Das linksradikale Kochbuch

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  • Sonntag, 22. Februar

    Freiheit, Gleichheit, Mohnkuchen. Springers Traumpaar tanzt auf dem dünnen Eis der Demokratie. Und Fatih Akin findet mal wieder den richtigen Ausdruck. Die Lage der Ästhetik.

    Harald Martenstein liest diesen Blog bestimmt nicht, Julia Ruhs auch nicht. Aber ich lese manchmal deren Kolumnen. Nicht, weil sie mir bei der Meinungsbildung helfen oder sonst wie erhellend sind. Eher zur Beruhigung: Wenn diese Autoren die Fackelträger der stramm konservativen Publizistik sind, muss ich mich nicht fürchten. Dass die Julia und der Harald ihre Seelen jüngst an die Bildzeitung verscherbelt haben, hilft bei der Einordnung ihrer Texte. Diese sind frei von Überraschungen, berechenbar und bar jeder Pointe.

    Martenstein schrieb einst geistreiche, manchmal brillante Kolumnen für die Zeit. Vor einer Woche stand er im Hamburger Thalia Theater und präsentierte die neue Version seiner selbst. Dort sollte im Rahmen einer „Gerichtsverhandlung“ erörtert werden, ob es zu einem Verbotsverfahren gegen die AfD kommen soll. Sein Plädoyer gegen ein Verbot geriet zur Beschimpfung des Publikums. Dort säßen die wahren Feinde der Demokratie, goebbelte er sich in Rage, man wolle Millionen Wähler um ihr Recht an politischer Teilhabe betrügen. Das ist ein Argument vom Grabbeltisch der Rhetorik, gestützt von einer These aus dem Sonderangebot: Wo nicht Nazi draufsteht, ist auch nicht Nazi drin.

    Man kann natürlich auch näher hinsehen, wenn man das Thema ernst nimmt. Der Rechtsextremismus nistet sich immer stärker in der Mitte der Gesellschaft ein. Und das hat uns noch gefehlt: Getarnt als Feministinnen gehen Nazibräute auf Frauenfang. „Eine geniale Strategie – und brandgefährlich“, befindet NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) in der Reportage Heimat, Häkeln, Hetze.

    Wenn über Demokratie diskutiert wird, dann entweder high (akademisch) oder low (populistisch), geht das nicht auch anders? Wenn eine Gesellschaft gerechte Verhältnisse schaffen will, darf sie dann kalte und warme Herzen gleich behandeln? In Fatih Akins Amrum versucht ein emphatischer Junge, das kalte Herz seiner Mutter zu erobern. Er scheitert, und ich finde, das ist die Antwort auf meine Frage.

    Ich schreibe all dies gerade in Heiligenrode, einem Dorf nahe Bremen, und werde gleich ein Stück Mohnkuchen essen. Als Kind liebte ich dieses Gebäck. Da dachte ich auch noch, ich wäre auf einer wundervollen Welt gelandet.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    Februar 22, 2026

  • Sonntag, 15. Februar

    Kann Menschmaschine Schönheit erschaffen? Oder erstickt das Wesen im Regelkäfig? Und werden wir etwa taub und blind vor der Lüge? Kann sein. Die Lage der Ästhetik im Linksradikalen Kochbuch.

    Vergangenen Sonntag habe ich keinen Newsletter zustande gebracht; mein ohnehin ermattetes Hirn war nach einer Geburtstagsfeier noch träger geworden, an einen Text war nicht zu denken. Dafür bitte ich um Entschuldigung.

    Ich bin jetzt wieder ganz klar und weiß nicht, ob mir dieser Zustand gefällt. Ich bin schwer zu beleidigen, weil ich auf dem Altar der Wahrheit Immunität genieße. Aber wer mich veräppelt, beleidigt meinen Verstand.

