Zum Inhalt springen
Das linksradikale Kochbuch

Das linksradikale Kochbuch

Menü
Archiv
  • Mai 2026
  • April 2026
  • März 2026
  • Februar 2026
  • Januar 2026
  • Dezember 2025
  • November 2025
  • Oktober 2025
  • September 2025
  • August 2025
  • Juli 2025
  • Juni 2025
  • Mai 2025
  • April 2025
  • März 2025
  • Über mich

  • Freitag, 19. September

    Diese lähmende Mirdochegalstimmung manchmal. Bleibt nur Träumen: von Eulen, einem gelben Doppeldecker und ozeanblauen Augen. Mein Segelflug durch die Lage der Ästhetik – diesmal aus dem Friseursalon.

    Durch Zufall stolperte ich über einen kurzen Film der BBC über den Flug der Eulen.

    Ich habe den Clip morgens gesehen, nach dem Genuss der Schlagzeilen, der wieder keiner war. Dann ging ich zum Friseur, dort ist die Welt ja immer in Ordnung. Mein Haar wird, anders als ich, immer dünner, aber die Sizilianerin an der Schere ist eine Meisterin der Vertuschung. Während Daniela also Fülle simuliert, wo keine ist, denke ich an den lautlosen Flug der Eule. Denke an Ikarus, dessen Plan nicht dümmer war, als unser Wachstums-Kult. Denke an Drohnen, die ohne Widerspruch fliegen, stürzen und töten. Was ist bloß aus dem schönen Traum vom Fliegen geworden? Und dann, unvermeidlich, komme zur wahrscheinlich schönsten Flugszene der Filmgeschichte.

    Der mit den Augen spielte, mit Halbsekundenblicken, ozeanblau.

    Seit vielen Jahren suche ich nach einem Cordanzug wie ihn Redford als Bob Woodward trug; für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar.

    Robert Redford hat mich in vielen Rollen inspiriert; als Reporter in Die Unbestechlichen schubste er mich in den Journalismus. Bei der Segeberger Zeitung spürte ich Ende der 80er, wie wichtig dieser Job sein kann, es müssen ja nicht immer Präsidenten gestürzt werden. Der Lokaljournalismus ist eine der Herzkammern der Demokratie. Leider merkt man das erst, wenn die Kammer flimmert. Die Serie The Paper bei WOW handelt vom Sterben der kleinen Zeitungen von um die Ecke. Sehr amüsant, aber angesichts der gegenwärtigen Probleme der freien Presse in den USA etwas oberflächlich.

    Während ihrer letzten Handgriffe erzählte mir die Friseurin noch eine Mafiageschichte aus der Heimat ihrer Familie. Wenn das Wort Sizilien in den kulinarischen Teil meines Hirns dringt, denke ich unwillkürlich an ein sehr einfaches Nudelgericht, das Jamie Oliver vor Ort kennenlernte.

    Ich bin heute auf dem Weg nach Bayern, wo der Fleischer Metzger heißt, der Wurstkönig Hoeneß und sein Vorkoster Söder. Meine Frisur ist adrett, ich verhalte mich unauffällig und genieße all die köstlichen, ungesunden Lebensmittel. Hoffentlich hält der Viktualienmarkt noch ein paar Pilze bereit. Und hoffentlich erlange ich irgendwann mal die Weisheit der Eule.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    September 19, 2025

  • Freitag, 12. September

    Was haben wir? Eine katholische Männerfreundschaft, Coffee to go aus der Pappe, Berlin wird autofrei und – heil´ges Blechle! – Chinesen kaufen keine Porsches. Dresscode zur IAA: tiefschwarz. Die Lage der Ästhetik.

