Das linksradikale Kochbuch

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  • Sonntag, 4. Januar

    Marschieren wir ein in dieses Jahr mit der Quersumme zehn. Auf Zehenspitzen in den Wald pfeifend, unter Blitz und Donner. Gestärkt von weißen Bohnen. Und Fleisch mit Fleischbeilage.

    Zum Jahreswechsel geraten meine Gedanken in Turbulenzen. Vergangenheit und Zukunft duellieren sich wie die Luftschichten eines Gewitters. Das scheint von Jahr zu Jahr schlimmer zu werden. Optimismus ist eine Frage des Willens, schreibt Axel Hacke im SZ-Magazin. Na dann wollen wir mal.

    Es gab einst ein Musiker-Liebespaar, das sich Lightning & Thunder nannte. Mike und Claire Sardina wollten keine Weltstars werden. Sie sang wie Patsy Cline, er wie Neil Diamond. In Wisconsin brachten sie es zu bescheidener Berühmtheit, aber um Ruhm ging es nicht. Zwischen Bühne und Parkett gab es kein Gefälle. Menschen am Rand der Gesellschaft spielten für ihresgleichen. Und allen war für einen Augenblick klar, dass Licht und Glück erreichbar waren. Diese Kunst schwebt über den Genres. Mit Sweet Caroline das Grunge-Publikum von Pearl Jam zu euphorisieren, wer kann das? Mike und Claire Sardina konnten das.

    Am Donnerstag startet der Film Song Sung Blue in den Kinos, die Geschichte von Lighting & Thunder mit Hugh Jackman und Kate Hudson. Ob Hollywood den Zauber dieses Liebespaars erkannt hat, werden wir sehen. Für Liebhaber der Echtheit gibt es die gleichnamige Doku von Greg Kohs aus dem Jahr 2008 bei YouTube. Der Film erzeugt eine Nähe, die hilft, das Phänomen zu verstehen – und manchmal kaum zu ertragen ist. Die beiden lebten in einem engen Haus, überfüllt mit Problemen. Aber der Geist der Hoffnung hatte stets Raum.

    Hoffnung ist das Wort der Jahre 2020 bis 2026, das wissen wir eigentlich alle. Wenn dieses Wort verblasst, verschwindet auch die Farbe aus unserer Zukunft. Seien wir so trotzig-schlau wie Anna Sorokin. So kühn wie Denys Finch Hatton. Und so klug wie das Marsch-Mädchen.

    Das braucht Kraft. Ein Cassoulet. Verkürzt: Ein Eintopf aus Bohnen, Fleisch und Wurst. Genauer: Eine sämige Brühe, gebunden mit dem Collagen der Schweinefüße und geschredderter Maske, verheiratet confierte Entenkeulen mit Würsten und Nackenfleisch. Ich hab es noch nicht gekocht; finde heute mal ein Publikum für diese Symphonie.

    Neu im Blog: Der alte Blog.

    Ich habe in meinen alten Texten gekramt und finde, manche haben es verdient, an dieser Stelle einen zweiten Auftritt zu bekommen.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.*

    Thomas Vöcks

    *Das linksradikale Kochbuch erscheint jetzt sonntags, das passt besser in meinen Alltag, in dem ich meistens als Flimmerbildlohndichter für Geld arbeite.

    Januar 5, 2026

  • Freitag, 12. Dezember

    Elitär ist, wer élitär schreibt. Der Rücken zeigt zur Tür, nicht zur Wand, wo bleibt der Anstand? Und lasst euch den Mozart nicht verderben! Die unverzagte Lage der Ästhetik.

