Wird frisch im September, Kanzler legt einen Scheit Bürgergeld ins Feuer. Verlierer wärmen sich an Verlierern. Und ausgerechnet Mohamed tröstet uns mit Nutella-Locken. Die verwirrende Lage der Ästhetik.
Ich schreibe nicht über Politik, weil das zweitens schon ganz viele versuchen; und erstens, weil es mir um Schönheit geht. Aber die Ästhetik ist kein isoliertes Phänomen, sie existiert immer in der Spannung zwischen Ideal und Gegenwart. Wenn die Verhältnisse meine Träume im Klammergriff würgen, kann da trotzdem Schönheit sein. Gerade dieses Leiden kann die Vorstellungskraft, um die es ja in der Kunst geht, beflügeln. Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat diese Dynamik in einen wunderschönen Film übersetzt. Darin erkennen sich lauter Menschen gegenseitig, die eines gemeinsam haben: Sie scheitern an den Regeln der Gesellschaft, die wie ein Sieb funktionieren. Wer durchflutscht, verschwindet im Ausguss. The Kindness of Strangers – Kleine Wunder unter Fremden läuft jetzt in der ARD Mediathek. Danke, Constantin von Westphalen, für den Tipp!
In den meisten Filmen gewinnen die Guten. Aber wann ist ein Sieg ein Sieg? Nicht immer reitet der Held unversehrt in den Sonnenuntergang. Sondern…
Es ist schwer mit Worten zu beschreiben, was ich meine. Manchmal ist ein Klavier haushoch überlegen. Die Sonate vom guten Menschen von Gabriel Yared und Stéphane Moucha, die im Spielfilm Das Leben der Anderen eine (musikalisch) erklärende Rolle spielt – sie funktioniert eigentlich auch für The Kindness of Strangers.
Da funkelt das Glück nur minimal durchs Sentimentale. Für den Wiederaufbau der Zuversicht empfehle ich Dona Nobis Pacem 2, eine Filmmusik von Max Richter für die Serie The Leftovers. Gib uns allen Frieden. Das Cello klagt, die Violine fordert, das Klavier vermittelt.
Es wäre ja interessant, was Bob Dylan gerade denkt. Oder auch nicht. Als ich ihn in einem Konzert in Hamburg vor ein paar Jahren erlebte, war er an der Anwesenheit seines Publikums nicht spürbar interessiert. Und zu seiner Nobel-Krönung erschien er gar nicht erst. Aber Patti Smith vertrat ihn würdevoll. Und sehr aufgeregt. Auch die coolste Künstlerin erstarrt mal vor absurder Kulisse.
Wahrscheinlich ist das Leben kompliziert für einen Trotzkopf, der für Gerechtigkeit singt und dafür mit Weltruhm bestraft wird. Die Biografie Like A Complete Unknown erklärt das ein bisschen. Zweieinhalb schöne Stunden lang bei Disney+.
Als junger Mensch hätte ich häufiger ein Trotzkopf sein sollen, war ich aber nicht, ich war eher ein freundlicher Sohn, der seinen Eltern oft seltsam erschien – und manchem Lehrer ein bisschen doof. Den Lehrern vergebe ich, meine Eltern hatten recht. Ich liebe zum Beispiel die Kolumne Mohameds Küche im Monopol-Magazin. Mohamed Amjahid drappiert Menüs auf der Tafel unserer schimmligen Gesellschaft. Ist das seltsam? Finde ich nicht. Zucker und Zorn – klingt doch wie ein urdeutsches Erziehungsmodell.
https://www.monopol-magazin.de/mit-snacks-gegen-schikane

Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.
Thomas Vöcks

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