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Das linksradikale Kochbuch

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  • Über mich

  • Freitag, 10. Oktober

    Ein Herbst ohne Kürbis ist möglich; ein Leben ohne Gitarre nicht. Tristesse im Sauerland: Wer Milde Sorte raucht, trinkt auch Schnaps und Clausthaler. Echte Rebellen sind Working Class Heroes oder baden in Öl. Die Lage der Ästhetik.

    Dieses Werk sollte mich teuer zu stehen kommen. 1975 erschien das Gitarrenbuch von Peter Bursch.

    Es versprach, das jeder schnell ein paar Lieder lernen kann. Noten musste man nicht lesen können. Also hockten wir uns drüber mit unseren ersten Klampfen, Daniel, Dirk, Uli und ich, spielten Get Back, Donna Donna und We Shall Overcome. Spielerisch habe ich mich seitdem nicht nennenswert entwickelt; bis heute spiele ich die Simpel-Version von G-Dur. Inzwischen fordern mich zehn Gitarren auf, mal wieder Staub zu wischen.

    Das Gitarrenbuch ist bis heute, 50 Jahre nach der Erstausgabe, ein Bestseller. Weltweit verführte es Millionen Menschen, Saiten zu zupfen, schrubben, liebkosen. Deshalb gebührt Peter Bursch der Friedensnobelpreis (der heute zum Glück unbeschädigt blieb). Denn wer je eine Gitarre umarmt hat, wird nie zum Gewehr greifen. Glaube ich.

    Allerdings kann die Gitarre auch eine Waffe sein – gegen den Krieg. Richie Havens hat 1969 auf der Woodstock-Bühne gezeigt, wie das geht. Der Song Freedom war improvisiert, weil er sein Repertoire nach 45 Minuten leergespielt hatte.

    Sechs Saiten und ein Text, der Wahrheit erzählt. So können Herzen gewonnen werden. Aber der Weg dorthin führt Künstler oft durchs tiefe Tal.

    Friedrich Merz hat als Jugendlicher E-Gitarre gespielt und Milde Sorte geraucht, rebellierte also vorsichtig, emissionsarm und irgendwie anders: gegen die 68er und Willy Brandt. So erzählt er es jedenfalls in einem Interview aus dem Jahr 2000. Könnte aber Spuren von Unwahrheit enthalten. Ein Vollblut-Rebell wäre diese Woche 85 geworden. In einer Welt ohne Waffen würde John Lennon vielleicht noch leben.

    Begabte Pop-Poeten gibt natürlich heute noch. Einen von ihnen, Nepumuk, hörte ich gestern zum ersten Mal. Das hatte ich dem wohl besten Musiksender im Radio zu verdanken: Byte.FM. Das idealistische Personal dieses werbefreien Kanals besteht offenbar aus Trüffelschweinen für Qualitätspop der Gegenwart. Aber auf der Homepage halten sie auch eine Hommage zum 85. Geburtstag von John Lennon bereit. Und der Autor heißt, wirklich, Volker Rebell.

    Der Herbst hat gute Seiten, grün-gelb-rot-bunte Blätter. Kürbisse sind aber ein Irrtum der Natur, jedenfalls kulinarisch. Mögen sich andere ihre geschmacksblassen Süppchen kochen; ich brate heute Reis.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Oktober 10, 2025

  • Freitag, 3. Oktober

    Drohnen werfen ihre Schatten voraus, alle gehen sich an die Gurgel, Herbst der Entgleisungen. Ein Plädoyer für Papier und Federhalter, Slow Motion und very Slow Food. Die Lage der Ästhetik am Freitag, der eine blasse Hoffnung feiert.

