Was kann eine Brücke sein? Ein bröselnder Beton-Steg, aber auch ein Kunstwerk. Sogar ein Lied kann eine Brücke sein; verkopftes Design aber nicht. Und was hat Gilbert O’Sullivan mit all dem zu tun? Die verzweifelte Lage der Ästhetik.
Der Eurovision Song Contest hat sich zum Siebzigsten ein neues Branding geleistet. Die Farbverlauf-Orgie spart Gelb- und Grüntöne aus, damit niemand einen Regenbogen assoziiert, zwei Herzen tanzen im Langnesetakt, das eine ist ein V, das andere eine Null. Drei Elemente, hingeworfen und liegen gelassen, blinder Mut zur Lücke. Eine selbstgebastelte Einladungskarte zur Abteilungs-Weihnachtsfeier, teuer verkauft von der britischen Branding-Agentur Pals.

Ein Logo ist gelungen, wenn man es mit dem Finger in den Sand malen kann. Wenn es darüber hinaus Emotionen transportiert, die zum Angebot des Absenders passen, ist ein Logo brillant. Wie das TUI-Logo von 2001:

TUI hat eine Brücke zwischen Produkt und Herz gebaut, der ESC nicht – aber Joy Fleming, 1975, als der Wettbewerb noch ein Grand Prix war, der sich um den Chanson drehte.
Und eine Brücke kann ein Kunstwerk sein. 2014 kletterte das deutsche Künstlerduo Mischa Leinkauf und Mathias Wermke auf die Türme der Brooklyn Bridge, dort hissten die beiden weiße Flaggen (eigentlich weiße Stars und Stripes auf weißem Grund). Larissa Kikol schätzt die Aktion in Monopol als „subversives Statement zu Macht und Freiheit„. Die amerikanische Staatsmacht witterte (natürlich) Terrorismus.

https://www.monopol-magazin.de/wermke-leinkauf-brooklyn-bridge-white-american-flags
Die Kunst des Weglassens. Hier die Farbe, bei TUI das Geschwätz der Ornamente. Eine gute Idee braucht den freien Geist, Mühe und Mut. In der Werbung muss sich die Idee oft gegen die Erwartung des Kunden durchsetzen. Wie schwer, aber auch wie einfach das manchmal aussehen kann, zeigt seit Jahren die Serie Mad Men. Alle Staffeln jetzt bei Arte.
Am Anfang, noch vor der Idee, sitze ich aber vor einem leeren Blatt, und es gibt wenige Situationen, in denen sich mein Hirn so isoliert fühlt, wie in diesen Momenten. Das Alleinsein hat wohl viele Facetten, ich mag es meistens. Einsamkeit ist was anderes. Markus Berges beschreibt mit Erdmöbel den unscharfen Grenzverlauf – zu einer Melodie von Gilbert O’Sullivan, die seit 1972 in meinem Herzen summt.
Was mein Herz auch nie verlassen hat: Der Duft frisch gebackener Speck-Piroggen. Diese Teigtaschen gab es zu besonderen Anlässen im Haus meiner Verwandtschaft in Niedersachsen, die, nach eigenen Angaben, dem baltischen Hochadel entstammt. Morgen lerne ich das neueste Mitglied meiner Sippe kennen, meine Großnichte L. Ich bin zwar außerordentlich unadelig und L. ist noch zu klein für Deftiges, aber ich werde dann Piroggen backen, damit sie den Duft schon mal mitbekommt.

https://taz.de/Lettische-Piroggen/!5851032/
Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.
Thomas Vöcks

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