Das linksradikale Kochbuch

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  • Über mich

  • Freitag, 14. November

    Eine Epidemie der Harmonie – wäre das zu ertragen? KI ist ein Menschenfresser. Wer will ihn füttern? Lasst uns wie Dashi sein: höflich und hilfreich. Die aromatische Lage der Ästhetik.

    Was, wenn das mal aufhören würde, dieses gegenseitige Geschimpfe, die Bosheit und Ungerechtigkeit? Vielleicht durch ein Virus, das sämtliche Charaktermängel beseitigt. Eine Pandemie der Schönheit, wie wär das? Spontan würde ich sagen, ich impfe mich diesmal nicht, und die Maske könnt ihr vergessen. Vielleicht läge ich damit aber falsch. Auf Mord und Totschlag kann ich gut verzichten, aber will ich ständig von seligem Lächeln umgeben sein? Und wäre ich der einizige, den das Virus verschont, wär das schön? Durch einen nicht enden wollenden Kirchentag wandeln? Während der Serie Pluribus bei Apple+ kann man in Ruhe darüber nachdenken.

    Aber momentan grassiert ein ganz anderes Virus. Mein geliebter NDR ist im KI-Fieber, das bereitet mir Liebeskummer. Für mich ist KI das Kürzel für Kein Interesse. Bestimmt taugt die Wunderwaffe für grandiosen Schabernack; wie sonst hätte der US-Präsident mal flink einen Film basteln können, in dem er Exkremente auf Demonstranten regnen lässt. Vor allem aber gibt es KI, weil sie Menschen ersetzen kann. Das kann nicht mein Interesse sein. Es wird zuerst Künstler erwischen: Sprecher, Musiker, Autoren, Grafiker. David kämpft gerade gegen Goliath, aber ich würde nicht auf ihn wetten.

    Apropos Musik: Ich habe mal wieder ein Konzert besucht, zusammen mit einem Freund genoss ich den angestaubten, aber warmen Brit-Pop von Psyhodelic Furs. Bevor die älteren Herren die Bühne enterten, spielten vergleichsweise junge Leute aus Los Angeles auf. Könnte sein, dass man von Dear Boy noch hören wird.

    Am Wochenende gibt es Okonomiyaki. Wichtig ist, dass der Teig mit Dashi angerührt wird. Der Sud aus Kombu-Alge und Bonitoflocken kann in 15 Minuten hergestellt werden. Besser wird die Brühe, wenn sie über Nacht zieht. Noch besser, findet jedenfalls Tim Raue, wenn man statt Wasser Hühnerfond einsetzt.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    November 14, 2025

  • Freitag, 7. November

    New York leuchtet, Deutschland setzt auf Gaslampen. Im Süden nichts Neues, aber ich lasse mir Bayern nicht versödern. Apropos: Nicht in der Wurst, in der Aubergine liegt die Wahrheit. Die gestrige Lage der Ästhetik.

    Zu meiner eigenen Überraschung hege ich eine heimliche Liebe zum Bajuwarischen. Ich glaube, die hat mir mein Vater beschert. Schon deshalb war ich auf den Zweiteiler Sturm kommt auf im ZDF gespannt. Außerdem empfinde ich es als meine Bürgerpflicht, mich regelmäßig mit Deutschlands dunkelsten Stunden zu befassen, gern auch in fiktionaler Bearbeitung. Da ist natürlich wenig Neues zu erfahren. Aber die Perspektive einer bayrischen Dorfgemeinschaft verrät viel darüber, welchen Wert der Begriff Charakter im Freistaat genießt. Das ist zum großen Teil leider dem Katholizismus geschuldet, aber sei’s drum.

