Beschreite den Weg des Künstlers, riet mir vor langer Zeit eine kluge Frau. Die Wegbeschreibung missfiel mir damals, aber der Appell nistet seitdem in meinem Denken. Mich interessiert nur Kunst mit einem Gegenwartsbezug, aber es muss nicht meine Gegenwart sein. Eine Sekunde Wirklichkeit ist immer ein Wimmelbild. Der Künstler muss das Labyrinth entschlüsseln und fokussieren. Und dann die Brennweite ändern. In der Unschärfe verliert das Gift seine Dominanz. Es geht nicht um Schönmalerei, sondern um die Souveränität des Beobachters. Mit leicht zusammengekniffenen Augen sieht man mehr. William Turner wusste das. Er wurde vor 250 Jahren geboren.

Ich höre gern Radio. Aber an Sonntagen, christlichen Feiertagen und wenn ein Papst stirbt, muss ich auf Radiosender ausweichen, die an Kirchenredaktionen vorbei senden dürfen – oder keine haben. Ich fühle mich unwohl, wenn ich den Arm der Kirchen spüre, der wie selbstverständlich in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk greift. Der ÖRR gehört weder dem Staat, noch den Kirchen.
Deutschlandfunk Nova hatte am Montag den Tag der 90er-Musik ausgerufen. Sorgfältig kuratiert, nicht (nur) Die Größten Hits der Neunziger, sondern manche Perle, die damals überhört wurde, rollte durch den digitalen Äther.
Es war das Jahrzehnt, in dem Millionen Deutsche ihre Heimat und ihre Biografien verloren. Dafür bekamen sie Bananen und Kohl. Und die D-Mark, vor allem in Gestalt von Arbeitslosengeld. Keiner konnte diese Traurigkeit schöner besingen, als Gerhard Gundermann. Einmal im Jahr sollte sich jeder Wessi mit Gundermann befassen.
Die Neunziger waren für mich prägend. Ich wurde zum ersten Mal Vater und hatte zum ersten Mal einen richtigen Job. Aber ich hatte zu wenig Interesse an der Umsetzung der deutschen Wiedervereinigung. Ich ging damals nicht den Weg des Künstlers. Ich sah nicht mit Turners Augen.
Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.
Thomas Vöcks
PS: Den Frühling begrüße ich morgen mit Coq au Vin Blanc und bin sehr gespannt auf die Trauben, die laut Tim Raue in Red Bull geschmort werden müssen. Oder hat er einen Werbevertrag? Die mit Abstand schönsten Kochvideos zelebriert Alvin Zhou, zum Beispiel 24-Stunden-Honey-Butter-Fried-Chicken.