    Es gab während meiner Kindheit einen Running-Gag in meiner Familie, der ging so: Nur Snobs sehen die Tagesschau im Dritten. Das hat mein Bild von den Dritten Programmen geprägt – positiv. Es klang nach einem hochnäsigen Programm mit Vorliebe fürs Semikolon; es klang verheißungsvoll, angenehm elitär. Was ich später, in meiner Jugend, im NDR beobachtete, war ein furchtloses Programm. N3 hieß der Sender damals und er stand in der Fernsehlandschaft wie eine 1 in der Nordseebrandung. Inzwischen steht der NDR mit dem Rücken zur Wand. Antje ist verzagt. Könnte mir, als freiem Flimmerbild-Lohndichter, egal sein, ist es aber nicht. Mit großen Augen habe ich die Doku über den New Yorker bei Netflix gesehen. Die Zeitschrift, prallvoll mit Geist, Kultur und Haltung, stand auch hin und wieder unter Druck von außen. Aber das Blatt verzagte nie, sondern streckte den Rücken.

    Wenn es die Kultur heute in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schafft, schaue ich ängstlich hin. Zuletzt bei der Serie Mozart/Mozart im Ersten. ich war gewarnt. In der Süddeutschen schrieb Johanna Adorján: „Die ARD bringt das womöglich Schlechteste, was das deutsche Fernsehen jemals hervorgebracht hat, und zwar zur schönsten Vorweihnachts-Primetime als Serienhighlight.“

    Damit ich nicht verzage, sehe ich immer mal eine Folge Kir Royal bei ONE. Damals war die öffentlich-rechtliche Welt noch in stabiler Unordnung.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Dezember 12, 2025

  • Freitag, 5. Dezember

    Das Scheitern der Hoffnung: an der Garderobe zur besseren Welt, an Naivität, nicht mal Jesus taugt als Retter. Aber fürchtet euch nicht! Verloren ist nur, wer meinen Newsletter nicht abonniert. Die Lage der Ästhetik.

    Man sollte immer nach der Hoffnung greifen, wenn sie sich mal zeigt. Vor allem, wenn die Hoffnungsregale im Discounter der Zivilisation gerade leer stehen. In alten Tagen, die unseren gegenwärtigen ähneln, gebaren kreative Köpfe Utopien für eine bessere Welt. Das Wort Utopie hat seine Schönheit schnell eingebüßt; nein, es wurde denunziert von denen, die an der Garderobe der besseren Welt ihre Privilegien ablegen sollten. Sehr schön zu beobachten im Film Eden bei WOW.

    Am Dienstag schimmerte Hoffnung durch eine Spiegel-Headline.

    Leider konnte der junge Mann keinen greifbaren Grund für einen bevorstehenden Sieg über die Unvernunft formulieren. Felix Kummer und seine Band Kraftklub stehen zweifellos auf der richtigen Seite der Geschichte. Aber das Fundament seiner Zuversicht ist so tragfähig wie ein Baiser. Kummer ist 36 Jahre alt. In dem Alter hatte ich längst aufgehört, We Shall Overcome zu singen. Da ich ein Ungläubiger bin, fehlt mir das Gottvertrauen auf derart steile Thesen. Schon am Montag musste ich eine Enttäuschung einstecken. Per Mail hatte mich folgende Nachricht verzückt:

    Nur ein Kunde vor mir, was macht das schon, nach 2000 Jahren Anreise. Der Mann, ohne Bart und Reife, lieferte Weißbier und Cola, ich lud ihn auf ein Glas Wasser ein und wir sprachen über Hoffnung. Das Hoffen ist doch nur ein gedankliches Flehen, sagte Jesus. Ja, sagte ich, das ist alles, was wir gerade haben.

    Wenn all das Hoffen in die Hose geht, fragte Jesus, was machst du dann? Die Frage hat mich wirklich gewundert. Bruder, in Deiner Bio steht Glaube, Liebe, Hoffnung; glauben und hoffen ist Staub im Wind, was bleibt also? Ich gab ihm Zeit zum Nachdenken und leerte den Aschenbecher.

    Ein Tiroler Gröstl schmeckt immer, aber im Winter ganz besonders. Ich habe geviertelten Rosenkohl und gehackten Kräuterseitling mitgeröstet, denn es gibt keine strenge Zutatenliste. Und Freiheit ist wie Hoffnung: Wenn sie sich zeigt, sollte man zugreifen.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Dezember 5, 2025

  • Freitag, 28. November

    Von Poeten, deren Verse das Denken entkalken. Von Köchen, die nach Köchen suchen. Und vom Filetieren der Erinnerung. Die winterliche Lage der Ästhetik.