    Soviel zur Vergangenheit. Wer die Zukunft sucht, findet sie nicht in Deutschland. Hier regiert die Sehnsucht nach dem Gestern, manchmal sogar Vorgestern. Die Chuzpe, mit der uns die Heilkraft von Gas und Öl gepredigt wird, ist grotesk. Charlie Chaplin wäre bestimmt ein Film eingefallen, der das Schmierentheater der Gegenwart wenigstens in die Kunstgeschichte einsortiert hätte. Vielleicht übernimmt das Bully Herwig, statt noch einen Cowboyfilm zu drehen. Die Realsatire wurde am Sonntag im Ersten aufgeführt.

    Wesentlich amüsanter hat Die Anstalt den Irrsinn schon im Oktober im ZDF erklärt.

    Die Süddeutsche spießt ein Detail der Groteske auf: Wie Oliver Blume, der Hauptschuldige in der Causa Volkswagen/Porsche, sich feiert. Und wie er mit kindlicher Begeisterung vom elektrischen Cayenne schwärmt. Das Monstrum beschleunigt mit 1000 PS und brüllt über Lautsprecher wie ein V8-Motor.

    Es müsste ein gehöriger Ruck durch Deutschland gehen, wollten wir die Vernunft wieder ernsthaft ins Gespräch einladen. Ein Zohran Mamdani täte uns gut, ich wäre aber auch mit Ines Schwerdtner oder Heidi Reichinnek zufrieden.

    Neulich hat mir mein Sohn eine Parmigiana di Melanzane gekocht, mit einem perfekten Ergebnis. Die köstlichste Art, Aubergine zu essen. Vielleicht gebe ich die Leidenschaft fürs Kochen weiter wie mein Vater die Bayern-Macke.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    November 7, 2025

  • Freitag, 31. Oktober

    Männer lügen am Telefon. Geben Gas, wollen Spaß, finden sich toll. Kein Problem, wenn sie sich leise im Hintergrund halten. Die feministische Lage der Ästhetik.

    Vielleicht sollten es die Frauen richten, also die wichtigen Angelegenheiten der Gesellschaft. Männer stehen oft imWeg: dem Fortschritt, der Gerechtigkeit, der Kommunikation, sich selbst. Längst gälte Tempo 100 auf Autobahnen, aber Männer müssen ja rasen bis die Schwarte kracht. Liest man den Gastkommentar von Thomas Gesterkamp in der taz wie ich, also mit leidenschaftlicher Großzügigkeit in Faktenfragen, gehen alle gefährlichen Verkehrsunfälle aufs Konto von Männern.

    Historisch betrachtet, steckt das Talent für die Kunst des Regierens auch nicht im Y-Chromosom. Wenn wir eine Hand voll Königinnen ausblenden (s.o.), gehen Kriege seit je her von Männern aus. Wusste Herbert Grönemeyer schon immer.

    Die jüngere deutsche Geschichte zeigt, es steht 16:0 für das Modell „Frauen an die Macht“. Erst nachdenken, dann sprechen und manchmal aufs Herz hören, keine so schlechte Idee. Aber was machen die Reichstagsmänner der Post-Merkel-Ära? Schweigen (der Amnesiekanzler) und Plappern (der Stadtbildkanzler). Beide sind natürlich Verbrennermänner. Und sie bremsen nur: Frauen.

    Was heißt das? Die Entmackerung der Bundesrepublik könnte noch zwei- bis siebenhundert Jahre dauern, wenn Frauen nicht andere Saiten aufziehen. Wie das funktionieren kann, haben sie mehrfach bewiesen. Streik ist das Mittel der Wahl und des Erfolgs. Bei Arte zu bestaunen: Die Rotstrumpf-Aktion, bei der es „nur“ um gerechte Bezahlung ging.

    Inzwischen sollte es um mehr gehen, als die Abschaffung von Sklaverei light. Auf dem Spiel steht… ja, der Weltfrieden. Der Planet. Zukunft, alles. Ich frage mich, was Männer davon abhält, ihre Lächerlichkeit abzustreifen. Vielleicht ist es die Angst vorm Vakuum.

