Freiheit, Gleichheit, Mohnkuchen. Springers Traumpaar tanzt auf dem dünnen Eis der Demokratie. Und Fatih Akin findet mal wieder den richtigen Ausdruck. Die Lage der Ästhetik.
Harald Martenstein liest diesen Blog bestimmt nicht, Julia Ruhs auch nicht. Aber ich lese manchmal deren Kolumnen. Nicht, weil sie mir bei der Meinungsbildung helfen oder sonst wie erhellend sind. Eher zur Beruhigung: Wenn diese Autoren die Fackelträger der stramm konservativen Publizistik sind, muss ich mich nicht fürchten. Dass die Julia und der Harald ihre Seelen jüngst an die Bildzeitung verscherbelt haben, hilft bei der Einordnung ihrer Texte. Diese sind frei von Überraschungen, berechenbar und bar jeder Pointe.

Martenstein schrieb einst geistreiche, manchmal brillante Kolumnen für die Zeit. Vor einer Woche stand er im Hamburger Thalia Theater und präsentierte die neue Version seiner selbst. Dort sollte im Rahmen einer „Gerichtsverhandlung“ erörtert werden, ob es zu einem Verbotsverfahren gegen die AfD kommen soll. Sein Plädoyer gegen ein Verbot geriet zur Beschimpfung des Publikums. Dort säßen die wahren Feinde der Demokratie, goebbelte er sich in Rage, man wolle Millionen Wähler um ihr Recht an politischer Teilhabe betrügen. Das ist ein Argument vom Grabbeltisch der Rhetorik, gestützt von einer These aus dem Sonderangebot: Wo nicht Nazi draufsteht, ist auch nicht Nazi drin.

Man kann natürlich auch näher hinsehen, wenn man das Thema ernst nimmt. Der Rechtsextremismus nistet sich immer stärker in der Mitte der Gesellschaft ein. Und das hat uns noch gefehlt: Getarnt als Feministinnen gehen Nazibräute auf Frauenfang. „Eine geniale Strategie – und brandgefährlich“, befindet NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) in der Reportage Heimat, Häkeln, Hetze.

Wenn über Demokratie diskutiert wird, dann entweder high (akademisch) oder low (populistisch), geht das nicht auch anders? Wenn eine Gesellschaft gerechte Verhältnisse schaffen will, darf sie dann kalte und warme Herzen gleich behandeln? In Fatih Akins Amrum versucht ein emphatischer Junge, das kalte Herz seiner Mutter zu erobern. Er scheitert, und ich finde, das ist die Antwort auf meine Frage.

Ich schreibe all dies gerade in Heiligenrode, einem Dorf nahe Bremen, und werde gleich ein Stück Mohnkuchen essen. Als Kind liebte ich dieses Gebäck. Da dachte ich auch noch, ich wäre auf einer wundervollen Welt gelandet.

Ich wünsche allen eine schöne Woche.
Thomas Vöcks


Hinterlasse einen Kommentar