    Spätsommer regnet auf Kopfsteinpflaster, verströmt Melancholie, duftet nach Kindheit und verheiltem Sonnenbrand. Das Jahr beginnt im Herbst, denke ich. Die Straße trägt feste Schuhe und Übergangsjacken, man wappnet sich gegen den Schatten, wer weiß denn schon, was als nächstes passiert. Ein guter Moment, in alte Zeiten zu tauchen; in die gute alte Zeit des Kalten Krieges. Schöner ausgedrückt: als kurz nach dem Krieg eine deutsch-französische Romanze begann. An einem Tag im September beleuchtet das erste persönliche Treffen zwischen Konrad Adenauer und Charles De Gaulle und ist bei Arte und ZDF abrufbar. Ausgerechnet ein Film über zwei erzkonservative Katholiken hat mir den Herbstanfang verschönert. Kultivierte Gespräche statt Deals und Erpressung in internationaler Politik – es war ne andere Zeit.

    https://www.zdf.de/play/filme/an-einem-tag-im-september-movie-100/an-einem-tag-im-september-102

    Heute dominiert die breitbeinige Pose, das „fetischhafte Wurstgefresse“ (Habeck über Söder) die Szene. Oder Albernheiten, welche die Weltlage banalisieren:

    Ich finde sowas mindestens verstörend. Echten New Yorkern geht es bestimmt ähnlich, sie müssen damit rechnen, dass ihre Stadt bald von der Nationalgarde eingenommen wird. Und während Frau Baerbock in High Heels den zahnlosen Tiger reitet, schlüpfen deutsche Parlamentarier in Kommissstiefel und preisen die Wehrpflicht. Ein Hamburger Künstler findet darauf die richtige Antwort:

    Es lohnt sich, den Menschen Disarstar zu betrachten. Seine Biografie zeigt, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Veränderung ist fast immer gut.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Disarstar

    Dieser Geist weht nur schwach durch die Auto-Orgie in München. Die Verbrenner-Lobby gibt auf der IAA Vollgas, ihre Lakaien södern unisono Brummbrumm. Ich weiß nicht, ob elektrische Autos die Antwort auf alle Fragen und die Lösung aller Probleme sind. Wahrscheinlich muss Mobilität grundsätzlich neu gedacht werden. Da sind Künstler gefragt, weil sie über Vorstellungskraft verfügen. Jan Kerhart hat sich ein Konzept für Berlin ausgedacht. Ja, Berlin. Wer sowas macht, ist verrückt oder genial, auf jeden Fall mutig, also ein Künstler.

    https://www.berlin-2037.com

    Ich muss gestehen, dass ich Dank der Gnade meiner frühen Geburt dennoch von Autos fasziniert bin. Wenn der Boxer eines Käfer erwacht, ist das Musik für mich. Und aus irgendeinem Grund mag ich Rennfahrerfilme.

    Am Mittwoch habe ich Shakshuka gekocht, eigentlich eine Frühstücksmahlzeit, aber sie schmeckt auch abends. Die beste Version gibt es angeblich bei Dr. Shakshuka in Tel Aviv. Es ist ein äußerst diplomatisches Gericht, denn vermutlich kann sich der gesamte Nahe Osten auf diese Speise einigen. Einem Menschen ist dies bisher nicht gelungen.

    Zum Rezept: https://www.foodundco.de/shakshuka/

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    September 12, 2025

  • Freitag, 5. September

    Wird frisch im September, Kanzler legt einen Scheit Bürgergeld ins Feuer. Verlierer wärmen sich an Verlierern. Und ausgerechnet Mohamed tröstet uns mit Nutella-Locken. Die verwirrende Lage der Ästhetik.

    Ich schreibe nicht über Politik, weil das zweitens schon ganz viele versuchen; und erstens, weil es mir um Schönheit geht. Aber die Ästhetik ist kein isoliertes Phänomen, sie existiert immer in der Spannung zwischen Ideal und Gegenwart. Wenn die Verhältnisse meine Träume im Klammergriff würgen, kann da trotzdem Schönheit sein. Gerade dieses Leiden kann die Vorstellungskraft, um die es ja in der Kunst geht, beflügeln. Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat diese Dynamik in einen wunderschönen Film übersetzt. Darin erkennen sich lauter Menschen gegenseitig, die eines gemeinsam haben: Sie scheitern an den Regeln der Gesellschaft, die wie ein Sieb funktionieren. Wer durchflutscht, verschwindet im Ausguss. The Kindness of Strangers – Kleine Wunder unter Fremden läuft jetzt in der ARD Mediathek. Danke, Constantin von Westphalen, für den Tipp!