    Werbern bin ich nicht böse, wenn sie mich anflunkern, Reklame sollte unvereidigt bleiben. Doch unsere Verfassung ist kein Penny-Prospekt, das Bundeskabinett keine Drückerkolonne. Eigentlich. Und dieses eigentlich beleidigt mich wirklich. Lobbyisten auf der Regierungsbank – ein feuchter Kapitalistentraum ist wahr geworden. Um den Spirit dieser Menschen zu verstehen, reicht ein Schritt: von der Emission eines Gaskraftwerks zu der einer Zigarette.

    Der Film ist 20 Jahre alt, aber er hilft, die Gegenwart zu verstehen. Ähnlich wie ein Film, der schon fast 40 Jahre alt ist und den Ungeist der MAGA-Bewegung erklärt:

    „Was ist nur mit diesen Menschen los“, fragt ein FBI-Agent im Film. Eine Frage mit ewiger Gültigkeit. Ein Interview in der Süddeutschen könnte den Agenten auf eine heiße Spur bringen:

    Hartmut Rosa würde vielleicht antworten: Die Menschen ersetzen ihr Handeln zunehmend durch Vollziehen; sie nehmen hin, dass die Spielräume für eigene moralische oder situationsbedingte Entscheidungen immer kleiner werden.

    Viele Menschen genießen diese Entwicklung. Die Begeisterung für die KI ist ein gutes Beispiel. Im NDR, dem eigentlich besten Sender von allen, gilt KI als sexy und geheimnisvoll. „Wir wollen nicht den Anschluss verlieren“, lautet das Mantra. Folgender Dialog hat nie stattgefunden: „Wohin fährt der Zug, den wir nicht verpassen dürfen?“ – „Weiß nicht“, antwortet der Lemming.

    Neulich hatte ich großes Glück: Mein Sohn hatte mich ins Restaurant Legler´s in Ottensen eingeladen. Seit drei Jahren kocht dort Max Legler modern französisch mit Verweisen auf europäische (und norddeutsche) Tradition. Den Service schmeißt Jörg mit Charme und Humor, so dass in gänzlich unverkrampfter Atmosphäre wunderbare Vater-Sohn-Gespräche möglich sind.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    Februar 15, 2026

  • Sonntag, 1. Februar

    Wer hat an der Uhr gedreht? Falsche Frage. Wer hat den Wecker ausgeschaltet! Und wer baut Nachkriegsarchitektur schon vor dem Krieg? Das Linksradikale Kochbuch recherchiert in Rom, Hamburg und dem britischen Archipel.

    Wer Hamburg mit der Bahn nach Süden verlässt, kommt an einer spektakulären Bauruine vorbei. Ein Sinnbild persönlichen und finanziellen Größenwahns, des Scheiterns zweier Männer. Die Gier führte den einen ins Gefängnis. Die Geltungssucht des anderen blieb ohne Folgen. Obwohl, stimmt nicht ganz. Mit dem Bauwerk, so hoch wie kein anderes in der Hansestadt, wollte sich dieser ein Denkmal setzen, das ist gelungen: Die Hamburger tauften den absurden Stummel einer Dubai-Phantasie Kurzer Olaf. Für Nicht-Hamburger: Das beschreibt die Flugbahn vom Priem in den Napf. Der Olaf wird es vergessen, wie so vieles.

    Von der Gier handelt auch die Serie TAKE THE MONEY AND RUN bei ZDFneo. Eine Frau ergaunert sich mit Krypto-Betrug Millionen, aber es sind nie genug Millionen. Viele Menschen denken so, auch ohne kriminell im Sinne der Gesetze zu handeln. Jeder Haushalt in Deutschland besitzt rund 300.000 Euro Barvermögen – theoretisch, wenn das Geld gleich verteilt wäre. Jede Million eines Deutschen lässt das Vermögen der Nicht-Millionäre schrumpfen. Da unsere Gesellschaft unbegrenzten Reichtum gestattet und aus einer Million zügig mehrere werden können, werden die Gesichter an der Aldi-Kasse immer trauriger. Ist das der Preis der Freiheit? Das häufig bemühte Zitat hat meistens noch eine Antwort parat. Für George Bernard Shaw geht Freiheit mit Verantwortung einher. Thomas Jefferson beziffert den Preis der Freiheit mit ewiger Wachsamkeit. Über den Wolken mag die Freiheit grenzenlos sein; darunter braucht jede Freiheit Grenzen.