    Wenn es dunkel und kalt wird in Hamburg, schleicht sich eine Sentimentalität zwischen meine Gedanken. Ich will sie wegstoßen, aber ich scheitere jedes Jahr. Die Baumskelette vor meinem Fenster träumen im Winterschlaf vom Frühling, ich bin leider wach und denke über die Welt und das sterbende Jahr nach. Wäre es ein Gemälde, würde ich es nicht kaufen.

    Die Erinnerung im größeren Maßstab ist schöner, die persönliche sowieso. Wer und wie war ich als Kind, Jugendlicher und später, als Vater, Ehemann, Gefährte? Die Zeit ist gnädig, sie filtert vieles Hässliche. Das Filet der Erinnerungen, pariert von Fehlern und Peinlichkeiten, ist zart und schmeckt aufregend. Sven Regener, dessen poetisches Talent mich manchmal bis zur Weißglut begeistert, verzichtet meistens auf das Filetieren und beschreibt die Vergangenheit so rotzig, wie er sie erlebt hat.

    Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin heißt die Doku über Element of Crime (Regie: Charlie Hübner), die ab morgen in der ARD Mediathek läuft.

    Ist Neid eigentlich eine Todsünde? Egal. Markus Berges dichtet für Erdmöbel Texte, für die ihn bis in die Hölle verehre. Das Lied Weihnachten (aka Last Christmas) ist nicht das beste Beispiel, es passt aber in die Jahreszeit – und erinnert mich an eine Weihnachtsfeier der RTL2-Nachrichtenredaktion vor vielen Jahren, auf der das Original von Wham! circa 200 mal lief. Das nächste Weihnachtskonzert findet übrigens am 17. Dezember 2026 in der Hamburger Fabrik statt. Vielleicht ein Anlass, die alten Kollegen mal wiederzusehen.

    Wenn Tim Mälzer ein neues TV-Format präsentiert, muss ich das natürlich sehen. Mälzers Meisterklasse (VOX), in der etliche Spitzenköche als Coaches und Juroren mitwirken, ist spannend und lehrreich. Mälzers Mentoring schwankt in den sechs Folgen zwischen Herz und Härte – streckenweise leider mit einer furchterregenden Rohrstock-Pädagogik.

    Wenn es dunkel und kalt wird in Deutschland, helfen Suppen.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    November 28, 2025

  • Freitag, 21. November

    Ach ja. Es ging ja mal ums Dichten und Denken. Heute lieber schuften und sterben. Und immer schnell besserwissen. Macht müde und mürbe. Absicht? Aber hallo! Meine leider etwas grimmige Lage der Ästhetik.

    Das Wort Arbeit löst in mir kein Glücksgefühl aus. Wer mich deshalb faul schimpft, dem sei verziehen. Wir können uns schwer der quasi-religiösen Verehrung der Mühsal entziehen; die Frage nach dem Sinn des Lebens scheint geklärt: Schuften. Die Hohepriesterin dieser Weltanschauung (oder ihr Avatar?) hat es zur Ministerin gebracht.

    Ein besonders schwerer Fall von Arbeit ist das Aufarbeiten. Wir Deutschen trainieren dieses Ritual seit Jahrzehnten. Es geht immer darum, vergangene Handlungen aus gegenwärtiger Perspektive moralisch zu bewerten. Das ist nicht besonders schwierig, wenn es um Kolonialismus, Völkermord oder den Schießbefehl geht. Aber wie soll sich das Individuum in Unrechtsstrukturen verhalten? Wissen wir heute alles besser und brechen schnell mal den Stab.

    Katarina Witt kann ein Lied davon singen. Eine Doku-Serie in der ARD Mediathek (ab 27. November) begleitet sie und uns auf das dünne Eis der Vergangenheit.

    Zum Einfühlen und Erinnern empfehle ich den Fernsehfilm KATI – Eine Kür, die bleibt in der ZDF Mediathek.

