Sonntag, 8. März

Es ist okay, durch das Leben zu irren, aber bei Pralinen musst du zugreifen, könnten mit Weisheit gefüllt sein. Herr Jeminee sagt: Augen auf, sonst Seele zu. Und Starkbier ist so bitter wie die Wirklichkeit. Meine Suche nach Ästhetik.

Wer in Hamburg die Kulturfabrik Kampnagel besucht, erzählt seinen Nächsten anschließend, er sei auf Kampnagel gewesen. Denn in gewisser Weise ist die ehemalige Maschinenfabrik eine Insel in der Stadt der Pfeffersäcke, hier huldigt man der Kunst, ist machtkritisch und chronisch klamm. Ich war also jüngst auf Kampnagel.

Das Theaterstück spielte in einer Kunstgalerie, dort machten Künstler so Künstlersachen, es gefiel mir, manchmal dachte ich, hier macht sich Kunst über Kunst lustig, warum nicht. Das Publikum lachte in Momenten, die ich nicht komisch fand, aber schon das Foyer hatte mich ja mit Hallo, Fremder begrüßt. Dann erklärte mir eine Rezension, ich hätte nichts verstanden: es ging um die Freiheit der Kunst, um den Schutz ihrer Außengrenzen. Unser Kulturstaatsminister war nicht anwesend, glaube ich, er vernahm wohl gerade ein paar Buchhändler.

Nicht schlimm etwas nicht zu verstehen, das Leben ist ein langer Verstehensprozess, eine Schachtel Pralinen, wir naschen uns durch Wahrheitsangebote. Leider verschmähen viele Menschen diese Verkostung. Gerade bezeugen wir, was passiert, wenn sich diese Unvernunft mit Macht paart. Ein freier Iran, ein sicheres Israel, das sind hehre Ziele. Ein Blick in meine Pralinenschachtel verrät mir aber, dass ein Raketenhagel über Teheran gute Menschen eher tötet, als befreit. Das Leben in der Stadt ist ohnehin kompliziert und gefährlich. Ich war nie dort, doch der Film The Witness (hier in der ARD Mediathek) vermittelt einen Eindruck.

Entscheidungen brauchen Augenmaß, sonst führen sie leicht ins Scheitern. Intuition, Weitsicht, Information und Moral, so würde ich die Zutaten fürs Augenmaß beschreiben, welches im Mittelpunkt der diesjährigen Fastenrede auf dem Nockherberg stand (hier in der ARD Mediathek). Maximilian Schafroth war ein rotzfrecher Redner (wie ich gern wäre), sein Nachfolger Stephan Zinner ein vermittelnder (wie ich bin).

Ich habe die Starkbierprobe live gesehen und dazu schwer gesündigt: Es gab Kartoffelpüree mit Bratensoße aus der Tüte. Unverzeihlich lecker.

Ich wünsche allen eine schöne Woche.

Thomas Vöcks


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