    Die berühmtesten Rufer in der Wüste, die Mitglieder des Club of Rome, haben vor mehr als 50 Jahren darauf hingewiesen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Was passieren könnte, wenn die Menschheit dennoch Die Grenzen des Wachstums überschreitet, beschreibt Ian McEwan im Roman Was wir wissen können. Die gründlich misslungene Gestaltung unserer Welt wird darin nur en passant durchgespielt. Es geht um ein verschollenes Gedicht, das in unserer Gegenwart geschrieben, aber nicht veröffentlicht wurde. Hundert Jahre später machen sich Wissenschaftler auf die Suche nach dem sagenumwobenen Sonettenkranz. Aber auch das ist nicht das Hauptthema. Was sind Tatsachen? Und was halten wir für Tatsachen? Vielleicht die wichtigsten Fragen der Gegenwart.

    In der Kulinarik dürfen wir gierig sein, finde ich. Das Wort Ochsenschwanz-Ragù spornt sofort meinen Appetit an. Man nehme vier Stunden Zeit, schmore mit der heiligen Dreifaltigkeit (Zwiebel, Möhre, Sellerie) und Tomaten.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Februar 1, 2026

  • Sonntag, 25. Januar

    Wir schreiben das Jahr 2026. Oder 1984? Und welches Lebensgefühl prägte 1979? Das Linksradikale Kochbuch über Momente ohne Gewissheiten.

    Das Jahr ist 25 Tage alt und sieht aus wie ein getretener Hund. Aber wir sollten den Kopf nicht in den Schnee stecken. Es gibt, über die Welt verteilt, eine unbesiegbare Armee. Menschen, die sich nicht darum scheren, ob etwas unmöglich ist, wo es doch wichtig und richtig ist. Menschen, die Regeln brechen, Träume nicht für Schäume halten und Hierarchien bestenfalls amüsant finden. Die auf verlorenem Posten sagen, „dann treten wir eben ’ne Delle ins Universum“ (Steve Jobs).

    Das ist eine vage Aussicht, aber was macht das schon, wenn die Gewissheiten ohnehin schwinden. Alle bis auf eine: „Die ganze Vielfalt, der ganze Reiz, die ganze Schönheit des Lebens besteht aus Schatten und Licht“, wird Leo Tolstoi zitiert (von dem ich bisher keine Zeile gelesen habe). Der Satz fällt in der Serie PONIES bei WOW. Die Geschichte spielt Ende der 1970er Jahre in Moskau, Hauptstadt der Sowjetunion. Aus heutiger Perspektive erscheint mir der sogenannte Kalte Krieg als wehmütige Erinnerung an – immerhin – eine Weltordnung und fast niedliche Bedrohung. Damals spürte ich Angst. Soviel zu den Gewissheiten.

    Der Soundtrack spiegelt die Epoche: Folk-Rock, Ska, Punk, immer mal wippt der Fuß. Oft schimmert Rasputin von Boney M. (Frank Fabian, 1983) durch die Tonspur; das schießt mich jedesmal ins Jahr 1979, als mit Dschingis Khan (Ralph Siegel) ein weiterer exotischer Gruselmann in die Schlagerverwurstung geraten war. Ich war zu Besuch bei meinem Patenonkel in Aschheim bei München und durfte mit zum Eurovision Vorentscheid in der Rudi-Sedlmayer-Halle. Mein Patenonkel war vom Duisburger zum Bayern konvertiert und applaudierte frenetisch, als Franz-Josef Strauß als Ehrengast begrüßt wurde. Ich hielt den Onkel darauf hin für einen Verräter und FJS sowieso für den schlimmsten Politiker, der Deutschland passieren konnte. Soviel zu den Gewissheiten.