    Ich fahre seit Jahrzehnten sehr gut damit, weiblicher Klug- und Weisheit zu vertrauen. Nur am Herd dulde ich keine Mitsprache. Niemand brät eine Entenbrust besser, als ich. SO SAD!

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Oktober 31, 2025

  • Freitag, 24. Oktober

    Frage an Architekten: Was fehlt im Stadtbild? Fröhliche Töchter? Knusprige Hähnchen? An Psychologen und Dermatologen: Gibt es Hoffnung für die Narbe? Zum ewigen Zank zwischen Werbung und Wahrheit: Die Lage der Ästhetik.

    Ungefähr einmal im Vierteljahr esse ich ein halbes Hähnchen vom Grill. Das ist ethisch mindestens fragwürdig. Denn vermutlich haben die Tiere zu ihren kurzen Lebenszeiten ähnlich eng beieinander gehockt wie auf den Spießen. Leider ist der klassische Hähnchengrill weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Aber ich habe eine App namens Hähnchen-Radar, die mir verrät, wo der nächstgelegene Gaumenschmaus-Wagen steht. Das Unternehmen behauptet, knusprige Broiler zu verkaufen, aber das stimmt nicht, die Haut ist köstlich, aber sie ist weich. Nicht schlimm. Die Gastronomie hat sich eben angewöhnt, ihre Produkte als „außen knusprig, innen saftig“ zu beschreiben. Die Branche ist nicht in erster Linie der präzisen Sprache verpflichtet. Die zerstrittenen Geschwister Wahrheit und Werbung – auf der Speisekarte küssen sie sich manchmal.

    Was mir nicht klar war, ist, dass das deutsche „Wirtschaftswunder“ ein Mythos ist wie das knusprige Grillhähnchen. Die Doku Geraubtes Wirtschaftswunder bei Arte skelettiert den Stolz der Deutschen schonungslos und hinterlässt Knochentrümmer.

    Bis heute huldigen Konservative gern der Sozialen Marktwirtschaft und ihres angeblichen Erfinders, Ludwig Ehrhard. Der Zigarrenmann hat sich das Modell von einem Berater der Nazis schreiben lassen und hatte selbst null Ahnung von Ökonomie – aber er verstand gutes Marketing: Klare Sprache, klares Versprechen, klarer Plan. Damit hatte er heutigen Politikern einiges voraus. Mit Bravur kommuniziert der amtierende CEO der Bundesrepublik vor allem an jungen Menschen vorbei – so das Fazit von Nils Minkmar in der Süddeutschen.

    Pandemie, Kriegsangst, Nazis, der Hagelsturm der letzten Jahre bleibt nicht ohne Folgen. Wenn die Sonne mal blendet, sieht man die Narben nicht, aber sie leuchten im Schatten, von Heilung keine Spur. Und wehe, sie brechen mal. Dann rollt der Tsunami gen Wolkenkuckucksheim. Gleich zwei Fernsehfilme betrachten zurzeit diese Entzündungen unterm Schorf.

    In Polizeiruf 110 – Tu es! entlädt sich der Furor eines idealistischen Lehrers in einem Monolog. Die Szene hat mich elektrisiert, weil im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mal unausgewogen und rücksichtslos ein Gefühlsleben ausgebreitet wird, das so echt wie niederschmetternd ist. Dieser Monolog verlangt und verdient eine Antwort. Am besten vom CEO der BRD, aber bitte kein Geraune von Stadtbildern und Töchtern.

    Ich fühlte mich kurz erinnert an die Satire Network von 1976.

    Der Film Von uns wird es keiner sein im ZDF entfaltet langsam, aber heftig einen Sog. Du wirst Teil einer Jugend- und Elternwelt, die niemals so heil ist, wie sie scheint.

    Das Phänomen Schlaflosigkeit war mir vor 30 Jahren fremd, das hat sich geändert. Damals entstand Insomnia von Faithless. Ich hab die Musik nicht gleich verstanden, aber der Auftritt in der Großen Freiheit war toll. Und inzwischen vermisse ich eine singbare Hood-Line nicht mehr, erst recht kein Blues-Schema. The Times They Are a-Changin’ – manchmal zum Glück, aber nicht immer.