    Die sogenannte Wirklichkeit formt uns zu Suchenden: nach Haltegriffen an den Zellophanwänden der Gegenwart, nach Weissagung, guten Gesprächen und Lasagne. Alles geschieht zu schnell. Oder zu langsam? Nicht mal das ist leicht zu klären. Stimmt nicht ganz. In puncto Lasagne hat Alvin Zhou natürlich eine Antwort:

    Auf den elektrischen Korridoren ist Geschwindigkeit ein Gift, das mit Hingabe hingenommen wird. Mit Affenzahn fliegen die Streubomben der Meinungen am Dialog vorbei. Oder, wie Felix Dachsel in seiner Rezension des Buchs Was darf Israel? formuliert: Auf den Halden des Internets kommt es täglich hunderttausendfach zur „Spontanentleerung des Gefühlshaushalts“. Die Autoren, Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad, haben sich hingegen viel Zeit genommen und einander Briefe geschrieben.

    Womöglich waren die Briefe der beiden auch noch handgeschrieben mit einem Füllfederhalter. Kein anderes Schreibgerät schafft ein vergleichbar schönes Schriftbild – wenn der Verfasser den Umgang mit Feder und Tinte gelernt hat. An manchen Schulen wird diese Kunst noch gepflegt. Sie fördert die Feinmotorik, zwingt zur gemächlichen Niederschrift und schafft auf diese Weise Raum für Konzentration; könnte also besonnene Dialoge fördern.

    Das Foto oben erinnert mich an meine Schulzeit, vor allem die Schönschreib-Linien am rechten Tafelflügel. Und der Look der Lehrerin passt perfekt in die Sixties. Viele junge Frauen wollten damals aussehen wie Uschi Nerke, die Moderatorin des Beat-Club. Vor 60 Jahren startete dieses seinerzeit revolutionäre Format bei Radio Bremen.

    The Beat Goes On – ab 4. Oktober in der ARD Mediathek.

    Man traute sich was an der Weser. Von Mut, Dummdreistigkeit und gelungener Kommunikation handelt die Doku Der talentierte Mr. F, ebenfalls in der ARD Mediathek. Es ist die verrückte Geschichte eines Kunstraubs. Ein schräger Amerikaner klaut einen Film, gewinnt damit Preise – und bekommt dann Besuch von den deutschen Urhebern, den Filmemachern Julius Trost und Moritz Henneberg. Der perfekte Film zur Lasagne.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Oktober 3, 2025

  • Freitag, 26. September

    Kalenderspruch der Woche: Wer Menschen beugt, will sie nicht biegen, sondern brechen. Binse der Woche: Wer nicht hören will, beißt auf Steinpilz. Die Lage der Ästhetik: Schwerpunkt gegen Leichtpunkt.

    Schlägt etwa die Stunde der Unbeugsamen? Vielleicht, weil Jimmy Kimmel nach der Kurzzeit-Zensur wieder senden darf? Das wäre wohl zu früh gelacht. Der wirre „Mann“ im Weißen Haus verliert nicht gern. Und er ist zurzeit der wohl einzige freie Mensch in den USA. Frei von Ehre und Anstand, von Moral, Mitgefühl, Bildung, Intelligenz. Vor allem frei von Angst, denn alle Angst geht von ihm selbst aus. Aber sie erreicht nicht jeden:

    Das ist doch mal lustig! Findet Stephen Colbert auch:

    Auch der Kessel Buntes, den das Großmaul über die UNO-Vollversammlung erbrach, war voller Gags. Und keiner hat gelacht. Dabei ist Lachen die schärfste Waffe gegen Hass. Hass ist die Lebensader dieses „Mannes“. Und Rache sein Hobby.

    Europa wirkt zurzeit eher beugsam. Kniefall gen Westen, Zittern gen Osten, in der Mitte ein verschreckter Hühnerhaufen, der sich im Treppenhaus der Evolution ein paar Stockwerke runterschubsen lässt. Die Uniform ist wieder schneidig. Deutschlandticket zu teuer? Komm zum Bund, im Flecktarn fährst Du gratis.

    Unbeugsam sind jedenfalls und in jeder Hinsicht überraschend diese drei Nonnen in Österreich.