    Das Leben ohne Gewissheiten ist kein Fluß, eher eine Bahnfahrt. Wir Verrückten lieben doch Überraschungen. Die Reise als Lotterie. Die Zeit als Variable. Das Ziel süß wie Ananas. Zu den wenigen Gewissheiten gehört, dass Frikadellen, Kartoffelmus, Erbsen und Wurzeln glücklich machen.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    Januar 25, 2026

  • Sonntag, 11. Januar

    Die halbe Wahrheit des Jesaja. Die ganze Wahrheit des Seymour Hersh. Und Tratsch im Treppenhaus. Die Lage der Ästhetik.

    Ich dachte gerade abwechselnd über den Stromausfall in Berlin und einen kanarischen Kichererbseneintopf nach, da klingelten zwei Männer an meiner Tür und wollten über die Bibel sprechen. Der Redeführer gab zu, erst 34 Jahre alt zu sein. Er reichte mir einen Zettel, der Psalm 37 zitierte: „Die Gerechten werden die Erde besitzen und für immer auf ihr leben.“ Ich sagte, das Gegenteil sei der Fall, ich hatte ja morgens die Nachrichten gelesen. Aber wir brauchen doch Hoffnung, sagte der junge Mann, er konnte nicht wissen, dass ich mich nebenberuflich und quasi ehrenamtlich um die Hoffnung kümmere. Ich hoffe auf die sozialistische Weltrevolution, erklärte ich. In meinem Alter sagt man sowas lieber nicht zu Fremden, es macht einen noch älter. Aber vor den beiden Zeugen Jehovas kannte ich keine Scham. Eigentlich waren wir uns dann einig; wir hatten beide Flausen im Kopf. Ich bat sie höflich, zu gehen.

    Seymour Hersh ist ein Journalist ohne Flausen. Er folgt einem einfachen Ideal: Regierungen dürfen keine Verbrechen begehen. Er deckte das Massaker von My Lai auf und die Folter in Abu Ghraib, sein nächster Scoop könnte von Venezuela oder Grönland handeln. Das Porträt des Journalisten läuft bei Netflix: Cover-Up.

    Ach, Amerika. Vor zwei Jahren sah ich Civil War und hielt den Film für eine überdrehte Phantasie. Als ich ihn jetzt noch einmal sah, wirkte er wie eine Dokumentation aus der näheren Zukunft.

    Ich schreibe dies am Donnerstag, morgen fliege ich für zwei Sonnenwochen nach Lanzarote. Ohne mein MacBook. Deshalb fällt der Newsletter am kommenden Sonntag aus. Aber in zwei Wochen ist die Welt bestimmt wieder in Ordnung. Es stand auf der Rückseite des Jehova-Zettels: „Alle Menschen werden völlig gesund sein.“ „Die Natur wird sich vollständig erholen.“ (Jesaja)

    Ich wünsche allen zwei schöne Wochen.

    Thomas Vöcks

    Januar 11, 2026

  • Sonntag, 4. Januar

    Marschieren wir ein in dieses Jahr mit der Quersumme zehn. Auf Zehenspitzen in den Wald pfeifend, unter Blitz und Donner. Gestärkt von weißen Bohnen. Und Fleisch mit Fleischbeilage.

    Zum Jahreswechsel geraten meine Gedanken in Turbulenzen. Vergangenheit und Zukunft duellieren sich wie die Luftschichten eines Gewitters. Das scheint von Jahr zu Jahr schlimmer zu werden. Optimismus ist eine Frage des Willens, schreibt Axel Hacke im SZ-Magazin. Na dann wollen wir mal.