    Die Marotte, ein Abendessen mit einem Aperitif zu beginnen, hat mich in Frankreich infiziert und ich werde sie nicht kurieren. Neulich, der Weißwein war aus, wollte ich einen Kir. Ich griff zum Rotwein, goss ihn auf einen Schwupps Crème de Cassis, war begeistert. Wer Krimsekt mag, wird den Drink lieben. Aber wer hat´s erfunden? Ich leider nicht, fand ich heraus. Cardinal Kir heißt der Drink und ist Exoten unter Trinkern bestimmt längst bekannt.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Oktober 24, 2025

  • Freitag, 17. Oktober

    Neues vom Perlentaucher in der Jauchegrube. Von Welt- und Zerrbildern. Welchen Preis haben Gewissen und Wahrheit? Warum lügt der Herbst? Und warum ist Sauerteig sexy? Die Lage der Ästhetik. http://www.voecks.tv

    Vor meinem Fenster belügt mich der Herbst. Schau, meine bunten Blätter. Die armen Blätter liegen im Sterben, das verrät er nicht, der Herbst, er hat ein Imageproblem, da wird gern geflunkert. Ich nehme es dem Oktober aber nicht übel, obwohl ich sonst gegen das Lügen bin. Ein Schwindel hilft oft bei der Navigation durch Wahrheiten. Das habe ich so in mein Weltbild eingebaut, also in meine vorläufige Vorstellung einer funktionierenden Welt.

    Unser Mathelehrer L. hat gesagt, kluge Menschen arbeiten lebenslang an einem Weltbild. Deshalb habe ich mich mit einem ewigen Provisorium der Weltsicht abgefunden. Denn Herr L. war streng und altmodisch, aber neben Wissen und Angst verströmte er auch das Angebot, seine Weisheit wahrzunehmen und vielleicht irgendwann zu begreifen. Herr L., ach, was solls, Lischke konnte manche Weltläufte vorhersagen, zum Beispiel, dass meine Generation (Schmähkürzel: Boomer) mit fröhlichem Karacho auf den Abstieg zu rast. Aber ich glaube nicht, dass er sich den Zustand der Gegenwart vorstellen konnte.

    Als Perlentaucher in der Jauchegrube finde ich natürlich die Vorzüge im Chaos: es fordert mich täglich auf, mein Weltbild zu prüfen. Die nächste Frage lautet, wenn ich Pech habe, welchen Preis bezahle ich für meine Überzeugungen. Die Amerikanerin Reality Winner (was für ein Name!) hat sich im entscheidenden Moment ihres Lebens entschieden. Über die Whistleblowerin wurden schon zwei Spielfilme gedreht. Einer läuft in der ZDF-Mediathek:

    Der andere bei Prime:

    Im geografischen Sinn ist unser Weltbild geprägt von Karten, die 1569 für Seefahrer entwickelt wurden. Was für die Navigation sinnvoll war gaukelt uns seit Jahrhunderten eine total falsche Verteilung der Landmasse vor. Zeit, sich an die Wahrheit zu gewöhnen, findet Ullrich Fichtner im Spiegel. Und ich auch.

    Ich habe neulich die Reihe Die Brotrebellen bei Arte verschlungen.

    Die Filme erinnerten mich daran, dem Grundnahrungsmittel wieder mehr Demut zu zollen. Und ich bekam Lust auf Sauerteigbrot. Bei mir in Ottensen gibt es verschiedene Bäckereiketten, gern steht, wer was auf sich hält, bei Zeit für Brot an. Biobrot gibt es natürlich, und in dieser Nachbarschaft darf auch der Laibverbrenner Gaues nicht fehlen. Ich vermisse den traditionellen Handwerksbäcker Wulf, der mich dreißig Jahre lang in Eppendorf ernährt hat.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Oktober 17, 2025

  • Freitag, 10. Oktober

    Ein Herbst ohne Kürbis ist möglich; ein Leben ohne Gitarre nicht. Tristesse im Sauerland: Wer Milde Sorte raucht, trinkt auch Schnaps und Clausthaler. Echte Rebellen sind Working Class Heroes oder baden in Öl. Die Lage der Ästhetik.

