Sonntag, 1. März

Der Heizungshammer wird endlich wirklich. Schweigen ist Gold, also lieber Fresse halten? Und endlich wieder Bombenstimmung. An der Schwelle zur nächsten Katastrophe finde ich keine Wohlfühlworte.

Das Wort Korridor war lange in Vergessenheit geraten. Meine Oma sagte es noch, wenn sie den kurzen Flur ihrer Wohnung in Kiel Garden meinte, das war in den 1960er Jahren, der Flur war schmal und musste sich Tageslicht von der Küche borgen. Nun kam das Wort wieder auf, von einem, dem der Korridor zu eng war, der des Sagbaren. Manchmal ist er ihm aber auch zu weit, auf der Berlinale wurde ihm zu frei gedacht und geredet, der Kulturstaatsminister leidet viel. Und wären die Kultur und die Berlinale nicht so wichtig, wäre mir das gerade egal. Und wenn das Klima nicht so wichtig wäre, hätte ich auch gerade keine Lust, mich über ein „Gebäudemodernisierungsgesetz“ aufzuregen, das mit schädlich, korrupt und verlogen noch ziemlich freundlich beschrieben ist.

Heute ist Tag zwei eines Krieges, dessen Folgen – wie bei jedem Krieg – nicht absehbar sind. Wer ein Streichholz in einen Riesenhaufen Zunder wirft, raucht wahrscheinlich auch sommers im Wald. Immer wenn ich denke, schlimmer kann es ja nicht werden, kommt ein neuer Feldherr um die Ecke. Es sind immer alte Menschen, die junge Menschen in den möglichen Tod schicken. Viele dieser alten Menschen sind offenkundig mental schwer erkrankt, und sie ahnen, dass ihnen die Zeit nur noch einen kleinen Happen gönnt.

Vielleicht ist es an der Zeit, daraus Lehren zu ziehen. Wir könnten das passive Wahlrecht auf ein vernünftiges Rentenalter begrenzen, also 60 Jahre. Aber das würde nicht genügen. Eine Minderheit der Staaten wird heute als Demokratie identifiziert, Tendenz: fallend. Idealerweise wird die operative Staatsgewalt in diesen Ländern geteilt, damit sie nicht böse wird. Organe der gesetzgebenden, rechtsprechenden und gesetzausführenden Gewalten kontrollieren sich gegenseitig, damit wir nicht auf die schiefe Bahn geraten. Deutschland ist besonders gut darin, wir haben neben den drei Klassikern noch die vierte Gewalt, den Journalismus. Aber auch das wird nicht ausreichen, politische Entscheidungen zu korrigieren.

Eine fünfte Gewalt fehlt. Junge Menschen, deren Gespür für Gerechtigkeit noch lebt, deren Herzen noch nicht gewürgt wurden.

Ich wünsche allen eine heile Woche.

Thomas Vöcks


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