    In den meisten Filmen gewinnen die Guten. Aber wann ist ein Sieg ein Sieg? Nicht immer reitet der Held unversehrt in den Sonnenuntergang. Sondern…

    Es ist schwer mit Worten zu beschreiben, was ich meine. Manchmal ist ein Klavier haushoch überlegen. Die Sonate vom guten Menschen von Gabriel Yared und Stéphane Moucha, die im Spielfilm Das Leben der Anderen eine (musikalisch) erklärende Rolle spielt – sie funktioniert eigentlich auch für The Kindness of Strangers.

    Da funkelt das Glück nur minimal durchs Sentimentale. Für den Wiederaufbau der Zuversicht empfehle ich Dona Nobis Pacem 2, eine Filmmusik von Max Richter für die Serie The Leftovers. Gib uns allen Frieden. Das Cello klagt, die Violine fordert, das Klavier vermittelt.

    Es wäre ja interessant, was Bob Dylan gerade denkt. Oder auch nicht. Als ich ihn in einem Konzert in Hamburg vor ein paar Jahren erlebte, war er an der Anwesenheit seines Publikums nicht spürbar interessiert. Und zu seiner Nobel-Krönung erschien er gar nicht erst. Aber Patti Smith vertrat ihn würdevoll. Und sehr aufgeregt. Auch die coolste Künstlerin erstarrt mal vor absurder Kulisse.

    Wahrscheinlich ist das Leben kompliziert für einen Trotzkopf, der für Gerechtigkeit singt und dafür mit Weltruhm bestraft wird. Die Biografie Like A Complete Unknown erklärt das ein bisschen. Zweieinhalb schöne Stunden lang bei Disney+.

    Als junger Mensch hätte ich häufiger ein Trotzkopf sein sollen, war ich aber nicht, ich war eher ein freundlicher Sohn, der seinen Eltern oft seltsam erschien – und manchem Lehrer ein bisschen doof. Den Lehrern vergebe ich, meine Eltern hatten recht. Ich liebe zum Beispiel die Kolumne Mohameds Küche im Monopol-Magazin. Mohamed Amjahid drappiert Menüs auf der Tafel unserer schimmligen Gesellschaft. Ist das seltsam? Finde ich nicht. Zucker und Zorn – klingt doch wie ein urdeutsches Erziehungsmodell.

    https://www.monopol-magazin.de/mit-snacks-gegen-schikane

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    September 5, 2025

  • Freitag, 29. August

    Gruß aus der Baumkrone: Bella Ciao. Und ciao, Habeck, Du Meister vernuschelter Vernunft! Unterm Strich: Die Welt ist einen Pfifferling wert. Die Lage der Ästhetik im Fegefeuer, welches niemanden verschont.

    Noch vor meiner Einschulung hörte ich gern den Schulfunk des NDR im Röhrenradio meiner Oma. Ich liebte die Erkennungsmelodie, den Vogelfänger; dass sie aus Mozarts Feder stammte, wusste ich damals natürlich nicht. Aber ich rätselte, was wohl ein Vogelfänger sein könnte.

    Daran musste ich denken, als ich gestern im Deutschlandfunk Kultur von einem Kunstprojekt in Karlsruhe erfuhr. Dennis Siering hat mittels „künstlicher Intelligenz“ antifaschistische Protestsongs in Vogelgezwitscher übersetzen lassen. Damit beschallt er den Karlsruher Schlossgarten, mutmaßlich in Hörweite des Bundesverfassungsgerichts. Wenn Amsel, Drossel, Fink und Star gut zuhören, vögelt der Antifaschismus bald in allen Wipfeln. Endlich ist KI mal zu was gut. Und endlich verstehe ich halbwegs, was ein Vogelfänger sein kann.

    https://taz.de/Antifaschistische-Voegel/!6106190/

    Es spricht Bände, wenn ich Fragmente meiner Hoffnung auf Vogelstimmen setze. Ich sehne mich nach einer klaren Stimme, die Deutschland rettet. Wenn Robert Habeck als Politiker sprach, konnte man die ausführlichen Gedanken spüren, die in seinen Sätzen gipfelte. Das hat viele Menschen überfordert. Wundert mich nicht, denn die Schönheit der Langsamkeit leuchtet zwar warm, aber das grelle Licht der Geschwindigkeit blendet unsere Vernunft. Kurze, scharfkantige Sätze erdolchen jeden Habeck-Gedanken, bei denen es ja immer um eine erträgliche Zukunft ging. Die Rettung der Natur – und damit auch des Menschen – ist gar nicht so kompliziert, aber sie braucht Geduld. Und Zeit, die wir uns leider nicht nehmen.