    Es gab einst ein Musiker-Liebespaar, das sich Lightning & Thunder nannte. Mike und Claire Sardina wollten keine Weltstars werden. Sie sang wie Patsy Cline, er wie Neil Diamond. In Wisconsin brachten sie es zu bescheidener Berühmtheit, aber um Ruhm ging es nicht. Zwischen Bühne und Parkett gab es kein Gefälle. Menschen am Rand der Gesellschaft spielten für ihresgleichen. Und allen war für einen Augenblick klar, dass Licht und Glück erreichbar waren. Diese Kunst schwebt über den Genres. Mit Sweet Caroline das Grunge-Publikum von Pearl Jam zu euphorisieren, wer kann das? Mike und Claire Sardina konnten das.

    Am Donnerstag startet der Film Song Sung Blue in den Kinos, die Geschichte von Lighting & Thunder mit Hugh Jackman und Kate Hudson. Ob Hollywood den Zauber dieses Liebespaars erkannt hat, werden wir sehen. Für Liebhaber der Echtheit gibt es die gleichnamige Doku von Greg Kohs aus dem Jahr 2008 bei YouTube. Der Film erzeugt eine Nähe, die hilft, das Phänomen zu verstehen – und manchmal kaum zu ertragen ist. Die beiden lebten in einem engen Haus, überfüllt mit Problemen. Aber der Geist der Hoffnung hatte stets Raum.

    Hoffnung ist das Wort der Jahre 2020 bis 2026, das wissen wir eigentlich alle. Wenn dieses Wort verblasst, verschwindet auch die Farbe aus unserer Zukunft. Seien wir so trotzig-schlau wie Anna Sorokin. So kühn wie Denys Finch Hatton. Und so klug wie das Marsch-Mädchen.

    Das braucht Kraft. Ein Cassoulet. Verkürzt: Ein Eintopf aus Bohnen, Fleisch und Wurst. Genauer: Eine sämige Brühe, gebunden mit dem Collagen der Schweinefüße und geschredderter Maske, verheiratet confierte Entenkeulen mit Würsten und Nackenfleisch. Ich hab es noch nicht gekocht; finde heute mal ein Publikum für diese Symphonie.

    Neu im Blog: Der alte Blog.

    Ich habe in meinen alten Texten gekramt und finde, manche haben es verdient, an dieser Stelle einen zweiten Auftritt zu bekommen.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.*

    Thomas Vöcks

    *Das linksradikale Kochbuch erscheint jetzt sonntags, das passt besser in meinen Alltag, in dem ich meistens als Flimmerbildlohndichter für Geld arbeite.

    Januar 5, 2026

  • Freitag, 12. Dezember

    Elitär ist, wer élitär schreibt. Der Rücken zeigt zur Tür, nicht zur Wand, wo bleibt der Anstand? Und lasst euch den Mozart nicht verderben! Die unverzagte Lage der Ästhetik.

    Es gab während meiner Kindheit einen Running-Gag in meiner Familie, der ging so: Nur Snobs sehen die Tagesschau im Dritten. Das hat mein Bild von den Dritten Programmen geprägt – positiv. Es klang nach einem hochnäsigen Programm mit Vorliebe fürs Semikolon; es klang verheißungsvoll, angenehm elitär. Was ich später, in meiner Jugend, im NDR beobachtete, war ein furchtloses Programm. N3 hieß der Sender damals und er stand in der Fernsehlandschaft wie eine 1 in der Nordseebrandung. Inzwischen steht der NDR mit dem Rücken zur Wand. Antje ist verzagt. Könnte mir, als freiem Flimmerbild-Lohndichter, egal sein, ist es aber nicht. Mit großen Augen habe ich die Doku über den New Yorker bei Netflix gesehen. Die Zeitschrift, prallvoll mit Geist, Kultur und Haltung, stand auch hin und wieder unter Druck von außen. Aber das Blatt verzagte nie, sondern streckte den Rücken.

