Zum Inhalt springen
Das linksradikale Kochbuch

Das linksradikale Kochbuch

Menü
Archiv
  • Mai 2026
  • April 2026
  • März 2026
  • Februar 2026
  • Januar 2026
  • Dezember 2025
  • November 2025
  • Oktober 2025
  • September 2025
  • August 2025
  • Juli 2025
  • Juni 2025
  • Mai 2025
  • April 2025
  • März 2025
  • Über mich

  • Sonntag, 31.Mai

    Eine Brise Finnland: Werden Schulen schön? Eine Welle Menschlichkeit: Nix gelernt, Kanzler? Die schnelle und unbürokratische Lage der Ästhetik.

    Mein erster Schulranzen war aus Rindboxleder genäht, das war damals das Standardmodell. Dazu gehörte eine Brottasche mit Schulterriemen aus dem gleichen Material. Das Leder war so starr wie das Schulsystem. Die Grundschule hatte vier Lernziele: Lesen, Schreiben, Rechnen, Stillsein. Erst nach dieser Dressur, in der fünften Klasse der nächsten Schule, wurde ich wiederbelebt. Musik, Kunst, Deutsch, ich hatte tolle Lehrer. Der Geruch von Leder und Graubrot war verflogen.

    In Hamburg öffnet bald eine Grundschule, die von Anfang an die Zügel locker lässt. Keine Ranzen, offene Räume. Dort könnten freie Geister gedeihen, ich wünsche mir mehr Künstler und weniger Krieger.


    Auf der Suche nach Themen, die Mut machen, habe ich dann noch die Doku Ein Tag im Juli – Ahrtalflut 2021 in der ARD Mediathek gefunden. Sie zeigt, dass Menschen in der Not Menschen helfen. Aber sie zeigt leider auch, was manchen Politiker von solchen Menschen unterscheidet: die Fürsorge. Und das betrifft bei Weitem nicht nur das Ahrtal. Wer die Fürsorge in Regierungen nicht erfährt, sucht sie wo anders, zurzeit gern im Abgrund.


    Nicht gesund, aber yumyum: Gebackenes Hähnchen süß-sauer. Mir ist es gestern ganz gut gelungen, dann schafft ihr das auch. Nächsten Sonntag bin ich wieder in Italien, bin selbst gespannt, was ich da koche.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    Mai 31, 2026

  • Sonntag, 24. Mai

    Ich versuch’s mal: Könnte der Heilige Geist bitte nochmal vorbeikommen? Dreifaltigkeit unpässlich? Okay, dann bleibe ich ungläubig und bete den Satz des Syrers. Die undogmatische Lage der Ästhetik.

    Warum sollte jemand absichtlich eine Sicherheitsnadel oder eine Batterie verschlucken? Gegenfrage: Warum studiere ich täglich die Nachrichten oder sehe politische Talk Shows? Das Resultat ist jeweils Schmerz, mal im Bauch, mal im Kopf. Am Donnerstag bot Lanz die Gelegenheit, mit akuter Kriegsangst einzuschlafen. Da war sie dahin, die sinnlose Heiterkeit nach den neuen LOL-Folgen.

    Das Psychodrama Swallow handelt von der Obsession einer Frau, gefährliche Gegenstände zu schlucken, sie lebt in einer Luxusvilla. Ihr syrischer Betreuer sagt: Hättest Du den Krieg erlebt, hättest Du dieses Problem nicht. Aber sie hat eigentlich kein Luxusproblem, sondern ein existenzielles. Und das haben wir ja alle, wie uns die Nachrichten erzählen.

    Der Satz des Syrers hat sich irgendwie in die Swallow-Story hinein gemogelt; nun ist er in der Welt und hier sollte er bleiben. Er kommentiert jedes Timmy-Problem einer übersättigten Gesellschaft.


