Freitag, 12. September

Was haben wir? Eine katholische Männerfreundschaft, Coffee to go aus der Pappe, Berlin wird autofrei und – heil´ges Blechle! – Chinesen kaufen keine Porsches. Dresscode zur IAA: tiefschwarz. Die Lage der Ästhetik.

Spätsommer regnet auf Kopfsteinpflaster, verströmt Melancholie, duftet nach Kindheit und verheiltem Sonnenbrand. Das Jahr beginnt im Herbst, denke ich. Die Straße trägt feste Schuhe und Übergangsjacken, man wappnet sich gegen den Schatten, wer weiß denn schon, was als nächstes passiert. Ein guter Moment, in alte Zeiten zu tauchen; in die gute alte Zeit des Kalten Krieges. Schöner ausgedrückt: als kurz nach dem Krieg eine deutsch-französische Romanze begann. An einem Tag im September beleuchtet das erste persönliche Treffen zwischen Konrad Adenauer und Charles De Gaulle und ist bei Arte und ZDF abrufbar. Ausgerechnet ein Film über zwei erzkonservative Katholiken hat mir den Herbstanfang verschönert. Kultivierte Gespräche statt Deals und Erpressung in internationaler Politik – es war ne andere Zeit.

https://www.zdf.de/play/filme/an-einem-tag-im-september-movie-100/an-einem-tag-im-september-102

Heute dominiert die breitbeinige Pose, das „fetischhafte Wurstgefresse“ (Habeck über Söder) die Szene. Oder Albernheiten, welche die Weltlage banalisieren:

Ich finde sowas mindestens verstörend. Echten New Yorkern geht es bestimmt ähnlich, sie müssen damit rechnen, dass ihre Stadt bald von der Nationalgarde eingenommen wird. Und während Frau Baerbock in High Heels den zahnlosen Tiger reitet, schlüpfen deutsche Parlamentarier in Kommissstiefel und preisen die Wehrpflicht. Ein Hamburger Künstler findet darauf die richtige Antwort:

Es lohnt sich, den Menschen Disarstar zu betrachten. Seine Biografie zeigt, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Veränderung ist fast immer gut.

https://de.wikipedia.org/wiki/Disarstar

Dieser Geist weht nur schwach durch die Auto-Orgie in München. Die Verbrenner-Lobby gibt auf der IAA Vollgas, ihre Lakaien södern unisono Brummbrumm. Ich weiß nicht, ob elektrische Autos die Antwort auf alle Fragen und die Lösung aller Probleme sind. Wahrscheinlich muss Mobilität grundsätzlich neu gedacht werden. Da sind Künstler gefragt, weil sie über Vorstellungskraft verfügen. Jan Kerhart hat sich ein Konzept für Berlin ausgedacht. Ja, Berlin. Wer sowas macht, ist verrückt oder genial, auf jeden Fall mutig, also ein Künstler.

https://www.berlin-2037.com

Ich muss gestehen, dass ich Dank der Gnade meiner frühen Geburt dennoch von Autos fasziniert bin. Wenn der Boxer eines Käfer erwacht, ist das Musik für mich. Und aus irgendeinem Grund mag ich Rennfahrerfilme.

Am Mittwoch habe ich Shakshuka gekocht, eigentlich eine Frühstücksmahlzeit, aber sie schmeckt auch abends. Die beste Version gibt es angeblich bei Dr. Shakshuka in Tel Aviv. Es ist ein äußerst diplomatisches Gericht, denn vermutlich kann sich der gesamte Nahe Osten auf diese Speise einigen. Einem Menschen ist dies bisher nicht gelungen.

Zum Rezept: https://www.foodundco.de/shakshuka/

Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

Thomas Vöcks


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