    Dieses Werk sollte mich teuer zu stehen kommen. 1975 erschien das Gitarrenbuch von Peter Bursch.

    Es versprach, das jeder schnell ein paar Lieder lernen kann. Noten musste man nicht lesen können. Also hockten wir uns drüber mit unseren ersten Klampfen, Daniel, Dirk, Uli und ich, spielten Get Back, Donna Donna und We Shall Overcome. Spielerisch habe ich mich seitdem nicht nennenswert entwickelt; bis heute spiele ich die Simpel-Version von G-Dur. Inzwischen fordern mich zehn Gitarren auf, mal wieder Staub zu wischen.

    Das Gitarrenbuch ist bis heute, 50 Jahre nach der Erstausgabe, ein Bestseller. Weltweit verführte es Millionen Menschen, Saiten zu zupfen, schrubben, liebkosen. Deshalb gebührt Peter Bursch der Friedensnobelpreis (der heute zum Glück unbeschädigt blieb). Denn wer je eine Gitarre umarmt hat, wird nie zum Gewehr greifen. Glaube ich.

    Allerdings kann die Gitarre auch eine Waffe sein – gegen den Krieg. Richie Havens hat 1969 auf der Woodstock-Bühne gezeigt, wie das geht. Der Song Freedom war improvisiert, weil er sein Repertoire nach 45 Minuten leergespielt hatte.

    Sechs Saiten und ein Text, der Wahrheit erzählt. So können Herzen gewonnen werden. Aber der Weg dorthin führt Künstler oft durchs tiefe Tal.

    Friedrich Merz hat als Jugendlicher E-Gitarre gespielt und Milde Sorte geraucht, rebellierte also vorsichtig, emissionsarm und irgendwie anders: gegen die 68er und Willy Brandt. So erzählt er es jedenfalls in einem Interview aus dem Jahr 2000. Könnte aber Spuren von Unwahrheit enthalten. Ein Vollblut-Rebell wäre diese Woche 85 geworden. In einer Welt ohne Waffen würde John Lennon vielleicht noch leben.

    Begabte Pop-Poeten gibt natürlich heute noch. Einen von ihnen, Nepumuk, hörte ich gestern zum ersten Mal. Das hatte ich dem wohl besten Musiksender im Radio zu verdanken: Byte.FM. Das idealistische Personal dieses werbefreien Kanals besteht offenbar aus Trüffelschweinen für Qualitätspop der Gegenwart. Aber auf der Homepage halten sie auch eine Hommage zum 85. Geburtstag von John Lennon bereit. Und der Autor heißt, wirklich, Volker Rebell.

    Der Herbst hat gute Seiten, grün-gelb-rot-bunte Blätter. Kürbisse sind aber ein Irrtum der Natur, jedenfalls kulinarisch. Mögen sich andere ihre geschmacksblassen Süppchen kochen; ich brate heute Reis.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Oktober 10, 2025

  • Freitag, 3. Oktober

    Drohnen werfen ihre Schatten voraus, alle gehen sich an die Gurgel, Herbst der Entgleisungen. Ein Plädoyer für Papier und Federhalter, Slow Motion und very Slow Food. Die Lage der Ästhetik am Freitag, der eine blasse Hoffnung feiert.

