Sonntag, 24. Mai

Ich versuch’s mal: Könnte der Heilige Geist bitte nochmal vorbeikommen? Dreifaltigkeit unpässlich? Okay, dann bleibe ich ungläubig und bete den Satz des Syrers. Die undogmatische Lage der Ästhetik.

Warum sollte jemand absichtlich eine Sicherheitsnadel oder eine Batterie verschlucken? Gegenfrage: Warum studiere ich täglich die Nachrichten oder sehe politische Talk Shows? Das Resultat ist jeweils Schmerz, mal im Bauch, mal im Kopf. Am Donnerstag bot Lanz die Gelegenheit, mit akuter Kriegsangst einzuschlafen. Da war sie dahin, die sinnlose Heiterkeit nach den neuen LOL-Folgen.

Das Psychodrama Swallow handelt von der Obsession einer Frau, gefährliche Gegenstände zu schlucken, sie lebt in einer Luxusvilla. Ihr syrischer Betreuer sagt: Hättest Du den Krieg erlebt, hättest Du dieses Problem nicht. Aber sie hat eigentlich kein Luxusproblem, sondern ein existenzielles. Und das haben wir ja alle, wie uns die Nachrichten erzählen.

Der Satz des Syrers hat sich irgendwie in die Swallow-Story hinein gemogelt; nun ist er in der Welt und hier sollte er bleiben. Er kommentiert jedes Timmy-Problem einer übersättigten Gesellschaft.


Für Autoren ist Schreiben ein kreativer Prozess. Dieser erfährt einen gehörigen Schub, wenn der Text handschriftlich verfasst wird, glaubt Helene Hegemann, die zusammen mit vier Regie-Kollegen in Cannes die Gruppe Dogma 25 vorgestellt hat. Deshalb sollen die Drehbücher der Dogmatiker ausschließlich mit Griffel auf Papier entstehen. Ich glaube, Frau Hegemann hat Recht. Stift und Gehirn lassen einem Satz Zeit zum reifen. Denn misslungene Sätze werden durchgestrichen und bleiben als Mahnmale für bessere Konzentration erhalten, das will ja keiner.


Ich schreibe trotzdem weiter auf dem barmherzigen Computer, der Murks einfach verschwinden lässt. Außerdem sind Dogmen nichts für mich; außer bei italienischen Pastasoßen.

Ich wünsche allen eine schöne Woche.

Thomas Vöcks


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