    Ihr katholischer Obermufti ließ sie vom Kloster ins Altersheim verschleppen, geben sie zu Protokoll, dort büxten sie aus und besetzen nun ihr altes Kloster. Sie hatten Gehorsam gelobt, jetzt sind sie ungehorsam, vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben. Die Nonnen waren erst Schülerinnen, dann Lehrerinnen an der Klosterschule. Eine von ihnen ging in eine Klasse mit Romy Schneider. Ihr hätte diese Geschichte bestimmt gefallen.

    …und diese auch: Die Arte-Serie Faithless legt ein Drehbuch von Ingmar Bergmann neu auf. Ein Liebesstrudel, in dem sich drei Menschen erst langsam, dann immer schneller umeinander drehen.

    Während der Bahnfahrt von München zurück nach Altona werde ich die Serie Black Rabbit sehen. Den Soundtrack habe ich schon gehört. Großartig: The Walkmen mit We´ve Been Had.

    Auf dem Wochenmarkt von Tutzing haben wir wunderbare Steinpilze gefunden. Einige wurden als Bruschetta zur Vorspeise fürs Händl. Die anderen bekamen die Hauptrolle: in Butter gebräunt, Pfeffer, Salz, Schluck Sahne, Tagliatelle.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    September 26, 2025

  • Freitag, 19. September

    Diese lähmende Mirdochegalstimmung manchmal. Bleibt nur Träumen: von Eulen, einem gelben Doppeldecker und ozeanblauen Augen. Mein Segelflug durch die Lage der Ästhetik – diesmal aus dem Friseursalon.

    Durch Zufall stolperte ich über einen kurzen Film der BBC über den Flug der Eulen.

    Ich habe den Clip morgens gesehen, nach dem Genuss der Schlagzeilen, der wieder keiner war. Dann ging ich zum Friseur, dort ist die Welt ja immer in Ordnung. Mein Haar wird, anders als ich, immer dünner, aber die Sizilianerin an der Schere ist eine Meisterin der Vertuschung. Während Daniela also Fülle simuliert, wo keine ist, denke ich an den lautlosen Flug der Eule. Denke an Ikarus, dessen Plan nicht dümmer war, als unser Wachstums-Kult. Denke an Drohnen, die ohne Widerspruch fliegen, stürzen und töten. Was ist bloß aus dem schönen Traum vom Fliegen geworden? Und dann, unvermeidlich, komme zur wahrscheinlich schönsten Flugszene der Filmgeschichte.

    Der mit den Augen spielte, mit Halbsekundenblicken, ozeanblau.

    Seit vielen Jahren suche ich nach einem Cordanzug wie ihn Redford als Bob Woodward trug; für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar.

    Robert Redford hat mich in vielen Rollen inspiriert; als Reporter in Die Unbestechlichen schubste er mich in den Journalismus. Bei der Segeberger Zeitung spürte ich Ende der 80er, wie wichtig dieser Job sein kann, es müssen ja nicht immer Präsidenten gestürzt werden. Der Lokaljournalismus ist eine der Herzkammern der Demokratie. Leider merkt man das erst, wenn die Kammer flimmert. Die Serie The Paper bei WOW handelt vom Sterben der kleinen Zeitungen von um die Ecke. Sehr amüsant, aber angesichts der gegenwärtigen Probleme der freien Presse in den USA etwas oberflächlich.

    Während ihrer letzten Handgriffe erzählte mir die Friseurin noch eine Mafiageschichte aus der Heimat ihrer Familie. Wenn das Wort Sizilien in den kulinarischen Teil meines Hirns dringt, denke ich unwillkürlich an ein sehr einfaches Nudelgericht, das Jamie Oliver vor Ort kennenlernte.

    Ich bin heute auf dem Weg nach Bayern, wo der Fleischer Metzger heißt, der Wurstkönig Hoeneß und sein Vorkoster Söder. Meine Frisur ist adrett, ich verhalte mich unauffällig und genieße all die köstlichen, ungesunden Lebensmittel. Hoffentlich hält der Viktualienmarkt noch ein paar Pilze bereit. Und hoffentlich erlange ich irgendwann mal die Weisheit der Eule.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    September 19, 2025

  • Freitag, 12. September

    Was haben wir? Eine katholische Männerfreundschaft, Coffee to go aus der Pappe, Berlin wird autofrei und – heil´ges Blechle! – Chinesen kaufen keine Porsches. Dresscode zur IAA: tiefschwarz. Die Lage der Ästhetik.

