Die Dämonen lauern im Schatten, aber das Licht der Kunst versiegt im Laub, Untaten bleiben ungesühnt, unterbelichtet. Hört die Signale der Wale! Zeit für Jazz-Punk der Harlekine. Die Lage der Ästhetik.

Mein erster Gedanke war: Ja, klar, diese Musik, dieser Auftritt, das Gesamtkunstwerk Angine de Poitrine passt ja genau in die Zeit! Alles verstörend. Vergesst die alten Schubladen, die Posen der Rocker, die Phrasen der Poeten, werft Buchstaben in die Suppe und löffelt frische Worte. In meinen Augen und Ohren kommentiert das Duo den Weltzustand, warum sonst nennen sie sich Angina Pectoris. Der Schmerz vor dem Infarkt ist ja spür- und sichtbar, auch im sonnigen Frühling, wenn uns Wale zum Sterben besuchen. Aber die Architektur des Untergangs wird anderswo gestaltet, unerreichbar für die Tentakel der Kunst. Guernica hat Gaza gezeigt, aber nicht gerettet. Hieronymus Bosch war der Hamas keine Warnung, sondern Ansporn. Und so weiter. Um den Kreis zu schließen: Mein zweiter Gedanke zu Angine de Poitrine war der gleiche wie der erste.
Die Lernkurve der Menschheit ist ja erschütternd flach. Das ist das Thema der deutschen Komödie Die Geschichte der Menschheit (hier bei Netflix). Der Film schont uns nicht; wie ein Routenplaner erklärt er die falschen Abbiegungen des Weltenlaufs, immerhin in heiterem Fatalismus. Sollten wir uns Witze über den Irrsinn erzählen? Mir verging schnell das Schenkelklopfen, denn eigentlich ist es eine traurige Geschichte.
Im Theater ging es vorgestern um das Thema Flucht und Verlust der Heimat: Alles, was wir nicht erinnern. Angesprochen wurden aber nicht Syrer oder Afghanen, sondern Deutsche. Eingangs fragte eine Schauspielerin, wer Vorfahren mit Migrationsgeschichte hat. Der gesamte Saal stand auf. Das hilft der Empathie auf die Sprünge, aber die weht ohnehin durchs Thalia an der Gaußstraße. Das Theater ist nicht Deutschland, und die Kunst… siehe oben.
Bescheidenheit ist eine Zier, daran glaube ich auch in der Küche. Vor Jahren sah ich eine Folge Zu Tisch in… bei Arte, die leider nicht mehr auffindbar ist. Ich glaube, sie spielte in der Bretagne. Eine Frau servierte ihrem Mann, einem Fischer, zum Mittag verquirltes Ei mit Pellkartoffeln. Ein Hochgenuss, wenn die Zutaten von Wert sind.
Ich wünsche allen eine schöne Woche.
Thomas Vöcks

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