    Für Autoren ist Schreiben ein kreativer Prozess. Dieser erfährt einen gehörigen Schub, wenn der Text handschriftlich verfasst wird, glaubt Helene Hegemann, die zusammen mit vier Regie-Kollegen in Cannes die Gruppe Dogma 25 vorgestellt hat. Deshalb sollen die Drehbücher der Dogmatiker ausschließlich mit Griffel auf Papier entstehen. Ich glaube, Frau Hegemann hat Recht. Stift und Gehirn lassen einem Satz Zeit zum reifen. Denn misslungene Sätze werden durchgestrichen und bleiben als Mahnmale für bessere Konzentration erhalten, das will ja keiner.


    Ich schreibe trotzdem weiter auf dem barmherzigen Computer, der Murks einfach verschwinden lässt. Außerdem sind Dogmen nichts für mich; außer bei italienischen Pastasoßen.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    Mai 24, 2026

  • Sonntag, 17. Mai

    Eine Lektion für Lehrer Lämpel: Spiel doch mal mit Schmuddelkindern. Der Gang darf, Haltung nicht: elastisch sein. Und die Provence lockt mit Koriander und Basilikum. Die Lage der Ästhetik.

    Hör mal, wer da hämmert, er zimmert Wände aus rustikaler Eiche ins Stadtbild und streicht den Himmel oliv, mit Rohrstockblick auf die Stechuhr. Ein Bundesarchitekt, unbeleckt von Ahnung, worauf die Statik einer Gesellschaft fußt; wie schön, dass ihn das ZDF mit dem Biopic Olivia fortbildet. Ein Lehrstück, das leider in unsere Zeit passt, obwohl die Geschichte in der Vergangenheit spielt. Dabei geht es eigentlich nur um Freiheit und Toleranz. Olivia Jones verteidigt diese Werte mit liebenswerter Bestimmtheit. Das entwaffnet die Front der Herrenmenschen – gelegentlich, aber nicht ewiglich, wie es aussieht.

    Vor zehn Jahren stand Olivia zusammen mit der Ausnahme-Pastorin Annette Behnken für das Wort zum Sonntag auf dem Turm des Hamburger Michel. Im Nachhall einer sterbenden Willkommenskultur durften beide die Vielfalt in Gesellschaften preisen. Ich bezweifele, dass die ARD das heute noch erlauben würde.

    Das Rückgrat der Demokratie wird elastisch. Denn wie der stete Tropfen den Stein höhlt, verbiegt unablässige Politikerschelte irgendwann auch Intendantenrücken. Die Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sagt zum Abschied leise Servus? Nicht, so lange es das ZDF Magazin Royal gibt. Vorgestern hat Jan Böhmermann das System noch mal erklärt, ziemlich rabiat, aber das tut Not.


    Aber Geschmeidigkeit kann ja auch schön sein, in Diskussionen, beim Tanzen, im Alter auch beim Schuhwerk. Da bieten sich Turnschuhe an, aber die trage ich nur beim Sport, also nie. Sandalen von Birkenstock trage ich im Urlaub, wenn ich denke, isso warm, egal. Meine Zehen wollen sich kleiden, sie mögen die Nacktheit nicht, das respektiere ich. Jetzt habe ich einen Halbschuh von Birkenstock anprobiert, der sich erschütternd schön anfühlte.

    Neulich träumte ich, dass Udo Lindenberg ein halbes Dutzend dieser Fußschmeichler geordert hat. Sein heutiger Geburtstag verfolgt mich offenbar bis in den Schlaf. Einstweilen schlüpfe ich noch in meine Dinkelacker. Und hoffentlich werde ich auch mal 80.


    In meiner Familie war Salat immer weiß. Fleischsalat, Krabbensalat, Mayonnaise mit Biss, frei von Blattwerk. Mein Verhältnis zum klassischen Salat-Salat ist bis heute von Skepsis geprägt. Neulich entdeckte ich in der Süddeutschen diesen Salade Provençale. Der hat mich begeistert. Das liegt vor allem an dem Dressing mit reichlich Koriander und Basilikum. Mit einem dicken Löffel Honig habe ich der Soße zu noch höheren Weihen verholfen. Und die Paprika habe ich nicht gehäutet, sondern kurz und kräftig gebraten.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    Mai 17, 2026

  • Sonntag, 10. Mai

    Die Läuterung der biegsamen Rabauken: Wie viel Punk steckt in der Krawatte? Und kann die Rebellion Ein bisschen Frieden herstellen? Sechs Tage vor dem ESC: Die Lage der Ästhetik.

