das schon, wenn die Gewissheiten ohnehin schwinden. Alle bis auf eine: „Die ganze Vielfalt, der ganze Reiz, die ganze Schönheit des Lebens besteht aus Schatten und Licht“, wird Leo Tolstoi zitiert (von dem ich bisher keine Zeile gelesen habe). Der Satz fällt in der Serie PONIES bei WOW. Die Geschichte spielt Ende der 1970er Jahre in Moskau, Hauptstadt der Sowjetunion. Aus heutiger Perspektive erscheint mir der sogenannte Kalte Krieg als wehmütige Erinnerung an – immerhin – eine Weltordnung und fast niedliche Bedrohung. Damals spürte ich Angst. Soviel zu den Gewissheiten.

    Der Soundtrack spiegelt die Epoche: Folk-Rock, Ska, Punk, immer mal wippt der Fuß. Oft schimmert Rasputin von Boney M. (Frank Fabian, 1983) durch die Tonspur; das schießt mich jedesmal ins Jahr 1979, als mit Dschingis Khan (Ralph Siegel) ein weiterer exotischer Gruselmann in die Schlagerverwurstung geraten war. Ich war zu Besuch bei meinem Patenonkel in Aschheim bei München und durfte mit zum Eurovision Vorentscheid in der Rudi-Sedlmayer-Halle. Mein Patenonkel war vom Duisburger zum Bayern konvertiert und applaudierte frenetisch, als Franz-Josef Strauß als Ehrengast begrüßt wurde. Ich hielt den Onkel darauf hin für einen Verräter und FJS sowieso für den schlimmsten Politiker, der Deutschland passieren konnte. Soviel zu den Gewissheiten.

    Das Leben ohne Gewissheiten ist kein Fluß, eher eine Bahnfahrt. Wir Verrückten lieben doch Überraschungen. Die Reise als Lotterie. Die Zeit als Variable. Das Ziel süß wie Ananas. Zu den wenigen Gewissheiten gehört, dass Frikadellen, Kartoffelmus, Erbsen und Wurzeln glücklich machen.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    Januar 25, 2026

  • Sonntag, 11. Januar

    Die halbe Wahrheit des Jesaja. Die ganze Wahrheit des Seymour Hersh. Und Tratsch im Treppenhaus. Die Lage der Ästhetik.

    Ich dachte gerade abwechselnd über den Stromausfall in Berlin und einen kanarischen Kichererbseneintopf nach, da klingelten zwei Männer an meiner Tür und wollten über die Bibel sprechen. Der Redeführer gab zu, erst 34 Jahre alt zu sein. Er reichte mir einen Zettel, der Psalm 37 zitierte: „Die Gerechten werden die Erde besitzen und für immer auf ihr leben.“ Ich sagte, das Gegenteil sei der Fall, ich hatte ja morgens die Nachrichten gelesen. Aber wir brauchen doch Hoffnung, sagte der junge Mann, er konnte nicht wissen, dass ich mich nebenberuflich und quasi ehrenamtlich um die Hoffnung kümmere. Ich hoffe auf die sozialistische Weltrevolution, erklärte ich. In meinem Alter sagt man sowas lieber nicht zu Fremden, es macht einen noch älter. Aber vor den beiden Zeugen Jehovas kannte ich keine Scham. Eigentlich waren wir uns dann einig; wir hatten beide Flausen im Kopf. Ich bat sie höflich, zu gehen.

    Seymour Hersh ist ein Journalist ohne Flausen. Er folgt einem einfachen Ideal: Regierungen dürfen keine Verbrechen begehen. Er deckte das Massaker von My Lai auf und die Folter in Abu Ghraib, sein nächster Scoop könnte von Venezuela oder Grönland handeln. Das Porträt des Journalisten läuft bei Netflix: Cover-Up.

    Ach, Amerika. Vor zwei Jahren sah ich Civil War und hielt den Film für eine überdrehte Phantasie. Als ich ihn jetzt noch einmal sah, wirkte er wie eine Dokumentation aus der näheren Zukunft.

    Ich schreibe dies am Donnerstag, morgen fliege ich für zwei Sonnenwochen nach Lanzarote. Ohne mein MacBook. Deshalb fällt der Newsletter am kommenden Sonntag aus. Aber in zwei Wochen ist die Welt bestimmt wieder in Ordnung. Es stand auf der Rückseite des Jehova-Zettels: „Alle Menschen werden völlig gesund sein.“ „Die Natur wird sich vollständig erholen.“ (Jesaja)

    Ich wünsche allen zwei schöne Wochen.

    Thomas Vöcks

    Januar 11, 2026

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Thomas Vöcks – frei, kreativ, radikal.

 

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