    Wenn es die Kultur heute in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schafft, schaue ich ängstlich hin. Zuletzt bei der Serie Mozart/Mozart im Ersten. ich war gewarnt. In der Süddeutschen schrieb Johanna Adorján: „Die ARD bringt das womöglich Schlechteste, was das deutsche Fernsehen jemals hervorgebracht hat, und zwar zur schönsten Vorweihnachts-Primetime als Serienhighlight.“

    Damit ich nicht verzage, sehe ich immer mal eine Folge Kir Royal bei ONE. Damals war die öffentlich-rechtliche Welt noch in stabiler Unordnung.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Dezember 12, 2025

  • Freitag, 5. Dezember

    Das Scheitern der Hoffnung: an der Garderobe zur besseren Welt, an Naivität, nicht mal Jesus taugt als Retter. Aber fürchtet euch nicht! Verloren ist nur, wer meinen Newsletter nicht abonniert. Die Lage der Ästhetik.

    Man sollte immer nach der Hoffnung greifen, wenn sie sich mal zeigt. Vor allem, wenn die Hoffnungsregale im Discounter der Zivilisation gerade leer stehen. In alten Tagen, die unseren gegenwärtigen ähneln, gebaren kreative Köpfe Utopien für eine bessere Welt. Das Wort Utopie hat seine Schönheit schnell eingebüßt; nein, es wurde denunziert von denen, die an der Garderobe der besseren Welt ihre Privilegien ablegen sollten. Sehr schön zu beobachten im Film Eden bei WOW.

    Am Dienstag schimmerte Hoffnung durch eine Spiegel-Headline.

    Leider konnte der junge Mann keinen greifbaren Grund für einen bevorstehenden Sieg über die Unvernunft formulieren. Felix Kummer und seine Band Kraftklub stehen zweifellos auf der richtigen Seite der Geschichte. Aber das Fundament seiner Zuversicht ist so tragfähig wie ein Baiser. Kummer ist 36 Jahre alt. In dem Alter hatte ich längst aufgehört, We Shall Overcome zu singen. Da ich ein Ungläubiger bin, fehlt mir das Gottvertrauen auf derart steile Thesen. Schon am Montag musste ich eine Enttäuschung einstecken. Per Mail hatte mich folgende Nachricht verzückt:

    Nur ein Kunde vor mir, was macht das schon, nach 2000 Jahren Anreise. Der Mann, ohne Bart und Reife, lieferte Weißbier und Cola, ich lud ihn auf ein Glas Wasser ein und wir sprachen über Hoffnung. Das Hoffen ist doch nur ein gedankliches Flehen, sagte Jesus. Ja, sagte ich, das ist alles, was wir gerade haben.

    Wenn all das Hoffen in die Hose geht, fragte Jesus, was machst du dann? Die Frage hat mich wirklich gewundert. Bruder, in Deiner Bio steht Glaube, Liebe, Hoffnung; glauben und hoffen ist Staub im Wind, was bleibt also? Ich gab ihm Zeit zum Nachdenken und leerte den Aschenbecher.

    Ein Tiroler Gröstl schmeckt immer, aber im Winter ganz besonders. Ich habe geviertelten Rosenkohl und gehackten Kräuterseitling mitgeröstet, denn es gibt keine strenge Zutatenliste. Und Freiheit ist wie Hoffnung: Wenn sie sich zeigt, sollte man zugreifen.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Dezember 5, 2025

  • Freitag, 28. November

    Von Poeten, deren Verse das Denken entkalken. Von Köchen, die nach Köchen suchen. Und vom Filetieren der Erinnerung. Die winterliche Lage der Ästhetik.

    Wenn es dunkel und kalt wird in Hamburg, schleicht sich eine Sentimentalität zwischen meine Gedanken. Ich will sie wegstoßen, aber ich scheitere jedes Jahr. Die Baumskelette vor meinem Fenster träumen im Winterschlaf vom Frühling, ich bin leider wach und denke über die Welt und das sterbende Jahr nach. Wäre es ein Gemälde, würde ich es nicht kaufen.

    Die Erinnerung im größeren Maßstab ist schöner, die persönliche sowieso. Wer und wie war ich als Kind, Jugendlicher und später, als Vater, Ehemann, Gefährte? Die Zeit ist gnädig, sie filtert vieles Hässliche. Das Filet der Erinnerungen, pariert von Fehlern und Peinlichkeiten, ist zart und schmeckt aufregend. Sven Regener, dessen poetisches Talent mich manchmal bis zur Weißglut begeistert, verzichtet meistens auf das Filetieren und beschreibt die Vergangenheit so rotzig, wie er sie erlebt hat.

    Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin heißt die Doku über Element of Crime (Regie: Charlie Hübner), die ab morgen in der ARD Mediathek läuft.

    Ist Neid eigentlich eine Todsünde? Egal. Markus Berges dichtet für Erdmöbel Texte, für die ihn bis in die Hölle verehre. Das Lied Weihnachten (aka Last Christmas) ist nicht das beste Beispiel, es passt aber in die Jahreszeit – und erinnert mich an eine Weihnachtsfeier der RTL2-Nachrichtenredaktion vor vielen Jahren, auf der das Original von Wham! circa 200 mal lief. Das nächste Weihnachtskonzert findet übrigens am 17. Dezember 2026 in der Hamburger Fabrik statt. Vielleicht ein Anlass, die alten Kollegen mal wiederzusehen.

    Wenn Tim Mälzer ein neues TV-Format präsentiert, muss ich das natürlich sehen. Mälzers Meisterklasse (VOX), in der etliche Spitzenköche als Coaches und Juroren mitwirken, ist spannend und lehrreich. Mälzers Mentoring schwankt in den sechs Folgen zwischen Herz und Härte – streckenweise leider mit einer furchterregenden Rohrstock-Pädagogik.

    Wenn es dunkel und kalt wird in Deutschland, helfen Suppen.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    November 28, 2025

  • Freitag, 21. November

    Ach ja. Es ging ja mal ums Dichten und Denken. Heute lieber schuften und sterben. Und immer schnell besserwissen. Macht müde und mürbe. Absicht? Aber hallo! Meine leider etwas grimmige Lage der Ästhetik.

    Das Wort Arbeit löst in mir kein Glücksgefühl aus. Wer mich deshalb faul schimpft, dem sei verziehen. Wir können uns schwer der quasi-religiösen Verehrung der Mühsal entziehen; die Frage nach dem Sinn des Lebens scheint geklärt: Schuften. Die Hohepriesterin dieser Weltanschauung (oder ihr Avatar?) hat es zur Ministerin gebracht.

    Ein besonders schwerer Fall von Arbeit ist das Aufarbeiten. Wir Deutschen trainieren dieses Ritual seit Jahrzehnten. Es geht immer darum, vergangene Handlungen aus gegenwärtiger Perspektive moralisch zu bewerten. Das ist nicht besonders schwierig, wenn es um Kolonialismus, Völkermord oder den Schießbefehl geht. Aber wie soll sich das Individuum in Unrechtsstrukturen verhalten? Wissen wir heute alles besser und brechen schnell mal den Stab.

    Katarina Witt kann ein Lied davon singen. Eine Doku-Serie in der ARD Mediathek (ab 27. November) begleitet sie und uns auf das dünne Eis der Vergangenheit.

    Zum Einfühlen und Erinnern empfehle ich den Fernsehfilm KATI – Eine Kür, die bleibt in der ZDF Mediathek.

    Katarina Witt wirkt heute als Persönlichkeit sehr stabil. Wer mit einer dünneren Schicht aus Selbstsicherheit durchs Gewimmel der Rechthaberei tanzt, kann sich schon mal selbst verlieren. Man nennt diese Scheinwirklichkeit schmeichelnd Social Media. Aber es sind digitale Landminen, zwischen denen wir lavieren. Wie dieses Bewusstsein jüngere Generationen prägt, werden wir erleben.

    Es geht doch im Leben nicht darum, hart zu arbeiten oder Mitmenschen zu drangsalieren. Es geht darum, als Mensch besser zu werden.

    Ich wünsche allen Würstchen und Kartoffelsalat zu Weihnachten – und ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    November 21, 2025

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Thomas Vöcks – frei, kreativ, radikal.

 

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