    Aber der Mensch ist vielschichtig, Wir sind alle keine Engel (1955, Regie: Michael Curtiz), und wer sich ehrlich selbst betrachtet, blickt meistens auch in den einen oder anderen Abgrund. Diese leuchtet die Serie Little Fires Everywhere gründlich aus. Ist nicht neu (2020), aber gut gealtert. Zurzeit bei Disney+. Der Soundtrack ist exzellent.

    Da wir das nun geklärt haben, sollten wir Sünder zusammenstehen, um den Teufel zu besiegen. Wir dürfen das nicht allein den Vögeln überlassen. Mit 14 besuchte ich freiwillig den Schulchor (Frühstunde, 7 Uhr 10) und tankte dort Glück, Gemeinsinn und Zuversicht. Vielleicht könnten wir wieder abends auf unsere Balkone gehen und singen, statt zu applaudieren.

    Und damit zum Spocht. Rote Hosen und die schönsten Stutzen der Liga; als Kind fieberte ich natürlich mit dem HSV, meistens vor dem Radio. Aber irgendwann ist mir das Fansein abhanden gekommen.

    Trotzdem hat mich die ZDF-Serie ALWAYS HAMBURG gefesselt. Erfolgreicher Fußball ist offenbar mindestens zur Hälfte das Ergebnis fein tarierter Psychologie. Na ja, fein tariert passt nicht so ganz: In der Kabine wird die Psychologie grundsätzlich gebrüllt. Für mich wäre das nichts, ich hätte danach Angst, den Rasen zu betreten.

    Wenn ich mir den Abschied vom Sommer schön denken will, stelle ich mir eine Schale voller Pfifferlinge vor. Mittelheiße Pfanne,Tiroler Speck, Schalotte, Tagliatelle, umarmt von Sahne, Ei und Parmesan. Dann geht´s.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    August 29, 2025

  • Freitag, 22. August

    Was kann eine Brücke sein? Ein bröselnder Beton-Steg, aber auch ein Kunstwerk. Sogar ein Lied kann eine Brücke sein; verkopftes Design aber nicht. Und was hat Gilbert O’Sullivan mit all dem zu tun? Die verzweifelte Lage der Ästhetik.

    Der Eurovision Song Contest hat sich zum Siebzigsten ein neues Branding geleistet. Die Farbverlauf-Orgie spart Gelb- und Grüntöne aus, damit niemand einen Regenbogen assoziiert, zwei Herzen tanzen im Langnesetakt, das eine ist ein V, das andere eine Null. Drei Elemente, hingeworfen und liegen gelassen, blinder Mut zur Lücke. Eine selbstgebastelte Einladungskarte zur Abteilungs-Weihnachtsfeier, teuer verkauft von der britischen Branding-Agentur Pals.

    Ein Logo ist gelungen, wenn man es mit dem Finger in den Sand malen kann. Wenn es darüber hinaus Emotionen transportiert, die zum Angebot des Absenders passen, ist ein Logo brillant. Wie das TUI-Logo von 2001:

    TUI hat eine Brücke zwischen Produkt und Herz gebaut, der ESC nicht – aber Joy Fleming, 1975, als der Wettbewerb noch ein Grand Prix war, der sich um den Chanson drehte.

    Und eine Brücke kann ein Kunstwerk sein. 2014 kletterte das deutsche Künstlerduo Mischa Leinkauf und Mathias Wermke auf die Türme der Brooklyn Bridge, dort hissten die beiden weiße Flaggen (eigentlich weiße Stars und Stripes auf weißem Grund). Larissa Kikol schätzt die Aktion in Monopol als „subversives Statement zu Macht und Freiheit„. Die amerikanische Staatsmacht witterte (natürlich) Terrorismus.

    https://www.monopol-magazin.de/wermke-leinkauf-brooklyn-bridge-white-american-flags

    Die Kunst des Weglassens. Hier die Farbe, bei TUI das Geschwätz der Ornamente. Eine gute Idee braucht den freien Geist, Mühe und Mut. In der Werbung muss sich die Idee oft gegen die Erwartung des Kunden durchsetzen. Wie schwer, aber auch wie einfach das manchmal aussehen kann, zeigt seit Jahren die Serie Mad Men. Alle Staffeln jetzt bei Arte.

