Sonntag, 14. Juni

Was versalzt mir das Süße Leben? Machen Kleider Leute? Oder umgekehrt? Barfuß oder Lackschuh: Die sommerliche Lage der Ästhetik.

Eines italienischen Abends schwebte aus heiterer Dämmerung eine Frage über den Resten von Kaninchen und halbleeren Weingläsern: Was bedeutet Dolce Vita? In der gelösten Stimmung am Tisch tarnte sich die Frage leichterhand als rhetorisch, wir genossen ja gerade den einigermaßen sorglosen Müßiggang eines Kurzurlaubs. Sowas hatte Fellini zwar nicht gemeint, aber jede Frage und jeder Gedanke ist eine Reise wert.

Vielleicht kann das süße Leben nur auf der Leichtigkeit des Seins gelebt werden. An diese Leichtigkeit kann ich mich kaum noch erinnern, Jahre legen Blei auf die Schultern. Aber es gab sie mal. Dreißig Tage Vendée, mühelos das Leben lieben, kein Problem – ohne Internet, Kriege weit weg, Nazis undenkbar.

Apropos: Wie lässt sich die AfD stoppen? ist eine Frage, die uns zwischen Dolce-Vita-Momenten auch beschäftigte. Die Zeit hat bei fünfzehn Kulturschaffenden Antworten bestellt und ein Gedankenmosaik veröffentlicht, das immerhin Denkanstöße liefert. Wäre ich Giovanni di Lorenzo, spräche ich fließend italienisch, besäße ich Meinungsmacht und trüge große Verantwortung. Und ich würde die Antworten gratis ins Netz stellen.

Aber ich bin, wer ich bin, und während die Urlaubswäsche trocknet, der Koffer wartet, dass ich endlich diesen Text zustande bringe, erzählt mir die Serie The Hack auf Arte, was echte Journalisten so leisten. Ein harter Job, weit jenseits von Dolce Vita. Mein Ehrgeiz hat die Reiseflughöhe verlassen und befindet sich im Anflug auf die Rente. Aber meine Kinder sind gerade auf der Startbahn.


Meine Kinder sind außerdem in ihren Auftritten bemerkenswert stilsicher. Die Tochter schwört auf Second Hand, der Sohn pflegt Dandyismus, sie inspirieren mich. Niemals hätte ich mir sonst Horsebite-Loafers gekauft. Und wenn ich das nächste Mal Kleidung brauche, gehe ich zu Rudolf Beaufays. Dort präsentierte Ben Bernschneider am Vorabend unseres Italienurlaubs sein Buch 100 Staple Pieces. Der Autor ist kein Modepapst, sondern ein Menschenfreund. Und sein Buch ist keine Bibel, sondern ein Angebot für Suchende in Sachen Stil und Nachhaltigkeit. Erstaunlich, wie man das missverstehen kann.


Ja, ich bin für Technologieoffenheit. Deshalb habe ich ich in diesem Jahr einen Airfryer eingesetzt, so oft wie möglich. Bei Portionen für sieben Personen nicht ganz einfach. Aber die Wachteln mit Pommes Frites sind gelungen, auch das Weißbrot zum Frühstück. Die Melanzane al forno hätten mehr Zeit und weniger Hitze gebraucht. Aber es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen, wie meine Mutter immer sagte.

Ich wünsche allen eine schöne Woche.

Thomas Vöcks


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