    Die sogenannte Wirklichkeit formt uns zu Suchenden: nach Haltegriffen an den Zellophanwänden der Gegenwart, nach Weissagung, guten Gesprächen und Lasagne. Alles geschieht zu schnell. Oder zu langsam? Nicht mal das ist leicht zu klären. Stimmt nicht ganz. In puncto Lasagne hat Alvin Zhou natürlich eine Antwort:

    Auf den elektrischen Korridoren ist Geschwindigkeit ein Gift, das mit Hingabe hingenommen wird. Mit Affenzahn fliegen die Streubomben der Meinungen am Dialog vorbei. Oder, wie Felix Dachsel in seiner Rezension des Buchs Was darf Israel? formuliert: Auf den Halden des Internets kommt es täglich hunderttausendfach zur „Spontanentleerung des Gefühlshaushalts“. Die Autoren, Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad, haben sich hingegen viel Zeit genommen und einander Briefe geschrieben.

    Womöglich waren die Briefe der beiden auch noch handgeschrieben mit einem Füllfederhalter. Kein anderes Schreibgerät schafft ein vergleichbar schönes Schriftbild – wenn der Verfasser den Umgang mit Feder und Tinte gelernt hat. An manchen Schulen wird diese Kunst noch gepflegt. Sie fördert die Feinmotorik, zwingt zur gemächlichen Niederschrift und schafft auf diese Weise Raum für Konzentration; könnte also besonnene Dialoge fördern.

    Das Foto oben erinnert mich an meine Schulzeit, vor allem die Schönschreib-Linien am rechten Tafelflügel. Und der Look der Lehrerin passt perfekt in die Sixties. Viele junge Frauen wollten damals aussehen wie Uschi Nerke, die Moderatorin des Beat-Club. Vor 60 Jahren startete dieses seinerzeit revolutionäre Format bei Radio Bremen.

    The Beat Goes On – ab 4. Oktober in der ARD Mediathek.

    Man traute sich was an der Weser. Von Mut, Dummdreistigkeit und gelungener Kommunikation handelt die Doku Der talentierte Mr. F, ebenfalls in der ARD Mediathek. Es ist die verrückte Geschichte eines Kunstraubs. Ein schräger Amerikaner klaut einen Film, gewinnt damit Preise – und bekommt dann Besuch von den deutschen Urhebern, den Filmemachern Julius Trost und Moritz Henneberg. Der perfekte Film zur Lasagne.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Oktober 3, 2025

  • Freitag, 26. September

    Kalenderspruch der Woche: Wer Menschen beugt, will sie nicht biegen, sondern brechen. Binse der Woche: Wer nicht hören will, beißt auf Steinpilz. Die Lage der Ästhetik: Schwerpunkt gegen Leichtpunkt.

    Schlägt etwa die Stunde der Unbeugsamen? Vielleicht, weil Jimmy Kimmel nach der Kurzzeit-Zensur wieder senden darf? Das wäre wohl zu früh gelacht. Der wirre „Mann“ im Weißen Haus verliert nicht gern. Und er ist zurzeit der wohl einzige freie Mensch in den USA. Frei von Ehre und Anstand, von Moral, Mitgefühl, Bildung, Intelligenz. Vor allem frei von Angst, denn alle Angst geht von ihm selbst aus. Aber sie erreicht nicht jeden:

    Das ist doch mal lustig! Findet Stephen Colbert auch:

    Auch der Kessel Buntes, den das Großmaul über die UNO-Vollversammlung erbrach, war voller Gags. Und keiner hat gelacht. Dabei ist Lachen die schärfste Waffe gegen Hass. Hass ist die Lebensader dieses „Mannes“. Und Rache sein Hobby.

    Europa wirkt zurzeit eher beugsam. Kniefall gen Westen, Zittern gen Osten, in der Mitte ein verschreckter Hühnerhaufen, der sich im Treppenhaus der Evolution ein paar Stockwerke runterschubsen lässt. Die Uniform ist wieder schneidig. Deutschlandticket zu teuer? Komm zum Bund, im Flecktarn fährst Du gratis.

    Unbeugsam sind jedenfalls und in jeder Hinsicht überraschend diese drei Nonnen in Österreich.