    Es gebe einen neuen Trend, las ich, die Vogelbeobachtung begeistere immer mehr Menschen. Das leuchtet mir ein, es entspannt wohl ähnlich wie das Angeln, und man muss die Vögel nach ihrer Entdeckung nicht mal totschlagen und ausnehmen. Und bestimmt ist es schonender für die Seele auf ein Rotkehlchen zu warten, als auf die nächste Eilmeldung auf dem Handy. Still die Welt betrachten, das ist der Gegenentwurf zum Twittergetöse und zur Schlagzeilenschlacht der Medien. Das Gefecht zwischen Meinung und Gegenmeinung hat sich zu einem Reißverschluss entwickelt, der sich von selbst nach oben zieht. Die Kehle ist nicht mehr weit.

    Vielleicht ergibt sich im Jahr 2034 eine Chance zur Umkehr (vorher wäre schön). In dieser nahen Zukunft spielt ein Musikvideo, das ich gern als Hoffnung lesen würde. Aber ich schreibe hier keine Rezensionen, biete nur den Gedanken kleine Ausflüge an. Regisseur des Videos ist Romain Gavras, die atemberaubende Choreografie leistete Damien Jalet. Bitte habt etwas Geduld, das Wunder tritt erst nach gut vier Minuten ein.


    Mir gefiel schon immer die Idee der Schuluniform. Sie vertuscht weitgehend die soziale Herkunft des Trägers und lässt dennoch Individualität in Nuancen zu. Das zwingt zur Sorgfalt in der Regie des eigenen Auftritts. Der Duden definiert Eleganz als ein äußerliches Phänomen, ich nicht. Eleganz ist eine Entscheidung: Wer will ich sein. Wer diese Frage geklärt hat, kann Gummistiefel tragen oder Borsalino, oder beides. Nur diese Sicherheit erzeugt eine Ausstrahlung, die andere inspiriert.


    Wer gern kocht, aber, wie ich, in einer Miniaturküche werkelt, braucht gute Organisation. Die Süddeutsche hat Schneidebretter getestet; der Testsieger erinnert an das Frankfurter Brett, das aber eher für die fette Kochinsel geeignet ist. Cleanboo ist ein Vater-und-Sohn-Unternehmen in München. Und dieses Brett ist der Hammer.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    Mai 10, 2026

  • Sonntag, 3. Mai

    Wer Schmetterlinge Lachen hört, ist vor dem Schlimmsten gefeit. Ehrlich währt am längsten, Checker Tobi hat´s geschnallt. Und Kaninchenklopse ohne Sauerkrautsaft? Geht gar nicht. Die Lage der Ästhetik.

    Auf dem abschüssigen Pfad meiner Gedanken strauchelte ich und suchte Halt. Wie immer fragte ich den Baum vor meinem Fenster, diesen Gaukler, der mich, wie stets im Frühling, angrinste wie ein bayrischer Ministerpräsident, ich hätte lieber Schmetterlinge Lachen gehört. Aber der Disco-Hase in mir flüsterte, es gebe da doch was aus dem aktuellen Jahrhundert, und ich kettete mich an den Groove von Yin Yin.

    Aber: Nichts gegen Novalis und seine romantische Trostlyrik. Die Romantik wollte versöhnen, wo bleibt also die Neo-Romantik, außer zwischen meinen Zeilen. In dieser scharfkantigen Zeit schmelzen Versöhnung und Liebe im Mündungsfeuer der Lügen. Respekt und Ehrlichkeit dagegen schaffen Vertrauen, das sagt – sinngemäß – Tobias Krell, der sich als Checker Tobi im Ersten um die Bildung unserer Kinder kümmert. Sein Rezept wirkt aber bei Menschen allen Alters. Unsere Stellvertreter auf dem Planeten Berlin-Mitte sollten sich Tobias´ Worte hinter die Ohren schreiben. Werden sie nicht tun; sie pflügen die Vernunft mit den Schwertern der Lobbyisten. Sonst hätten wir ja längst ein Tempolimit und Gratisstrom aus der Natur.