    Spätsommer regnet auf Kopfsteinpflaster, verströmt Melancholie, duftet nach Kindheit und verheiltem Sonnenbrand. Das Jahr beginnt im Herbst, denke ich. Die Straße trägt feste Schuhe und Übergangsjacken, man wappnet sich gegen den Schatten, wer weiß denn schon, was als nächstes passiert. Ein guter Moment, in alte Zeiten zu tauchen; in die gute alte Zeit des Kalten Krieges. Schöner ausgedrückt: als kurz nach dem Krieg eine deutsch-französische Romanze begann. An einem Tag im September beleuchtet das erste persönliche Treffen zwischen Konrad Adenauer und Charles De Gaulle und ist bei Arte und ZDF abrufbar. Ausgerechnet ein Film über zwei erzkonservative Katholiken hat mir den Herbstanfang verschönert. Kultivierte Gespräche statt Deals und Erpressung in internationaler Politik – es war ne andere Zeit.

    https://www.zdf.de/play/filme/an-einem-tag-im-september-movie-100/an-einem-tag-im-september-102

    Heute dominiert die breitbeinige Pose, das „fetischhafte Wurstgefresse“ (Habeck über Söder) die Szene. Oder Albernheiten, welche die Weltlage banalisieren:

    Ich finde sowas mindestens verstörend. Echten New Yorkern geht es bestimmt ähnlich, sie müssen damit rechnen, dass ihre Stadt bald von der Nationalgarde eingenommen wird. Und während Frau Baerbock in High Heels den zahnlosen Tiger reitet, schlüpfen deutsche Parlamentarier in Kommissstiefel und preisen die Wehrpflicht. Ein Hamburger Künstler findet darauf die richtige Antwort:

    Es lohnt sich, den Menschen Disarstar zu betrachten. Seine Biografie zeigt, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Veränderung ist fast immer gut.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Disarstar

    Dieser Geist weht nur schwach durch die Auto-Orgie in München. Die Verbrenner-Lobby gibt auf der IAA Vollgas, ihre Lakaien södern unisono Brummbrumm. Ich weiß nicht, ob elektrische Autos die Antwort auf alle Fragen und die Lösung aller Probleme sind. Wahrscheinlich muss Mobilität grundsätzlich neu gedacht werden. Da sind Künstler gefragt, weil sie über Vorstellungskraft verfügen. Jan Kerhart hat sich ein Konzept für Berlin ausgedacht. Ja, Berlin. Wer sowas macht, ist verrückt oder genial, auf jeden Fall mutig, also ein Künstler.

    https://www.berlin-2037.com

    Ich muss gestehen, dass ich Dank der Gnade meiner frühen Geburt dennoch von Autos fasziniert bin. Wenn der Boxer eines Käfer erwacht, ist das Musik für mich. Und aus irgendeinem Grund mag ich Rennfahrerfilme.

    Am Mittwoch habe ich Shakshuka gekocht, eigentlich eine Frühstücksmahlzeit, aber sie schmeckt auch abends. Die beste Version gibt es angeblich bei Dr. Shakshuka in Tel Aviv. Es ist ein äußerst diplomatisches Gericht, denn vermutlich kann sich der gesamte Nahe Osten auf diese Speise einigen. Einem Menschen ist dies bisher nicht gelungen.

    Zum Rezept: https://www.foodundco.de/shakshuka/

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    September 12, 2025

  • Freitag, 5. September

    Wird frisch im September, Kanzler legt einen Scheit Bürgergeld ins Feuer. Verlierer wärmen sich an Verlierern. Und ausgerechnet Mohamed tröstet uns mit Nutella-Locken. Die verwirrende Lage der Ästhetik.