    Ihr katholischer Obermufti ließ sie vom Kloster ins Altersheim verschleppen, geben sie zu Protokoll, dort büxten sie aus und besetzen nun ihr altes Kloster. Sie hatten Gehorsam gelobt, jetzt sind sie ungehorsam, vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben. Die Nonnen waren erst Schülerinnen, dann Lehrerinnen an der Klosterschule. Eine von ihnen ging in eine Klasse mit Romy Schneider. Ihr hätte diese Geschichte bestimmt gefallen.

    …und diese auch: Die Arte-Serie Faithless legt ein Drehbuch von Ingmar Bergmann neu auf. Ein Liebesstrudel, in dem sich drei Menschen erst langsam, dann immer schneller umeinander drehen.

    Während der Bahnfahrt von München zurück nach Altona werde ich die Serie Black Rabbit sehen. Den Soundtrack habe ich schon gehört. Großartig: The Walkmen mit We´ve Been Had.

    Auf dem Wochenmarkt von Tutzing haben wir wunderbare Steinpilze gefunden. Einige wurden als Bruschetta zur Vorspeise fürs Händl. Die anderen bekamen die Hauptrolle: in Butter gebräunt, Pfeffer, Salz, Schluck Sahne, Tagliatelle.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    September 26, 2025

  • Freitag, 19. September

    Diese lähmende Mirdochegalstimmung manchmal. Bleibt nur Träumen: von Eulen, einem gelben Doppeldecker und ozeanblauen Augen. Mein Segelflug durch die Lage der Ästhetik – diesmal aus dem Friseursalon.

    Durch Zufall stolperte ich über einen kurzen Film der BBC über den Flug der Eulen.

    Ich habe den Clip morgens gesehen, nach dem Genuss der Schlagzeilen, der wieder keiner war. Dann ging ich zum Friseur, dort ist die Welt ja immer in Ordnung. Mein Haar wird, anders als ich, immer dünner, aber die Sizilianerin an der Schere ist eine Meisterin der Vertuschung. Während Daniela also Fülle simuliert, wo keine ist, denke ich an den lautlosen Flug der Eule. Denke an Ikarus, dessen Plan nicht dümmer war, als unser Wachstums-Kult. Denke an Drohnen, die ohne Widerspruch fliegen, stürzen und töten. Was ist bloß aus dem schönen Traum vom Fliegen geworden? Und dann, unvermeidlich, komme zur wahrscheinlich schönsten Flugszene der Filmgeschichte.

    Der mit den Augen spielte, mit Halbsekundenblicken, ozeanblau.

    Seit vielen Jahren suche ich nach einem Cordanzug wie ihn Redford als Bob Woodward trug; für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar.

    Robert Redford hat mich in vielen Rollen inspiriert; als Reporter in Die Unbestechlichen schubste er mich in den Journalismus. Bei der Segeberger Zeitung spürte ich Ende der 80er, wie wichtig dieser Job sein kann, es müssen ja nicht immer Präsidenten gestürzt werden. Der Lokaljournalismus ist eine der Herzkammern der Demokratie. Leider merkt man das erst, wenn die Kammer flimmert. Die Serie The Paper bei WOW handelt vom Sterben der kleinen Zeitungen von um die Ecke. Sehr amüsant, aber angesichts der gegenwärtigen Probleme der freien Presse in den USA etwas oberflächlich.

    Während ihrer letzten Handgriffe erzählte mir die Friseurin noch eine Mafiageschichte aus der Heimat ihrer Familie. Wenn das Wort Sizilien in den kulinarischen Teil meines Hirns dringt, denke ich unwillkürlich an ein sehr einfaches Nudelgericht, das Jamie Oliver vor Ort kennenlernte.

