Freitag, 28. März

Ich habe beschlossen, meinen geliebten Lada zu verkaufen. Das ist gut für die Grünen, aber der Reihe nach. Die kastige Kiste ist wunderschön, das verstehen vor allem Kinder, ungezählte blutjunge Augenpaare staunten mir in den vergangenen Jahren hinterher. Hier geht es ja um die Lage der Ästhetik, deswegen erzähle ich das. Vorgeschichte: Ich habe Carsharing ausprobiert, weil mir das Prinzip „Eigenes Auto“ in einer Großstadt sinnlos erschien. Ich fuhr also hässliche Autos, aber es war ein großer Spaß, denn sie fuhren elektrisch. Eine neue Erfahrung von Schönheit. Das Feuer kann faszinieren (bald ist Ostern), Verbrennung ist Untergang. Käfer, 504, DS, -9er, für immer Traumwagen. Und Veränderung verängstigt ja immer. Mein Ziel ist trotzdem: Nie mehr tanken. Der Lada ist jetzt in guten Händen. Die neue Besitzerin hat jetzt aber ein schlechtes Gewissen wegen der Verbrennerei und kompensiert dieses, indem sie sich bei den Grünen engagiert. Wo die Liebe hinfällt…

Gelegentlich sehe ich Fußballspiele, Deutschland-Italien am Sonntag habe ich verpasst, aber dieses Tor nach der Ecke lief ja überall. Die Begeisterung darüber hat mich irritiert. Da schwingt so eine Stefan-Raab-Freude mit, die Italiener wurden schlicht übertölpelt. Mein Lieblingstor fiel 1974, ich war 12 und zum ersten Mal im Ausland. Mit meinen Eltern, meiner Schwester und einem Schulfreund saß ich in einem Restaurant mit Fernseher. Deutschland-Holland, wir aßen Paella an der Costa Brava. 0:1, 1:1, dann die 43. Minute, Gerd Müller im Strafraum, Drehung, Bombe, Sieg, Weltmeister. Kein Augenschmaus, aber unvergesslich. (Die Holländer auf unserem Campingplatz sprachen danach kein Wort mehr mit uns). David Beckham spielte den Ball wie Yehudi Menuhin seine Stradivari. Präzise, gelassen, virtuos.

Heute Abend sehe ich eine Theateradaption des Romans Schöne neue Welt von Aldous Huxley. Ich kann mich noch erinnern, wie verstörend ich die Lektüre als Schüler fand. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, hoffe ich, nach der Aufführung die Gegenwart etwas weniger verstörend wahrzunehmen. Das wäre schön.

Thomas Vöcks


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Antwort

  1. Avatar von hamburgwawa
    hamburgwawa

    Lieber Vöcks,

    Großartig! Weiter so.

    Die Ästhetik eines Autos ist offenbar eine Frage der Zeit, die wir erleben durften. Sie war verbunden mit der Ethik des gegenseitigen Respekts zwischen Auto und Fahrer. Mein Vater, als er den metallik-grünen Ford Capri 2300 noch selbst fuhr, streichelte ständig das Armaturenbrett seines Autos und murmelte mit leiser Stimme: „Treues Tierchen.“

    „Papa, warum sprichst du mit dem Auto?“

    „Weil es für seine Treue Anerkennung verdient.“

    Seitdem spreche ich mit meinen Autos. Mit dem Capri hatte ich wenig Gelegenheit, zu sprechen, weil meine Mutter, so richtig geil auf den „grünen Hirsch“, ihn die meiste Zeit gefahren hatte und dann wurde er geklaut und geschrottet. Das war traurig.

    Ich sprach mit dem GS, dessen Fahrertür in jeder Linkskurve aufging, was uns insofern verbunden hat, dass es nicht die Beifahrertür in der Rechtskurve war. Ich sprach mit dem Kasten-R4 sowie mit dem Panda, obwohl er mich und Patou beim Überholen auf einer französischen Landstraße umbringen wollte, als in Anbetracht eines entgegenkommenden Lkw‘ plötzlich alle drei roten Lichter des Armaturenbretts aufleuchteten. Der Motor war aus. Kupplung treten, Warnblinker an, rollen lassen und dann in die Lücke zwischen den Fahrzeugen auf der rechten Fahrspur durch in die Grasnarbe am rechte Straßenrand und vor dem Baum dieser Allee rechtzeitig gebremst. Patou hatte gerade in diesem Moment einen Schluck aus einer Orangensaftflasche nehmen wollen. Das war eine riesen Sauerei, aber sie hatte keinen Zahn verloren. Dennoch war sie richtig sauer. Ich übrigens auch, auf meinen Panda.

    Der 504 war mein treuestes Tierchen. Wir haben ganz viel gesprochen. Wir waren auch ganz lange zusammen eine miteinander verbundene Einheit. Einst, es war auf dem Rückweg aus Frankreich nach Hamburg auf der bundesdeutschen Autobahn erwähnte ich meinen Mitfahrern gegenüber, dass ich über ein neues Auto nachdenke. Mitten auf der Autobahn. Prompt machte es Podumm, Podumm, Podumm. Ich fuhr an die Raststätte Frechen. Es regnete in Strömen, aber unter dem Schutzdach der sehr gut beleuchteten Tankstelle konnte ich mein Auto inspizieren und fand keine Ursache für dieses Geräusch. Also fuhren wir weiter. So etwa 5 km weiter fuhr ich auf einen dunklen und der Witterung ungeschützten Rastplatz. Die Decke des linken hinteren Reifens war gerissen und schlug wie ein Lappen im Takt der Geschwindigkeit in den Radkasten. Ich wechselte also im Dunklen und im strömenden Regen das Rad.

    Den restlichen Weg nach Hamburg streichelte ich ständig das Armaturenbrett meines 504 und bat dabei um Entschuldigung. Das ist lange her.

    Es ist gar nicht so lange her, da hat sich Uta auf der Rückbank des 306 über das Auto beschwert, in dem sie gerade gefahren wurde. Sofort streichelten Marius und ich das Armaturenbrett des Autos und sprachen:

    „Sie meint es nicht so!“

    Autos muss man verstehen. Sie sind ein Abbild unserer selbst.

    Bitte schreibe weiter Deinen Blog.

    Ganz liebe Grüße

    Dein Wawa

    Michael Wawoczny

    Architekt Dipl.-Ing.

    Bundesallee 21

    10717 Berlin

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