    Am Anfang, noch vor der Idee, sitze ich aber vor einem leeren Blatt, und es gibt wenige Situationen, in denen sich mein Hirn so isoliert fühlt, wie in diesen Momenten. Das Alleinsein hat wohl viele Facetten, ich mag es meistens. Einsamkeit ist was anderes. Markus Berges beschreibt mit Erdmöbel den unscharfen Grenzverlauf – zu einer Melodie von Gilbert O’Sullivan, die seit 1972 in meinem Herzen summt.

    Was mein Herz auch nie verlassen hat: Der Duft frisch gebackener Speck-Piroggen. Diese Teigtaschen gab es zu besonderen Anlässen im Haus meiner Verwandtschaft in Niedersachsen, die, nach eigenen Angaben, dem baltischen Hochadel entstammt. Morgen lerne ich das neueste Mitglied meiner Sippe kennen, meine Großnichte L. Ich bin zwar außerordentlich unadelig und L. ist noch zu klein für Deftiges, aber ich werde dann Piroggen backen, damit sie den Duft schon mal mitbekommt.

    https://taz.de/Lettische-Piroggen/!5851032/

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    August 22, 2025

  • Freitag, 15. August

    Bodenfrost: Hundert Tage März. Vakuum: Nix Inspiration weit und breit. Und: Die tollste Perücke der Musikwelt. Die Lage der Ästhetik.

    Die Sonne brütet über Deutschland, aber sie ist machtlos gegen den Bodenfrost nach hundert Tagen März. Kaltes Geld für kalten Panzerstahl, das waren die einzigen Ideen für die Zukunft dieses Landes. Was für ein Land will Deutschland sein? Die Frage sollte eine Regierung beantworten, aber sie weicht aus: ins Gewimmel der angeblichen Sachzwänge. Eine Idee ist das Ergebnis eines kreativen Prozesses und dieser kostet Mühe. Und er braucht totale Freiheit. Der Regisseur und Ex-Werber Hermann Vaske befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Kreativität. Sein erstes Werk hieß Why are we creative? und wurde 2018 vollendet. Begonnen hatte er 1998.

    Nun hat Vaske ein neues Werk vorgelegt: Why are we not creative?.

    Die Sachzwangverwalter unserer Regierung sollten die Sommerpause nutzen, beide Filme zu sehen. Jeder Mensch sehnt sich nach Inspiration; sonst resigniert er, wendet sich ab. Stärkste deutsche Partei laut Umfrage, Stand heute: AfD. Inspirieren die Rechtsextremisten? Nein, sie knüppeln mit Lügen vom Grabbeltisch. Und was kann die Kunst? Sie lebt von Empathie und sie inspiriert. Sie dringt direkt ins Herz der Menschen. Kapieren die Berater der demokratischen Parteien irgendwie nicht. Noch einmal Hermann Vaske mit einem wundervollen Image-Spot für das MDR Symphonie Orchester aus dem Jahr 1993:

    Werbeagenturen sind natürlich in erster Linie Erfüllungsgehilfen des Kapitalismus. Aber manchmal fruchtet das Knowhow der Kreativen im Gemeinsinn. Zwei oder mehr Gesichter, wer kennt das nicht von sich selbst? Ich liebe die Umsturztexte von K.I.Z. Aber ich liebe auch Schlagerschnulzen. Und ich verehre Dolly Parton. Eine Doku läuft jetzt bei Arte. Hier ist eine breathtaking Version von Islands In The Stream, gesungen von zwei tollen Frauen. Und irgendwie vermisse ich Kenny Rogers gar nicht (sorry, Mr. Rogers).