    Als ich den tollen Dokumentarfilm Tschernobyl 86 – Der Super-GAU sah (hier in der ARD Mediathek), fiel mir auf, dass sich an der Vernebelungsrhetorik bis heute nichts geändert hat. Eher wurde sie perfektioniert. Heizungsmodernisierungsgesetz, Sondervermögen – wie viele Werbetexter sitzen eigentlich auf Ministerschößen? Oder sind es Satiriker?


    Bald geht es wieder nach Italien. In den Marken isst man gern Kaninchen; in Rumänien auch, habe ich gerade in einer neuen Folge Kitchen Impossible gelernt (hier bei RTL+, hier das Rezept). Vielleicht probiere ich das Rezept in diesem Jahr aus, mal sehen, was die anderen sagen.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Und ich wünsche meinem Sohn, der heute 25 wird, alles Glück der Welt.

    Thomas Vöcks

    Mai 3, 2026

  • Sonntag, 26. April

    Die Dämonen lauern im Schatten, aber das Licht der Kunst versiegt im Laub, Untaten bleiben ungesühnt, unterbelichtet. Hört die Signale der Wale! Zeit für Jazz-Punk der Harlekine. Die Lage der Ästhetik.

    Mein erster Gedanke war: Ja, klar, diese Musik, dieser Auftritt, das Gesamtkunstwerk Angine de Poitrine passt ja genau in die Zeit! Alles verstörend. Vergesst die alten Schubladen, die Posen der Rocker, die Phrasen der Poeten, werft Buchstaben in die Suppe und löffelt frische Worte. In meinen Augen und Ohren kommentiert das Duo den Weltzustand, warum sonst nennen sie sich Angina Pectoris. Der Schmerz vor dem Infarkt ist ja spür- und sichtbar, auch im sonnigen Frühling, wenn uns Wale zum Sterben besuchen. Aber die Architektur des Untergangs wird anderswo gestaltet, unerreichbar für die Tentakel der Kunst. Guernica hat Gaza gezeigt, aber nicht gerettet. Hieronymus Bosch war der Hamas keine Warnung, sondern Ansporn. Und so weiter. Um den Kreis zu schließen: Mein zweiter Gedanke zu Angine de Poitrine war der gleiche wie der erste.

    Die Lernkurve der Menschheit ist ja erschütternd flach. Das ist das Thema der deutschen Komödie Die Geschichte der Menschheit (hier bei Netflix). Der Film schont uns nicht; wie ein Routenplaner erklärt er die falschen Abbiegungen des Weltenlaufs, immerhin in heiterem Fatalismus. Sollten wir uns Witze über den Irrsinn erzählen? Mir verging schnell das Schenkelklopfen, denn eigentlich ist es eine traurige Geschichte.

    Im Theater ging es vorgestern um das Thema Flucht und Verlust der Heimat: Alles, was wir nicht erinnern. Angesprochen wurden aber nicht Syrer oder Afghanen, sondern Deutsche. Eingangs fragte eine Schauspielerin, wer Vorfahren mit Migrationsgeschichte hat. Der gesamte Saal stand auf. Das hilft der Empathie auf die Sprünge, aber die weht ohnehin durchs Thalia an der Gaußstraße. Das Theater ist nicht Deutschland, und die Kunst… siehe oben.

    Bescheidenheit ist eine Zier, daran glaube ich auch in der Küche. Vor Jahren sah ich eine Folge Zu Tisch in… bei Arte, die leider nicht mehr auffindbar ist. Ich glaube, sie spielte in der Bretagne. Eine Frau servierte ihrem Mann, einem Fischer, zum Mittag verquirltes Ei mit Pellkartoffeln. Ein Hochgenuss, wenn die Zutaten von Wert sind.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    April 26, 2026

  • Sonntag, 19. April

    Mannomann, der Männermist geht gerade auf keine Walhaut. Denken auf zwölf Zylindern reicht nicht mal für die Schaumkrone der Schöpfung. Und Dein Penis ist keine moralische Kompassnadel. Die unappetitliche Lage der Ästhetik.