    Ich schreibe nicht über Politik, weil das zweitens schon ganz viele versuchen; und erstens, weil es mir um Schönheit geht. Aber die Ästhetik ist kein isoliertes Phänomen, sie existiert immer in der Spannung zwischen Ideal und Gegenwart. Wenn die Verhältnisse meine Träume im Klammergriff würgen, kann da trotzdem Schönheit sein. Gerade dieses Leiden kann die Vorstellungskraft, um die es ja in der Kunst geht, beflügeln. Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat diese Dynamik in einen wunderschönen Film übersetzt. Darin erkennen sich lauter Menschen gegenseitig, die eines gemeinsam haben: Sie scheitern an den Regeln der Gesellschaft, die wie ein Sieb funktionieren. Wer durchflutscht, verschwindet im Ausguss. The Kindness of Strangers – Kleine Wunder unter Fremden läuft jetzt in der ARD Mediathek. Danke, Constantin von Westphalen, für den Tipp!

    In den meisten Filmen gewinnen die Guten. Aber wann ist ein Sieg ein Sieg? Nicht immer reitet der Held unversehrt in den Sonnenuntergang. Sondern…

    Es ist schwer mit Worten zu beschreiben, was ich meine. Manchmal ist ein Klavier haushoch überlegen. Die Sonate vom guten Menschen von Gabriel Yared und Stéphane Moucha, die im Spielfilm Das Leben der Anderen eine (musikalisch) erklärende Rolle spielt – sie funktioniert eigentlich auch für The Kindness of Strangers.

    Da funkelt das Glück nur minimal durchs Sentimentale. Für den Wiederaufbau der Zuversicht empfehle ich Dona Nobis Pacem 2, eine Filmmusik von Max Richter für die Serie The Leftovers. Gib uns allen Frieden. Das Cello klagt, die Violine fordert, das Klavier vermittelt.

    Es wäre ja interessant, was Bob Dylan gerade denkt. Oder auch nicht. Als ich ihn in einem Konzert in Hamburg vor ein paar Jahren erlebte, war er an der Anwesenheit seines Publikums nicht spürbar interessiert. Und zu seiner Nobel-Krönung erschien er gar nicht erst. Aber Patti Smith vertrat ihn würdevoll. Und sehr aufgeregt. Auch die coolste Künstlerin erstarrt mal vor absurder Kulisse.

    Wahrscheinlich ist das Leben kompliziert für einen Trotzkopf, der für Gerechtigkeit singt und dafür mit Weltruhm bestraft wird. Die Biografie Like A Complete Unknown erklärt das ein bisschen. Zweieinhalb schöne Stunden lang bei Disney+.

    Als junger Mensch hätte ich häufiger ein Trotzkopf sein sollen, war ich aber nicht, ich war eher ein freundlicher Sohn, der seinen Eltern oft seltsam erschien – und manchem Lehrer ein bisschen doof. Den Lehrern vergebe ich, meine Eltern hatten recht. Ich liebe zum Beispiel die Kolumne Mohameds Küche im Monopol-Magazin. Mohamed Amjahid drappiert Menüs auf der Tafel unserer schimmligen Gesellschaft. Ist das seltsam? Finde ich nicht. Zucker und Zorn – klingt doch wie ein urdeutsches Erziehungsmodell.

    https://www.monopol-magazin.de/mit-snacks-gegen-schikane

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    September 5, 2025

  • Freitag, 29. August

    Gruß aus der Baumkrone: Bella Ciao. Und ciao, Habeck, Du Meister vernuschelter Vernunft! Unterm Strich: Die Welt ist einen Pfifferling wert. Die Lage der Ästhetik im Fegefeuer, welches niemanden verschont.

    Noch vor meiner Einschulung hörte ich gern den Schulfunk des NDR im Röhrenradio meiner Oma. Ich liebte die Erkennungsmelodie, den Vogelfänger; dass sie aus Mozarts Feder stammte, wusste ich damals natürlich nicht. Aber ich rätselte, was wohl ein Vogelfänger sein könnte.

