Ich habe beschlossen, meinen geliebten Lada zu verkaufen. Das ist gut für die Grünen, aber der Reihe nach. Die kastige Kiste ist wunderschön, das verstehen vor allem Kinder, ungezählte blutjunge Augenpaare staunten mir in den vergangenen Jahren hinterher. Hier geht es ja um die Lage der Ästhetik, deswegen erzähle ich das. Vorgeschichte: Ich habe Carsharing ausprobiert, weil mir das Prinzip „Eigenes Auto“ in einer Großstadt sinnlos erschien. Ich fuhr also hässliche Autos, aber es war ein großer Spaß, denn sie fuhren elektrisch. Eine neue Erfahrung von Schönheit. Das Feuer kann faszinieren (bald ist Ostern), Verbrennung ist Untergang. Käfer, 504, DS, -9er, für immer Traumwagen. Und Veränderung verängstigt ja immer. Mein Ziel ist trotzdem: Nie mehr tanken. Der Lada ist jetzt in guten Händen. Die neue Besitzerin hat jetzt aber ein schlechtes Gewissen wegen der Verbrennerei und kompensiert dieses, indem sie sich bei den Grünen engagiert. Wo die Liebe hinfällt…

Gelegentlich sehe ich Fußballspiele, Deutschland-Italien am Sonntag habe ich verpasst, aber dieses Tor nach der Ecke lief ja überall. Die Begeisterung darüber hat mich irritiert. Da schwingt so eine Stefan-Raab-Freude mit, die Italiener wurden schlicht übertölpelt. Mein Lieblingstor fiel 1974, ich war 12 und zum ersten Mal im Ausland. Mit meinen Eltern, meiner Schwester und einem Schulfreund saß ich in einem Restaurant mit Fernseher. Deutschland-Holland, wir aßen Paella an der Costa Brava. 0:1, 1:1, dann die 43. Minute, Gerd Müller im Strafraum, Drehung, Bombe, Sieg, Weltmeister. Kein Augenschmaus, aber unvergesslich. (Die Holländer auf unserem Campingplatz sprachen danach kein Wort mehr mit uns). David Beckham spielte den Ball wie Yehudi Menuhin seine Stradivari. Präzise, gelassen, virtuos.
Heute Abend sehe ich eine Theateradaption des Romans Schöne neue Welt von Aldous Huxley. Ich kann mich noch erinnern, wie verstörend ich die Lektüre als Schüler fand. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, hoffe ich, nach der Aufführung die Gegenwart etwas weniger verstörend wahrzunehmen. Das wäre schön.

Thomas Vöcks