    Irgendwann merkte ich, dass ich mich verrannt hatte. Vor zwei Wochen wollte ich über Männlichkeit schreiben. Es ist dieser Tage ein ergiebiges Thema, und das ist genau das Problem: Kaum glaube ich, einen Roten Faden zu halten, reißt ihn jemand aus meiner Hand. Mal kompensiert Ulf Poschardt die Ödnis seines Ferrari-Lebens, indem er die Rückkehr des Biedermeier herbeinölt. Dann verplappert sich Denis Scheck und versenkt den Schein seines Anstands im Restmüll der Metaphern. Und zwischendurch verlötet Dieter Nuhr die Worte Ulmen und Migration zu einem Witzklumpen, der immerhin die hysterische Dimension seiner Frauen- und Fremdenangst illustriert. Nein, Männer.

    Auch die Recherche in den Streamingdiensten half mir nicht weiter. Der Dokumentarfilm Holt – Der Windkraft-Schwindler (hier in der ARD Mediathek) reibt mir 90 Minuten lang unter die Nase, dass männliche Selbstherrlichkeit zwar in den Knast, aber zuvor zu absurdem Reichtum führen kann. Nur ein romantisches Detail sei verraten: Während der Haft veranstaltet der Verbrecher (nicht: Schwindler) ein Ehefrauen-Casting mit seinen zahlreichen Frauenbekanntschaften; die Gewinnerin vergöttert ihn. Nein, Frauen, ihr müsst auch ein bisschen mithelfen.

    Aus der Doku Inside the Manosphere (hier bei Netflix) lässt sich ebenfalls kein Trost schöpfen. Die Influencer der Frauenhasserbewegung rekrutieren täglich jungen Nachwuchs. Weltweit. Da glänzen geölte Bizepse am Pool, blonde Requisiten räkeln sich im Testosterondunst. Ungezügelt entpuppt sich Social Media schnell als Teufelszeug.

    Es tat gut, mal einen guten Mann näher kennenzulernen. Einen, der findet, es sei Zeit, dass sich was dreht. Er ist schon 70 Jahre alt, aber warum sollte er kein Influencer für die Jugend sein? Er liebt Menschen, Ehrlichkeit, ist nachdenklich und schreibt wunderschöne Musik. Das wäre mal ein toller Bundespräsident. Grönemeyer – Alles bleibt anders (hier in der ARD Mediathek).

    Zum Schluss noch eine Männergeschichte: Tim Mälzers Kitchen Impossible ist endlich in eine neue Staffel gestartet (hier bei RTL+). Dort kochen aber auch Frauen, zum Beispiel war Clara Hunger mal dabei – und siegte. Danach wurde viel über sie geschrieben, aber nicht über ihr Talent, sondern über ihre Kleidung. An den Herden der Spitzengastronomie haben Frauen keinen leichten Stand. Deshalb gibt es das Online-Magazin Chef:in , mit dem die Gründerin Denise Snieguole Wachter speziell Köchinnen ins Licht stellen will.

    Ich wünsche allen eine genussvolle Spargelzeit.

    Thomas Vöcks

    April 19, 2026

  • Sonntag, 5. April

    Daddy war nicht cool, sondern wütend. Merkt denn keiner, dass der Kessel überkocht? Und woran erkennt man den Niedergang von Kulturen? Ostern heißt nicht Eierschaukeln. Die Schieflage der Ästhetik.

    Der April ist kalt, aber er pinselt die Bäume hellgrün, und der Anblick dieser Wiedergeburt wärmt wenigstens das Gemüt. Bescheidenheit ist ein Reflex auf die Gesamtsituation – wie der Rückzug auf Erinnerungen an scheinbar schönere Zeiten. Im Rückspiegel entfaltet der Schein ja enormes Licht. Kaum jemand wird bestreiten, dass unser Dasein mal übersichtlicher war. Weil viele Fragen, die uns heute beschäftigen, nicht gestellt wurden. Wenn meine Eltern auf den Multikulti-Partys meiner Tante tanzten, war das sicher kein Rassismus. Aber haben sie sich in den 70ern dafür interessiert, wie Persons of Color das Leben in Deutschland empfunden haben?

