Die halbe Wahrheit des Jesaja. Die ganze Wahrheit des Seymour Hersh. Und Tratsch im Treppenhaus. Die Lage der Ästhetik.
Ich dachte gerade abwechselnd über den Stromausfall in Berlin und einen kanarischen Kichererbseneintopf nach, da klingelten zwei Männer an meiner Tür und wollten über die Bibel sprechen. Der Redeführer gab zu, erst 34 Jahre alt zu sein. Er reichte mir einen Zettel, der Psalm 37 zitierte: „Die Gerechten werden die Erde besitzen und für immer auf ihr leben.“ Ich sagte, das Gegenteil sei der Fall, ich hatte ja morgens die Nachrichten gelesen. Aber wir brauchen doch Hoffnung, sagte der junge Mann, er konnte nicht wissen, dass ich mich nebenberuflich und quasi ehrenamtlich um die Hoffnung kümmere. Ich hoffe auf die sozialistische Weltrevolution, erklärte ich. In meinem Alter sagt man sowas lieber nicht zu Fremden, es macht einen noch älter. Aber vor den beiden Zeugen Jehovas kannte ich keine Scham. Eigentlich waren wir uns dann einig; wir hatten beide Flausen im Kopf. Ich bat sie höflich, zu gehen.
Seymour Hersh ist ein Journalist ohne Flausen. Er folgt einem einfachen Ideal: Regierungen dürfen keine Verbrechen begehen. Er deckte das Massaker von My Lai auf und die Folter in Abu Ghraib, sein nächster Scoop könnte von Venezuela oder Grönland handeln. Das Porträt des Journalisten läuft bei Netflix: Cover-Up.

Ach, Amerika. Vor zwei Jahren sah ich Civil War und hielt den Film für eine überdrehte Phantasie. Als ich ihn jetzt noch einmal sah, wirkte er wie eine Dokumentation aus der näheren Zukunft.

Ich schreibe dies am Donnerstag, morgen fliege ich für zwei Sonnenwochen nach Lanzarote. Ohne mein MacBook. Deshalb fällt der Newsletter am kommenden Sonntag aus. Aber in zwei Wochen ist die Welt bestimmt wieder in Ordnung. Es stand auf der Rückseite des Jehova-Zettels: „Alle Menschen werden völlig gesund sein.“ „Die Natur wird sich vollständig erholen.“ (Jesaja)
Ich wünsche allen zwei schöne Wochen.
Thomas Vöcks

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