    Katarina Witt wirkt heute als Persönlichkeit sehr stabil. Wer mit einer dünneren Schicht aus Selbstsicherheit durchs Gewimmel der Rechthaberei tanzt, kann sich schon mal selbst verlieren. Man nennt diese Scheinwirklichkeit schmeichelnd Social Media. Aber es sind digitale Landminen, zwischen denen wir lavieren. Wie dieses Bewusstsein jüngere Generationen prägt, werden wir erleben.

    Es geht doch im Leben nicht darum, hart zu arbeiten oder Mitmenschen zu drangsalieren. Es geht darum, als Mensch besser zu werden.

    Ich wünsche allen Würstchen und Kartoffelsalat zu Weihnachten – und ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    November 21, 2025

  • Freitag, 14. November

    Eine Epidemie der Harmonie – wäre das zu ertragen? KI ist ein Menschenfresser. Wer will ihn füttern? Lasst uns wie Dashi sein: höflich und hilfreich. Die aromatische Lage der Ästhetik.

    Was, wenn das mal aufhören würde, dieses gegenseitige Geschimpfe, die Bosheit und Ungerechtigkeit? Vielleicht durch ein Virus, das sämtliche Charaktermängel beseitigt. Eine Pandemie der Schönheit, wie wär das? Spontan würde ich sagen, ich impfe mich diesmal nicht, und die Maske könnt ihr vergessen. Vielleicht läge ich damit aber falsch. Auf Mord und Totschlag kann ich gut verzichten, aber will ich ständig von seligem Lächeln umgeben sein? Und wäre ich der einizige, den das Virus verschont, wär das schön? Durch einen nicht enden wollenden Kirchentag wandeln? Während der Serie Pluribus bei Apple+ kann man in Ruhe darüber nachdenken.

    Aber momentan grassiert ein ganz anderes Virus. Mein geliebter NDR ist im KI-Fieber, das bereitet mir Liebeskummer. Für mich ist KI das Kürzel für Kein Interesse. Bestimmt taugt die Wunderwaffe für grandiosen Schabernack; wie sonst hätte der US-Präsident mal flink einen Film basteln können, in dem er Exkremente auf Demonstranten regnen lässt. Vor allem aber gibt es KI, weil sie Menschen ersetzen kann. Das kann nicht mein Interesse sein. Es wird zuerst Künstler erwischen: Sprecher, Musiker, Autoren, Grafiker. David kämpft gerade gegen Goliath, aber ich würde nicht auf ihn wetten.

    Apropos Musik: Ich habe mal wieder ein Konzert besucht, zusammen mit einem Freund genoss ich den angestaubten, aber warmen Brit-Pop von Psyhodelic Furs. Bevor die älteren Herren die Bühne enterten, spielten vergleichsweise junge Leute aus Los Angeles auf. Könnte sein, dass man von Dear Boy noch hören wird.

    Am Wochenende gibt es Okonomiyaki. Wichtig ist, dass der Teig mit Dashi angerührt wird. Der Sud aus Kombu-Alge und Bonitoflocken kann in 15 Minuten hergestellt werden. Besser wird die Brühe, wenn sie über Nacht zieht. Noch besser, findet jedenfalls Tim Raue, wenn man statt Wasser Hühnerfond einsetzt.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    November 14, 2025

  • Freitag, 7. November

    New York leuchtet, Deutschland setzt auf Gaslampen. Im Süden nichts Neues, aber ich lasse mir Bayern nicht versödern. Apropos: Nicht in der Wurst, in der Aubergine liegt die Wahrheit. Die gestrige Lage der Ästhetik.

    Zu meiner eigenen Überraschung hege ich eine heimliche Liebe zum Bajuwarischen. Ich glaube, die hat mir mein Vater beschert. Schon deshalb war ich auf den Zweiteiler Sturm kommt auf im ZDF gespannt. Außerdem empfinde ich es als meine Bürgerpflicht, mich regelmäßig mit Deutschlands dunkelsten Stunden zu befassen, gern auch in fiktionaler Bearbeitung. Da ist natürlich wenig Neues zu erfahren. Aber die Perspektive einer bayrischen Dorfgemeinschaft verrät viel darüber, welchen Wert der Begriff Charakter im Freistaat genießt. Das ist zum großen Teil leider dem Katholizismus geschuldet, aber sei’s drum.