    Wenn ich ein beliebiges Lied von Boney M. höre, denke ich an diese Zeit. Die ganze Welt kannte ihre Musik, aber niemand ihre Namen:  Bobby Farrell, Maizie Williams, Marcia Barrett und Liz Mitchell. Der Filmemacher Oliver Schwehm erzählt die Geschichte eines eines gigantischen Erfolgs, der bis heute vor allem Frank Farian zugeschrieben wird. Der war als Produzent zwar genial, aber auch schamlos. Die Geschichte einer Rundum-Ausbeutung: Boney M.: Disco. Macht. Legende. Ab 11. Mai in der ARD Mediathek.

    Ostern kratzen wir alles an Familie zusammen und treffen uns. Ein Ritual, das ich erst jetzt richtig verstehe. Früher habe ich diese Familientreffen nur als fröhliche Völlerei wahrgenommen, jetzt betrachte ich die Runde wie andere ihren Obstgarten. Alte Stämme, kräftige Äste, junge Triebe. Heute sitze ich also bei einem meiner zahlreichen Cousins in einem Dorf, das so heißt wie mein Stadtteil: Ottensen. Und es wird viel zu essen geben.

    Der Doku-Dreiteiler Essen XXL (doofer Titel) in der ZDF Mediathek sagt mehr, als er will. Mit leider stoischer Distanz beschreiben die Kapitel Hauptsache lecker/satt/viel den Zustand unserer Gesellschaft. Dekadenz, Armut und Dummheit. Drei Anzeichen einer untergehenden Kultur. Italien wird vielleicht überleben, denn Tomate, Nudel und Öl bilden die Essenz kulinarischen Glücks, das weiß man dort.

    Menschen wie Reiche, Merz und Spahn wünsche ich Läuterung. Allen anderen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    April 5, 2026

  • Sonntag, 29. März

    Eine erschütternde Doku-Serie über Geld und Mallorca: Wenn Reality vor der Realität flieht. Und die Geheimzutat Mirin: Japanische Süße im Nizza-Salat. Die Lage der Ästhetik.

    Ich war Nachrichtenredakteur bei RTL2, arbeitete also in einem teils seltsamen Programmumfeld, aber dafür habe ich mich nie geschämt. Die Redaktion war ein Hort aufrichtiger Journalisten, zugleich ein Freundeshaufen. Der Rest war eben Privatfernsehen, sollen die doch machen, was ihnen Geld bringt. Wir Newstypen waren heimlich Jünger der Tagesschau. Manche stiegen damals auf diesen Olymp, ich stolperte Jahre später auf’s öffentlich-rechtliche Gelände, war durchaus stolz.

    Jetzt sah ich die Serie Me, Myself, Mallorca (SWR, hier in der ARD Mediathek), welche meine Schamgrenzen neu auslotete. Die Serie zelebriert den Verlust von Sinn und Gegenwart; gleichzeitig entblößt sie ungewollt die Langeweile ihrer Protagonisten, welche sich längst in ihren toten Palästen verloren haben und deren Lächeln dank permanenter Champagnerzufuhr dennoch nie erlischt. RTL2 hat manchmal hilflose Menschen ausgebeutet, Opfer einer Bildungsmisere und der wirtschaftlichen Verhältnisse. Der SWR verhöhnt diese Menschen, indem er den Nutznießern der Wohlstandsschere völlig unironisch den Roten Teppich ausrollt.

    Abgesehen vom Malle-Unfug ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk natürlich gebeutelt von grassierender Unvernunft, und sowieso sind wir Humanisten immer schwächer als die Bösen, weil wir die Gürtellinie respektieren. Vielleicht sollten wir ab und zu die Samthandschuhe abstreifen, sonst wird alles relativ: das Völkerrecht, die Demokratie, die Gerechtigkeit.

