Neues vom Perlentaucher in der Jauchegrube. Von Welt- und Zerrbildern. Welchen Preis haben Gewissen und Wahrheit? Warum lügt der Herbst? Und warum ist Sauerteig sexy? Die Lage der Ästhetik. http://www.voecks.tv

Vor meinem Fenster belügt mich der Herbst. Schau, meine bunten Blätter. Die armen Blätter liegen im Sterben, das verrät er nicht, der Herbst, er hat ein Imageproblem, da wird gern geflunkert. Ich nehme es dem Oktober aber nicht übel, obwohl ich sonst gegen das Lügen bin. Ein Schwindel hilft oft bei der Navigation durch Wahrheiten. Das habe ich so in mein Weltbild eingebaut, also in meine vorläufige Vorstellung einer funktionierenden Welt.
Unser Mathelehrer L. hat gesagt, kluge Menschen arbeiten lebenslang an einem Weltbild. Deshalb habe ich mich mit einem ewigen Provisorium der Weltsicht abgefunden. Denn Herr L. war streng und altmodisch, aber neben Wissen und Angst verströmte er auch das Angebot, seine Weisheit wahrzunehmen und vielleicht irgendwann zu begreifen. Herr L., ach, was solls, Lischke konnte manche Weltläufte vorhersagen, zum Beispiel, dass meine Generation (Schmähkürzel: Boomer) mit fröhlichem Karacho auf den Abstieg zu rast. Aber ich glaube nicht, dass er sich den Zustand der Gegenwart vorstellen konnte.
Als Perlentaucher in der Jauchegrube finde ich natürlich die Vorzüge im Chaos: es fordert mich täglich auf, mein Weltbild zu prüfen. Die nächste Frage lautet, wenn ich Pech habe, welchen Preis bezahle ich für meine Überzeugungen. Die Amerikanerin Reality Winner (was für ein Name!) hat sich im entscheidenden Moment ihres Lebens entschieden. Über die Whistleblowerin wurden schon zwei Spielfilme gedreht. Einer läuft in der ZDF-Mediathek:

Der andere bei Prime:
Im geografischen Sinn ist unser Weltbild geprägt von Karten, die 1569 für Seefahrer entwickelt wurden. Was für die Navigation sinnvoll war gaukelt uns seit Jahrhunderten eine total falsche Verteilung der Landmasse vor. Zeit, sich an die Wahrheit zu gewöhnen, findet Ullrich Fichtner im Spiegel. Und ich auch.


Ich habe neulich die Reihe Die Brotrebellen bei Arte verschlungen.

Die Filme erinnerten mich daran, dem Grundnahrungsmittel wieder mehr Demut zu zollen. Und ich bekam Lust auf Sauerteigbrot. Bei mir in Ottensen gibt es verschiedene Bäckereiketten, gern steht, wer was auf sich hält, bei Zeit für Brot an. Biobrot gibt es natürlich, und in dieser Nachbarschaft darf auch der Laibverbrenner Gaues nicht fehlen. Ich vermisse den traditionellen Handwerksbäcker Wulf, der mich dreißig Jahre lang in Eppendorf ernährt hat.

Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.
Thomas Vöcks

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