    Trotz Bodenfrosts: Gestern gab es einen erfrischenden Caesar Salad mit Aprikosen.

    https://sz-magazin.sueddeutsche.de/das-kochquartett/salat-pfirsich-manchego-buchweizen-95276

    Manchego mag ich nicht. Statt dessen hobelte ich geräucherten Scamorza.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    August 15, 2025

  • Freitag, 8. August

    Streaming-Tipp: Wer hören kann, muss fühlen. Bürgergeld: Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt. Und: Lieber Vesuv, bitte nicht in diesem Sommer! Die Lage der Ästhetik.

    Widerstand und Sieg, das klingt wie Eis mit heißen Himbeeren, kriegt man beides selten. Widerstand ist oft ein Minderheitending, und meistens verlieren die Minderheiten. Der Apple TV+ Dokumentarfilm Deaf President now! ist Eis mit ganz viel Himbeersoße.

    Dem Film gelingt, was die öffentliche Diskussion meist verbockt: echte Empathie zu erzeugen, in diesem Fall für Gehörlose und deren Blick auf die Welt der Hörenden. Aber während ich den Protagonisten zuhörte (deren Off-Stimmen), dachte ich auch an andere Gruppen, deren Leben ein ständiger Kampf ist. Wie fühlen sich wohl Einwanderer und deren Nachkommen, die seit Ewigkeiten in Deutschland leben, aber auf ewig als Ausländer wahrgenommen werden? Oder Bürgergeldempfänger, die als Universalschuldige gebrandmarkt werden (seit Habeck sich zurückgezogen hat)? Im Film verzichten die Gehörlosen auf Vorwürfe gegen die Mehrheitsgesellschaft. Das erleichtert den Zugang zu ihrer Perspektive. Eine andere Minderheit hingegen gängelt die Mehrheit seit Jahrzehnten. Saugt sie aus und verachtet sie. Ich glaube, Milliardäre fühlen sich nicht ausreichend geliebt.

    Diese ganzen Milliarden machen einen ja auch ganz meschugge. Dass sich Ronald McSöder an so viel fleischlosen Moneten verschluckt, ist verständlich. Aber das ZDF? Zum Glück hat der eloquente Herr Küppersbusch nachgerechnet.

    Es ist Sommer, die Nachrichten zum Weglaufen, warum nicht nach Kampanien fliehen? Am Fuße des Vesuv wächst spektakuläres Gemüse, und die neapolitanische Pizza ist sowieso einmalig. Es ist eine Genussgegend. Ganz Italien ist eine Genussgegend, könnte man zu recht einwenden. Aber der Vulkan, der Zugang zum Reich der Toten, ist eine tickende Zeitbombe. Ein Obstbauer erklärt die kompromisslose Küche in Kampanien so: „Jeder Tag könnte der letzte sein.“ Und niemand möchte einen Big Mac als Henkersmahlzeit, jedenfalls keiner außerhalb der Bayerischen Staatskanzlei.

    Wer in der Gegend ist, dem empfehle ich einen Tagesausflug zur Insel Procida, wo einige Szenen von Der talentierte Mr. Ripley gedreht wurden. Wer sich ordentlich kleidet und in einem der Restaurants an der Marina Corricella sitzt, fühlt sich automatisch wie ein Dandy aus vergangenen Zeiten.

    Ich wünsche alles ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    August 8, 2025

  • Freitag, 1. August

    Endlich weg mit Mensch: Im Springer-Fernsehen moderiert jetzt ein Avatar (endlich?). Die Lage der Ästhetik: Anarcho-Pinguine an Deutschlands Schulen. Mon dieu, da kommt einem doch die Tomatensuppe hoch!

    Die Stimmung war großartig damals, im Frühjahr 1981, wir bastelten am Layout unserer Abizeitung. Ich zeichnete für den Titel unser Schulgebäude, davor einige lustige Pinguine (das ist eine andere Geschichte). Schulfreund Jens schlug vor, dem Gebäude eine Anarchie-Flagge zu verpassen, dieses A im Kreis. Ich war bürgerlich geprägt, lehnte ab, Jens war klug: „Wie kann man gegen Anarchie sein?“ Mir galt das Wort Anarchie als Synonym für Chaos und Gewalt, denn so wurde es in der Öffentlichkeit benutzt – nicht zufällig. Wer sich der Worte bemächtigt und ihre Bedeutungen verbiegt, manipuliert die Menschen. Das ist und war das Geschäftsmodell des Axel-Springer-Verlags. In Wahrheit sind Anarchismus, Kommunismus und Sozialismus Ideen, die aus der Liebe zu den Menschen geboren wurden. Und Kapitalismus ist das konkrete Gegenteil des Humanismus.