    Die ZDF-Doku Die Diplomaten (hier in der ZDF Mediathek) macht keine Geschenke an irgendwen. Sie schafft es in Folge 2 sogar, den Komplex Israel-Palästina lebens-, sterbens- und leidensnah darzustellen (soweit und so kurz ich das beurteilen kann). Hinter den Kulissen: Wie benimmt sich Deutschland in der Welt? Ich bin sehr angetan.

    Und ich bleibe ein Träumer. Und wenn jemand meine Träume singt und wenn ein Kinderchor einstimmt und wenn es noch so naiv klingt, bin ich doch tief bewegt. Und gibt es eigentlich ein gutes Wort für Hoffnungstränen?

    Komm, wir ziehen in den Frühling: mit einem Nizza-Salat! Eigentlich ein sehr einfaches Gericht, für das in Frankreich natürlich strenge Regeln gelten. Da ich kein Franzose bin, habe ich das Dressing (eigentlich nur Olivenöl und Zitronensaft) etwas opulenter gestaltet – mit Senf, Sushi-Essig, einem Spritzer Apfelessig und reichlich schwarzem Pfeffer. Ich wollte noch eine Prise Zucker einstreuen, aber ich hatte zuvor schon den Sushi-Essig mit Mirin verwechselt.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    März 29, 2026

  • Sonntag, 15. März

    Wieso heißt Kapitalismus plötzlich Abzocke? Ist die Haselnuss rehbraun? Leck Eier, immerhin bleiben Spanier stolz wie Spanier. Aber mal was anderes: Udo Lindenberg wird 80. Die fragile Ästhetik meiner Jugend.

    Ich würde gern anfangen mit Es war Mitternacht, ich ging spazieren, aber so war es nicht. Es war weit nach Mitternacht, als wir neulich in kleiner Runde erfolglos nach dem Ende der Nacht suchten und statt dessen Wotan Wahnwitz von Udo Lindenberg auflegten. Ich kann dieser Musik nicht zuhören, ich muss dann mitsingen, so ging es auch meinem Freund, wir schmetterten das komplette Album durch, ziemlich synchron, wenn ich es richtig erinnere. Der Freund ist Schlagzeuger, ich Universaldilettant, das passt gut zu Lindenberg, der perkussiv singt und bauchtextet. Ich hatte alle seine Platten, bis ich sie Ende der Siebziger mal im Bus liegen ließ, ich war so müde nach der Schule und so unglücklich verliebt.

    Als ich vor ein paar Jahren einen kleinen Musikspot mit Lindenberg drehte, fragte er mich, ob wir schon mal was zusammen gemacht hätten. Nein, sagte ich, aber Zufall kann es nicht sein, dass wir jetzt zusammenarbeiten, Schuld sei sein Onkel, der Zauberer aus Bonn am Rhein. Nach zwei Sekunden verstand er. Kaninchen im Zylinder und Tauben im Hosenbein. Hokuspokusmann hat ne Menge drauf, doch eines gibts, was er nicht kann. Eine bessere Welt kann auch er nicht zaubern, da musst du dich schon selbst drum kümmern. Und ich fang jetzt damit an.

    Gipfelstürmer dürfen nicht zaudern, und an der Nordwand des Lindenbergs warten Leitern und Likör. Für die Unglücklichen, die Träumer, die Durchgeknallten, damit sie nicht runterfallen. Insofern leistet Udo Lindenberg Sozialarbeit. Im Mai wird er 80 Jahre alt. Er schreibt keine Kolumne in der Bildzeitung wie andere Spätverwirrte, weil er weiß, dass wohl die Jugend, aber nicht der Anstand verschwinden muss. Sonst würde ich auch seine Lieder nicht mehr singen.

    Wir in Fritzland wollen uns doch manchmal stolz wie Spanier fühlen. Auf die Schnelle: Frosta-Tüte aufreißen, schon weht das rote Tuch vor dem orangenen Stier. Ohne Zusatzstoffe, reich an Völkerrecht.

    Ich wünsche allen eine schöne Woche.

    Thomas Vöcks

    März 15, 2026

Nächste Seite

Thomas Vöcks – frei, kreativ, radikal.

Kommentare werden geladen …