Sonntag, 1. Februar

Wer hat an der Uhr gedreht? Falsche Frage. Wer hat den Wecker ausgeschaltet! Und wer baut Nachkriegsarchitektur schon vor dem Krieg? Das Linksradikale Kochbuch recherchiert in Rom, Hamburg und dem britischen Archipel.

Wer Hamburg mit der Bahn nach Süden verlässt, kommt an einer spektakulären Bauruine vorbei. Ein Sinnbild persönlichen und finanziellen Größenwahns, des Scheiterns zweier Männer. Die Gier führte den einen ins Gefängnis. Die Geltungssucht des anderen blieb ohne Folgen. Obwohl, stimmt nicht ganz. Mit dem Bauwerk, so hoch wie kein anderes in der Hansestadt, wollte sich dieser ein Denkmal setzen, das ist gelungen: Die Hamburger tauften den absurden Stummel einer Dubai-Phantasie Kurzer Olaf. Für Nicht-Hamburger: Das beschreibt die Flugbahn vom Priem in den Napf. Der Olaf wird es vergessen, wie so vieles.

Von der Gier handelt auch die Serie TAKE THE MONEY AND RUN bei ZDFneo. Eine Frau ergaunert sich mit Krypto-Betrug Millionen, aber es sind nie genug Millionen. Viele Menschen denken so, auch ohne kriminell im Sinne der Gesetze zu handeln. Jeder Haushalt in Deutschland besitzt rund 300.000 Euro Barvermögen – theoretisch, wenn das Geld gleich verteilt wäre. Jede Million eines Deutschen lässt das Vermögen der Nicht-Millionäre schrumpfen. Da unsere Gesellschaft unbegrenzten Reichtum gestattet und aus einer Million zügig mehrere werden können, werden die Gesichter an der Aldi-Kasse immer trauriger. Ist das der Preis der Freiheit? Das häufig bemühte Zitat hat meistens noch eine Antwort parat. Für George Bernard Shaw geht Freiheit mit Verantwortung einher. Thomas Jefferson beziffert den Preis der Freiheit mit ewiger Wachsamkeit. Über den Wolken mag die Freiheit grenzenlos sein; darunter braucht jede Freiheit Grenzen.

Die berühmtesten Rufer in der Wüste, die Mitglieder des Club of Rome, haben vor mehr als 50 Jahren darauf hingewiesen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Was passieren könnte, wenn die Menschheit dennoch Die Grenzen des Wachstums überschreitet, beschreibt Ian McEwan im Roman Was wir wissen können. Die gründlich misslungene Gestaltung unserer Welt wird darin nur en passant durchgespielt. Es geht um ein verschollenes Gedicht, das in unserer Gegenwart geschrieben, aber nicht veröffentlicht wurde. Hundert Jahre später machen sich Wissenschaftler auf die Suche nach dem sagenumwobenen Sonettenkranz. Aber auch das ist nicht das Hauptthema. Was sind Tatsachen? Und was halten wir für Tatsachen? Vielleicht die wichtigsten Fragen der Gegenwart.

In der Kulinarik dürfen wir gierig sein, finde ich. Das Wort Ochsenschwanz-Ragù spornt sofort meinen Appetit an. Man nehme vier Stunden Zeit, schmore mit der heiligen Dreifaltigkeit (Zwiebel, Möhre, Sellerie) und Tomaten.

Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

Thomas Vöcks


Newsletter

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Published by


Hinterlasse einen Kommentar