Eine erschütternde Doku-Serie über Geld und Mallorca: Wenn Reality vor der Realität flieht. Und die Geheimzutat Mirin: Japanische Süße im Nizza-Salat. Die Lage der Ästhetik.
Ich war Nachrichtenredakteur bei RTL2, arbeitete also in einem teils seltsamen Programmumfeld, aber dafür habe ich mich nie geschämt. Die Redaktion war ein Hort aufrichtiger Journalisten, zugleich ein Freundeshaufen. Der Rest war eben Privatfernsehen, sollen die doch machen, was ihnen Geld bringt. Wir Newstypen waren heimlich Jünger der Tagesschau. Manche stiegen damals auf diesen Olymp, ich stolperte Jahre später auf’s öffentlich-rechtliche Gelände, war durchaus stolz.
Jetzt sah ich die Serie Me, Myself, Mallorca (SWR, hier in der ARD Mediathek), welche meine Schamgrenzen neu auslotete. Die Serie zelebriert den Verlust von Sinn und Gegenwart; gleichzeitig entblößt sie ungewollt die Langeweile ihrer Protagonisten, welche sich längst in ihren toten Palästen verloren haben und deren Lächeln dank permanenter Champagnerzufuhr dennoch nie erlischt. RTL2 hat manchmal hilflose Menschen ausgebeutet, Opfer einer Bildungsmisere und der wirtschaftlichen Verhältnisse. Der SWR verhöhnt diese Menschen, indem er den Nutznießern der Wohlstandsschere völlig unironisch den Roten Teppich ausrollt.
Abgesehen vom Malle-Unfug ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk natürlich gebeutelt von grassierender Unvernunft, und sowieso sind wir Humanisten immer schwächer als die Bösen, weil wir die Gürtellinie respektieren. Vielleicht sollten wir ab und zu die Samthandschuhe abstreifen, sonst wird alles relativ: das Völkerrecht, die Demokratie, die Gerechtigkeit.
Die ZDF-Doku Die Diplomaten (hier in der ZDF Mediathek) macht keine Geschenke an irgendwen. Sie schafft es in Folge 2 sogar, den Komplex Israel-Palästina lebens-, sterbens- und leidensnah darzustellen (soweit und so kurz ich das beurteilen kann). Hinter den Kulissen: Wie benimmt sich Deutschland in der Welt? Ich bin sehr angetan.
Und ich bleibe ein Träumer. Und wenn jemand meine Träume singt und wenn ein Kinderchor einstimmt und wenn es noch so naiv klingt, bin ich doch tief bewegt. Und gibt es eigentlich ein gutes Wort für Hoffnungstränen?
Komm, wir ziehen in den Frühling: mit einem Nizza-Salat! Eigentlich ein sehr einfaches Gericht, für das in Frankreich natürlich strenge Regeln gelten. Da ich kein Franzose bin, habe ich das Dressing (eigentlich nur Olivenöl und Zitronensaft) etwas opulenter gestaltet – mit Senf, Sushi-Essig, einem Spritzer Apfelessig und reichlich schwarzem Pfeffer. Ich wollte noch eine Prise Zucker einstreuen, aber ich hatte zuvor schon den Sushi-Essig mit Mirin verwechselt.

Ich wünsche allen eine schöne Woche.
Thomas Vöcks

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