    Soviel zur Vergangenheit. Wer die Zukunft sucht, findet sie nicht in Deutschland. Hier regiert die Sehnsucht nach dem Gestern, manchmal sogar Vorgestern. Die Chuzpe, mit der uns die Heilkraft von Gas und Öl gepredigt wird, ist grotesk. Charlie Chaplin wäre bestimmt ein Film eingefallen, der das Schmierentheater der Gegenwart wenigstens in die Kunstgeschichte einsortiert hätte. Vielleicht übernimmt das Bully Herwig, statt noch einen Cowboyfilm zu drehen. Die Realsatire wurde am Sonntag im Ersten aufgeführt.

    Wesentlich amüsanter hat Die Anstalt den Irrsinn schon im Oktober im ZDF erklärt.

    Die Süddeutsche spießt ein Detail der Groteske auf: Wie Oliver Blume, der Hauptschuldige in der Causa Volkswagen/Porsche, sich feiert. Und wie er mit kindlicher Begeisterung vom elektrischen Cayenne schwärmt. Das Monstrum beschleunigt mit 1000 PS und brüllt über Lautsprecher wie ein V8-Motor.

    Es müsste ein gehöriger Ruck durch Deutschland gehen, wollten wir die Vernunft wieder ernsthaft ins Gespräch einladen. Ein Zohran Mamdani täte uns gut, ich wäre aber auch mit Ines Schwerdtner oder Heidi Reichinnek zufrieden.

    Neulich hat mir mein Sohn eine Parmigiana di Melanzane gekocht, mit einem perfekten Ergebnis. Die köstlichste Art, Aubergine zu essen. Vielleicht gebe ich die Leidenschaft fürs Kochen weiter wie mein Vater die Bayern-Macke.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    November 7, 2025

  • Freitag, 31. Oktober

    Männer lügen am Telefon. Geben Gas, wollen Spaß, finden sich toll. Kein Problem, wenn sie sich leise im Hintergrund halten. Die feministische Lage der Ästhetik.

    Vielleicht sollten es die Frauen richten, also die wichtigen Angelegenheiten der Gesellschaft. Männer stehen oft imWeg: dem Fortschritt, der Gerechtigkeit, der Kommunikation, sich selbst. Längst gälte Tempo 100 auf Autobahnen, aber Männer müssen ja rasen bis die Schwarte kracht. Liest man den Gastkommentar von Thomas Gesterkamp in der taz wie ich, also mit leidenschaftlicher Großzügigkeit in Faktenfragen, gehen alle gefährlichen Verkehrsunfälle aufs Konto von Männern.

    Historisch betrachtet, steckt das Talent für die Kunst des Regierens auch nicht im Y-Chromosom. Wenn wir eine Hand voll Königinnen ausblenden (s.o.), gehen Kriege seit je her von Männern aus. Wusste Herbert Grönemeyer schon immer.

    Die jüngere deutsche Geschichte zeigt, es steht 16:0 für das Modell „Frauen an die Macht“. Erst nachdenken, dann sprechen und manchmal aufs Herz hören, keine so schlechte Idee. Aber was machen die Reichstagsmänner der Post-Merkel-Ära? Schweigen (der Amnesiekanzler) und Plappern (der Stadtbildkanzler). Beide sind natürlich Verbrennermänner. Und sie bremsen nur: Frauen.

    Was heißt das? Die Entmackerung der Bundesrepublik könnte noch zwei- bis siebenhundert Jahre dauern, wenn Frauen nicht andere Saiten aufziehen. Wie das funktionieren kann, haben sie mehrfach bewiesen. Streik ist das Mittel der Wahl und des Erfolgs. Bei Arte zu bestaunen: Die Rotstrumpf-Aktion, bei der es „nur“ um gerechte Bezahlung ging.

    Inzwischen sollte es um mehr gehen, als die Abschaffung von Sklaverei light. Auf dem Spiel steht… ja, der Weltfrieden. Der Planet. Zukunft, alles. Ich frage mich, was Männer davon abhält, ihre Lächerlichkeit abzustreifen. Vielleicht ist es die Angst vorm Vakuum.

