Freitag, 24. Oktober

Frage an Architekten: Was fehlt im Stadtbild? Fröhliche Töchter? Knusprige Hähnchen? An Psychologen und Dermatologen: Gibt es Hoffnung für die Narbe? Zum ewigen Zank zwischen Werbung und Wahrheit: Die Lage der Ästhetik.

Ungefähr einmal im Vierteljahr esse ich ein halbes Hähnchen vom Grill. Das ist ethisch mindestens fragwürdig. Denn vermutlich haben die Tiere zu ihren kurzen Lebenszeiten ähnlich eng beieinander gehockt wie auf den Spießen. Leider ist der klassische Hähnchengrill weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Aber ich habe eine App namens Hähnchen-Radar, die mir verrät, wo der nächstgelegene Gaumenschmaus-Wagen steht. Das Unternehmen behauptet, knusprige Broiler zu verkaufen, aber das stimmt nicht, die Haut ist köstlich, aber sie ist weich. Nicht schlimm. Die Gastronomie hat sich eben angewöhnt, ihre Produkte als „außen knusprig, innen saftig“ zu beschreiben. Die Branche ist nicht in erster Linie der präzisen Sprache verpflichtet. Die zerstrittenen Geschwister Wahrheit und Werbung – auf der Speisekarte küssen sie sich manchmal.

Was mir nicht klar war, ist, dass das deutsche „Wirtschaftswunder“ ein Mythos ist wie das knusprige Grillhähnchen. Die Doku Geraubtes Wirtschaftswunder bei Arte skelettiert den Stolz der Deutschen schonungslos und hinterlässt Knochentrümmer.

Bis heute huldigen Konservative gern der Sozialen Marktwirtschaft und ihres angeblichen Erfinders, Ludwig Ehrhard. Der Zigarrenmann hat sich das Modell von einem Berater der Nazis schreiben lassen und hatte selbst null Ahnung von Ökonomie – aber er verstand gutes Marketing: Klare Sprache, klares Versprechen, klarer Plan. Damit hatte er heutigen Politikern einiges voraus. Mit Bravur kommuniziert der amtierende CEO der Bundesrepublik vor allem an jungen Menschen vorbei – so das Fazit von Nils Minkmar in der Süddeutschen.

Pandemie, Kriegsangst, Nazis, der Hagelsturm der letzten Jahre bleibt nicht ohne Folgen. Wenn die Sonne mal blendet, sieht man die Narben nicht, aber sie leuchten im Schatten, von Heilung keine Spur. Und wehe, sie brechen mal. Dann rollt der Tsunami gen Wolkenkuckucksheim. Gleich zwei Fernsehfilme betrachten zurzeit diese Entzündungen unterm Schorf.

In Polizeiruf 110 – Tu es! entlädt sich der Furor eines idealistischen Lehrers in einem Monolog. Die Szene hat mich elektrisiert, weil im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mal unausgewogen und rücksichtslos ein Gefühlsleben ausgebreitet wird, das so echt wie niederschmetternd ist. Dieser Monolog verlangt und verdient eine Antwort. Am besten vom CEO der BRD, aber bitte kein Geraune von Stadtbildern und Töchtern.

Ich fühlte mich kurz erinnert an die Satire Network von 1976.

Der Film Von uns wird es keiner sein im ZDF entfaltet langsam, aber heftig einen Sog. Du wirst Teil einer Jugend- und Elternwelt, die niemals so heil ist, wie sie scheint.

Das Phänomen Schlaflosigkeit war mir vor 30 Jahren fremd, das hat sich geändert. Damals entstand Insomnia von Faithless. Ich hab die Musik nicht gleich verstanden, aber der Auftritt in der Großen Freiheit war toll. Und inzwischen vermisse ich eine singbare Hood-Line nicht mehr, erst recht kein Blues-Schema. The Times They Are a-Changin’ – manchmal zum Glück, aber nicht immer.

Die Marotte, ein Abendessen mit einem Aperitif zu beginnen, hat mich in Frankreich infiziert und ich werde sie nicht kurieren. Neulich, der Weißwein war aus, wollte ich einen Kir. Ich griff zum Rotwein, goss ihn auf einen Schwupps Crème de Cassis, war begeistert. Wer Krimsekt mag, wird den Drink lieben. Aber wer hat´s erfunden? Ich leider nicht, fand ich heraus. Cardinal Kir heißt der Drink und ist Exoten unter Trinkern bestimmt längst bekannt.

Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

Thomas Vöcks


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