    Wer Ein Mann der Tat bei Netflix gesehen hat, wird das unterschreiben.

    Der Soundtrack des Films hat mich begeistert. Er beamte mich zurück ins Jahr 1999, als ich manchmal im Restaurant Reste Fidèl in Berlins Bleibtreustraße (Zwinkersmiley) gegessen, manchmal nur getrunken habe. Dort liefen französische Schlagerklassiker in Endlosschleife. Beispielhaft:

    Meine Suche nach der Schönheit geschieht stets in Sichtweite des Bösen, des Absurden, der Lächerlichkeit und der Lügen. Eigentlich geht es fast immer um Geld, und Geld besitzt keine Schönheit. Die Liebe schon. Paul Simon hat mit Graceland sogar die verflossene Liebe besungen – allerdings ganz schön groovy. Das wurde mir erst bewusst, als ich die Version von Lauren O’Connell hörte. Sie stürzt sich gesanglich in eine krasse Melancholie und feiert instrumental ganz allmählich ihre Befreiung. Manchmal ist man eben traurig-glücklich, oder?

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    P.S. Esst mal wieder eine Tomatensuppe!

    https://www.effilee.de/rezept/stevan-pauls-deutschstunde-tomatensuppe-a-564065d4-0005-0011-0000-000000003229

    August 1, 2025

  • Freitag, 25. Juli

    Der Kobold verrottet, schon gewusst? Haha: Was ist Satire? Äther: Alles klar? Die Lage der Ästhetik: Zwischen Witz und Wirklichkeit klebt zum Glück ein Kaugummi.

    Ich musste laut lachen während der jüngsten Folge Reschke Fernsehen. Der Gag: Der Sidekick der Moderatorin, eine aus Populismus genähte Muppetpuppe, belehrt sie, das öffentlich-rechtliche Fernsehen müsse alle Meinungen abbilden, auch wenn sie manchmal ein bisschen rechtsextrem sind, das sei doch klar. „Ja. Klar.“, antwortet Reschke und blickt süffisant in die Kamera. Es war eine charmante Spitze einer NDR-Redaktion gegen eine andere NDR-Redaktion – die, welche das Magazin Klar zusammen mit dem Bayrischen Rundfunk produziert. Klar ist sozusagen ein Geschenk an jene Zuschauer, die den ÖRR als links-grün-versifft schmähen. Man könnte auch sagen, Klar ist eine Opfergabe an die AfD. Mein Lachen war erleichtertes Lachen. Die innere journalistische Freiheit im NDR lebt.

    Noch eine gute Nachricht: El Hotzo ist keineswegs der unschuldige Typ, aber kriminell ist er nicht, befand eine Richterin. Sein Gag über einen Ohrläppchen-Streifschuss sei ganz klar Satire. Satire, Justiz, Rundfunk, in Deutschland scheint vieles noch zu funktionieren.

    Im Land of the Free dagegen bröseln die Säulen der Freiheit. Die Satirikerin A.L. Kennedy rechnet in der Süddeutschen mit dem „zunehmend verschmierten, verrottenden Kobold“ ab, „der auf einer Pyramide aus Hass hockt und seine Halluzinationen live streamt„. Sie meinte natürlich den sogenannten US-Präsidenten.

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/stephen-colbert-comedy-journalismus-usa-donald-trump-a-l-kennedy-late-show-li.3287129

    Kennedy schreibt über Stephen Colbert und die ökonomischen und politischen Hintergründe seines Rauswurfs bei CBS. Der Schlüssel zum Verständnis: In den USA dient Satire längst der seriösen Information und das macht sie unterm Regime des Kobolds natürlich gefährlich. Offiziell darf Colbert noch zehn Monate lang senden. Ich hoffe, Amerika hört ihm gut zu. Und ich hoffe, dass er die Monate überlebt.