    Ich fahre seit Jahrzehnten sehr gut damit, weiblicher Klug- und Weisheit zu vertrauen. Nur am Herd dulde ich keine Mitsprache. Niemand brät eine Entenbrust besser, als ich. SO SAD!

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Oktober 31, 2025

  • Freitag, 24. Oktober

    Frage an Architekten: Was fehlt im Stadtbild? Fröhliche Töchter? Knusprige Hähnchen? An Psychologen und Dermatologen: Gibt es Hoffnung für die Narbe? Zum ewigen Zank zwischen Werbung und Wahrheit: Die Lage der Ästhetik.

    Ungefähr einmal im Vierteljahr esse ich ein halbes Hähnchen vom Grill. Das ist ethisch mindestens fragwürdig. Denn vermutlich haben die Tiere zu ihren kurzen Lebenszeiten ähnlich eng beieinander gehockt wie auf den Spießen. Leider ist der klassische Hähnchengrill weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Aber ich habe eine App namens Hähnchen-Radar, die mir verrät, wo der nächstgelegene Gaumenschmaus-Wagen steht. Das Unternehmen behauptet, knusprige Broiler zu verkaufen, aber das stimmt nicht, die Haut ist köstlich, aber sie ist weich. Nicht schlimm. Die Gastronomie hat sich eben angewöhnt, ihre Produkte als „außen knusprig, innen saftig“ zu beschreiben. Die Branche ist nicht in erster Linie der präzisen Sprache verpflichtet. Die zerstrittenen Geschwister Wahrheit und Werbung – auf der Speisekarte küssen sie sich manchmal.

    Was mir nicht klar war, ist, dass das deutsche „Wirtschaftswunder“ ein Mythos ist wie das knusprige Grillhähnchen. Die Doku Geraubtes Wirtschaftswunder bei Arte skelettiert den Stolz der Deutschen schonungslos und hinterlässt Knochentrümmer.

    Bis heute huldigen Konservative gern der Sozialen Marktwirtschaft und ihres angeblichen Erfinders, Ludwig Ehrhard. Der Zigarrenmann hat sich das Modell von einem Berater der Nazis schreiben lassen und hatte selbst null Ahnung von Ökonomie – aber er verstand gutes Marketing: Klare Sprache, klares Versprechen, klarer Plan. Damit hatte er heutigen Politikern einiges voraus. Mit Bravur kommuniziert der amtierende CEO der Bundesrepublik vor allem an jungen Menschen vorbei – so das Fazit von Nils Minkmar in der Süddeutschen.

    Pandemie, Kriegsangst, Nazis, der Hagelsturm der letzten Jahre bleibt nicht ohne Folgen. Wenn die Sonne mal blendet, sieht man die Narben nicht, aber sie leuchten im Schatten, von Heilung keine Spur. Und wehe, sie brechen mal. Dann rollt der Tsunami gen Wolkenkuckucksheim. Gleich zwei Fernsehfilme betrachten zurzeit diese Entzündungen unterm Schorf.

    In Polizeiruf 110 – Tu es! entlädt sich der Furor eines idealistischen Lehrers in einem Monolog. Die Szene hat mich elektrisiert, weil im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mal unausgewogen und rücksichtslos ein Gefühlsleben ausgebreitet wird, das so echt wie niederschmetternd ist. Dieser Monolog verlangt und verdient eine Antwort. Am besten vom CEO der BRD, aber bitte kein Geraune von Stadtbildern und Töchtern.

    Ich fühlte mich kurz erinnert an die Satire Network von 1976.

    Der Film Von uns wird es keiner sein im ZDF entfaltet langsam, aber heftig einen Sog. Du wirst Teil einer Jugend- und Elternwelt, die niemals so heil ist, wie sie scheint.

    Das Phänomen Schlaflosigkeit war mir vor 30 Jahren fremd, das hat sich geändert. Damals entstand Insomnia von Faithless. Ich hab die Musik nicht gleich verstanden, aber der Auftritt in der Großen Freiheit war toll. Und inzwischen vermisse ich eine singbare Hood-Line nicht mehr, erst recht kein Blues-Schema. The Times They Are a-Changin’ – manchmal zum Glück, aber nicht immer.