    Ich bin heute auf dem Weg nach Bayern, wo der Fleischer Metzger heißt, der Wurstkönig Hoeneß und sein Vorkoster Söder. Meine Frisur ist adrett, ich verhalte mich unauffällig und genieße all die köstlichen, ungesunden Lebensmittel. Hoffentlich hält der Viktualienmarkt noch ein paar Pilze bereit. Und hoffentlich erlange ich irgendwann mal die Weisheit der Eule.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    September 19, 2025

  • Freitag, 12. September

    Was haben wir? Eine katholische Männerfreundschaft, Coffee to go aus der Pappe, Berlin wird autofrei und – heil´ges Blechle! – Chinesen kaufen keine Porsches. Dresscode zur IAA: tiefschwarz. Die Lage der Ästhetik.

    Spätsommer regnet auf Kopfsteinpflaster, verströmt Melancholie, duftet nach Kindheit und verheiltem Sonnenbrand. Das Jahr beginnt im Herbst, denke ich. Die Straße trägt feste Schuhe und Übergangsjacken, man wappnet sich gegen den Schatten, wer weiß denn schon, was als nächstes passiert. Ein guter Moment, in alte Zeiten zu tauchen; in die gute alte Zeit des Kalten Krieges. Schöner ausgedrückt: als kurz nach dem Krieg eine deutsch-französische Romanze begann. An einem Tag im September beleuchtet das erste persönliche Treffen zwischen Konrad Adenauer und Charles De Gaulle und ist bei Arte und ZDF abrufbar. Ausgerechnet ein Film über zwei erzkonservative Katholiken hat mir den Herbstanfang verschönert. Kultivierte Gespräche statt Deals und Erpressung in internationaler Politik – es war ne andere Zeit.

    https://www.zdf.de/play/filme/an-einem-tag-im-september-movie-100/an-einem-tag-im-september-102

    Heute dominiert die breitbeinige Pose, das „fetischhafte Wurstgefresse“ (Habeck über Söder) die Szene. Oder Albernheiten, welche die Weltlage banalisieren:

    Ich finde sowas mindestens verstörend. Echten New Yorkern geht es bestimmt ähnlich, sie müssen damit rechnen, dass ihre Stadt bald von der Nationalgarde eingenommen wird. Und während Frau Baerbock in High Heels den zahnlosen Tiger reitet, schlüpfen deutsche Parlamentarier in Kommissstiefel und preisen die Wehrpflicht. Ein Hamburger Künstler findet darauf die richtige Antwort:

    Es lohnt sich, den Menschen Disarstar zu betrachten. Seine Biografie zeigt, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Veränderung ist fast immer gut.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Disarstar

    Dieser Geist weht nur schwach durch die Auto-Orgie in München. Die Verbrenner-Lobby gibt auf der IAA Vollgas, ihre Lakaien södern unisono Brummbrumm. Ich weiß nicht, ob elektrische Autos die Antwort auf alle Fragen und die Lösung aller Probleme sind. Wahrscheinlich muss Mobilität grundsätzlich neu gedacht werden. Da sind Künstler gefragt, weil sie über Vorstellungskraft verfügen. Jan Kerhart hat sich ein Konzept für Berlin ausgedacht. Ja, Berlin. Wer sowas macht, ist verrückt oder genial, auf jeden Fall mutig, also ein Künstler.

    https://www.berlin-2037.com

    Ich muss gestehen, dass ich Dank der Gnade meiner frühen Geburt dennoch von Autos fasziniert bin. Wenn der Boxer eines Käfer erwacht, ist das Musik für mich. Und aus irgendeinem Grund mag ich Rennfahrerfilme.

    Am Mittwoch habe ich Shakshuka gekocht, eigentlich eine Frühstücksmahlzeit, aber sie schmeckt auch abends. Die beste Version gibt es angeblich bei Dr. Shakshuka in Tel Aviv. Es ist ein äußerst diplomatisches Gericht, denn vermutlich kann sich der gesamte Nahe Osten auf diese Speise einigen. Einem Menschen ist dies bisher nicht gelungen.

    Zum Rezept: https://www.foodundco.de/shakshuka/

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    September 12, 2025

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Thomas Vöcks – frei, kreativ, radikal.

 

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