    Ich bleibe bei der Satire und kehre thematisch zurück ins wahre Land of the Free, denn das ist Deutschland. Till Reiners hat während Böhmermanns Sommerpause in vier Folgen von Till Tonight bewiesen, dass er eine Daily Show verdient. Reiners beherrscht die vier Ws der Satire: wichtig, wahr, witzig, wütend. Und er präsentiert sein Stand-up charmant. Ich bin gespannt, welcher Sender das begriffen hat. Vielleicht der furchtlose NDR?

    Till oder Böhmermann? Ich bin Stuck In The Middle With You.

    Gestern gab es knusprigen Wammerl mit dunkler, süßer Zwiebel-Kümmel-Soße. Vorweg: L’oeuf Mayonnaise. Mein „Schwiegersohn“ Andrew aus dem gebeutelten Los Angeles ist zu Besuch und er sollte mal was Ordentliches zu Essen bekommen.

    https://aufgetischtundangehoert.cadabra.blog/oeuf-mayonnaise/

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Juli 25, 2025

  • Freitag, 18. Juli

    Wie steht Friedrich Merz zur Coca-Cola-Rezeptur? Worüber lacht Jens Spahn? Ich weiß es nicht. Und möchte ich Verfassungsrichter werden? Ja, aber ich will nicht zu Lanz. Die Lage der Ästhetik: Mut und Risiko.

    Im wirklichen Leben scheue ich das Risiko. Jedenfalls jetzt, nach einigen Jahrzehnten der Reifung, davor war das anders, ich mag gar nicht daran denken. Jedenfalls fahre ich nun langsam und umsichtig Auto, habe stets eine Hand am Treppengeländer, und auf keinen Fall würde ich noch einmal Ski fahren. Im Beruf verhalte ich mich ganz anders. Da reiche ich manchmal Konzepte ein, von denen ich weiß, dass sie im Pitch chancenlos sind. Ich würde mich sonst langweilen. Und vielleicht will ich auch protestieren: gegen die Stromlinienform, die „mein“ Sender idealisiert. Denn die führt zur Mittelmäßigkeit.

    Ich komme auf dieses Thema, weil die Journalistin Carolin Matzko in der Süddeutschen von alten Zeiten im Radio geschwärmt hat, in denen sich Moderatoren noch frei und – aus moderner Sicht – unmöglich verhalten konnten. Sie preist die Epoche, in der „Persönlichkeiten, die niemals durch ein Casting nach heutigen Parametern kommen würden, sondern damals aufgrund ihrer Expertise und ihres speziellen Sounds quereinsteigen und vor dem Mikro landen konnten.“ Ganz recht! Würde der junge Carlo von Tiedemann heute noch einen Fuß in die Tür des NDR bekommen? Und das betrifft nur die Unterhaltung.

    https://www.sueddeutsche.de/medien/bayern2-live-radio-carolin-matzko-jamila-schaefer-li.3284283

    Würde man heute furchtlosen Provokateuren wie Hermann Schreiber, Reinhard Münchenhagen, Alida Gundlach oder Michael Jürgs noch die Moderation der NDR Talk Show antragen? Nein, denn die Show ist heute eine heitere PR-Veranstaltung. Ist aber nicht alles schlecht. Wo Reschke oder Panorama drauf steht, ist auch tapferer Journalismus drin.

    Mein Sohn hat mich gerade auf ein Format hingewiesen, das in seiner Generation (geb. 2001) wahrscheinlich eine größere Rolle als der öffentlich-rechtliche Rundfunk spielt:

    Die Simplicissimus-Truppe kann jetzt ungestört zum Reichtum der Kirchen recherchieren. Bis Mai 2022 produzierte die Redaktion für FUNK, lieferte also dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu. Dort regieren die Kirchen kräftig mit: in Gremien, eigenen Redaktionen und Tochterunternehmen.

    Darauf ein herzerwärmendes Kartoffelpüree:

    Ich setze auf wenig Butter, viel Milch und reichlich Frühlingszwiebeln.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Juli 18, 2025

Vorherige Seite Nächste Seite

Thomas Vöcks – frei, kreativ, radikal.

Kommentare werden geladen …