    Die Marotte, ein Abendessen mit einem Aperitif zu beginnen, hat mich in Frankreich infiziert und ich werde sie nicht kurieren. Neulich, der Weißwein war aus, wollte ich einen Kir. Ich griff zum Rotwein, goss ihn auf einen Schwupps Crème de Cassis, war begeistert. Wer Krimsekt mag, wird den Drink lieben. Aber wer hat´s erfunden? Ich leider nicht, fand ich heraus. Cardinal Kir heißt der Drink und ist Exoten unter Trinkern bestimmt längst bekannt.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Oktober 24, 2025

  • Freitag, 17. Oktober

    Neues vom Perlentaucher in der Jauchegrube. Von Welt- und Zerrbildern. Welchen Preis haben Gewissen und Wahrheit? Warum lügt der Herbst? Und warum ist Sauerteig sexy? Die Lage der Ästhetik. http://www.voecks.tv

    Vor meinem Fenster belügt mich der Herbst. Schau, meine bunten Blätter. Die armen Blätter liegen im Sterben, das verrät er nicht, der Herbst, er hat ein Imageproblem, da wird gern geflunkert. Ich nehme es dem Oktober aber nicht übel, obwohl ich sonst gegen das Lügen bin. Ein Schwindel hilft oft bei der Navigation durch Wahrheiten. Das habe ich so in mein Weltbild eingebaut, also in meine vorläufige Vorstellung einer funktionierenden Welt.

    Unser Mathelehrer L. hat gesagt, kluge Menschen arbeiten lebenslang an einem Weltbild. Deshalb habe ich mich mit einem ewigen Provisorium der Weltsicht abgefunden. Denn Herr L. war streng und altmodisch, aber neben Wissen und Angst verströmte er auch das Angebot, seine Weisheit wahrzunehmen und vielleicht irgendwann zu begreifen. Herr L., ach, was solls, Lischke konnte manche Weltläufte vorhersagen, zum Beispiel, dass meine Generation (Schmähkürzel: Boomer) mit fröhlichem Karacho auf den Abstieg zu rast. Aber ich glaube nicht, dass er sich den Zustand der Gegenwart vorstellen konnte.

    Als Perlentaucher in der Jauchegrube finde ich natürlich die Vorzüge im Chaos: es fordert mich täglich auf, mein Weltbild zu prüfen. Die nächste Frage lautet, wenn ich Pech habe, welchen Preis bezahle ich für meine Überzeugungen. Die Amerikanerin Reality Winner (was für ein Name!) hat sich im entscheidenden Moment ihres Lebens entschieden. Über die Whistleblowerin wurden schon zwei Spielfilme gedreht. Einer läuft in der ZDF-Mediathek:

    Der andere bei Prime:

    Im geografischen Sinn ist unser Weltbild geprägt von Karten, die 1569 für Seefahrer entwickelt wurden. Was für die Navigation sinnvoll war gaukelt uns seit Jahrhunderten eine total falsche Verteilung der Landmasse vor. Zeit, sich an die Wahrheit zu gewöhnen, findet Ullrich Fichtner im Spiegel. Und ich auch.

    Ich habe neulich die Reihe Die Brotrebellen bei Arte verschlungen.

    Die Filme erinnerten mich daran, dem Grundnahrungsmittel wieder mehr Demut zu zollen. Und ich bekam Lust auf Sauerteigbrot. Bei mir in Ottensen gibt es verschiedene Bäckereiketten, gern steht, wer was auf sich hält, bei Zeit für Brot an. Biobrot gibt es natürlich, und in dieser Nachbarschaft darf auch der Laibverbrenner Gaues nicht fehlen. Ich vermisse den traditionellen Handwerksbäcker Wulf, der mich dreißig Jahre lang in Eppendorf ernährt hat.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Oktober 17, 2025

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Thomas Vöcks – frei, kreativ, radikal.

 

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