    Daran musste ich denken, als ich gestern im Deutschlandfunk Kultur von einem Kunstprojekt in Karlsruhe erfuhr. Dennis Siering hat mittels „künstlicher Intelligenz“ antifaschistische Protestsongs in Vogelgezwitscher übersetzen lassen. Damit beschallt er den Karlsruher Schlossgarten, mutmaßlich in Hörweite des Bundesverfassungsgerichts. Wenn Amsel, Drossel, Fink und Star gut zuhören, vögelt der Antifaschismus bald in allen Wipfeln. Endlich ist KI mal zu was gut. Und endlich verstehe ich halbwegs, was ein Vogelfänger sein kann.

    https://taz.de/Antifaschistische-Voegel/!6106190/

    Es spricht Bände, wenn ich Fragmente meiner Hoffnung auf Vogelstimmen setze. Ich sehne mich nach einer klaren Stimme, die Deutschland rettet. Wenn Robert Habeck als Politiker sprach, konnte man die ausführlichen Gedanken spüren, die in seinen Sätzen gipfelte. Das hat viele Menschen überfordert. Wundert mich nicht, denn die Schönheit der Langsamkeit leuchtet zwar warm, aber das grelle Licht der Geschwindigkeit blendet unsere Vernunft. Kurze, scharfkantige Sätze erdolchen jeden Habeck-Gedanken, bei denen es ja immer um eine erträgliche Zukunft ging. Die Rettung der Natur – und damit auch des Menschen – ist gar nicht so kompliziert, aber sie braucht Geduld. Und Zeit, die wir uns leider nicht nehmen.

    Aber der Mensch ist vielschichtig, Wir sind alle keine Engel (1955, Regie: Michael Curtiz), und wer sich ehrlich selbst betrachtet, blickt meistens auch in den einen oder anderen Abgrund. Diese leuchtet die Serie Little Fires Everywhere gründlich aus. Ist nicht neu (2020), aber gut gealtert. Zurzeit bei Disney+. Der Soundtrack ist exzellent.

    Da wir das nun geklärt haben, sollten wir Sünder zusammenstehen, um den Teufel zu besiegen. Wir dürfen das nicht allein den Vögeln überlassen. Mit 14 besuchte ich freiwillig den Schulchor (Frühstunde, 7 Uhr 10) und tankte dort Glück, Gemeinsinn und Zuversicht. Vielleicht könnten wir wieder abends auf unsere Balkone gehen und singen, statt zu applaudieren.

    Und damit zum Spocht. Rote Hosen und die schönsten Stutzen der Liga; als Kind fieberte ich natürlich mit dem HSV, meistens vor dem Radio. Aber irgendwann ist mir das Fansein abhanden gekommen.

    Trotzdem hat mich die ZDF-Serie ALWAYS HAMBURG gefesselt. Erfolgreicher Fußball ist offenbar mindestens zur Hälfte das Ergebnis fein tarierter Psychologie. Na ja, fein tariert passt nicht so ganz: In der Kabine wird die Psychologie grundsätzlich gebrüllt. Für mich wäre das nichts, ich hätte danach Angst, den Rasen zu betreten.

    Wenn ich mir den Abschied vom Sommer schön denken will, stelle ich mir eine Schale voller Pfifferlinge vor. Mittelheiße Pfanne,Tiroler Speck, Schalotte, Tagliatelle, umarmt von Sahne, Ei und Parmesan. Dann geht´s.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    August 29, 2025

  • Freitag, 22. August

    Was kann eine Brücke sein? Ein bröselnder Beton-Steg, aber auch ein Kunstwerk. Sogar ein Lied kann eine Brücke sein; verkopftes Design aber nicht. Und was hat Gilbert O’Sullivan mit all dem zu tun? Die verzweifelte Lage der Ästhetik.

    Der Eurovision Song Contest hat sich zum Siebzigsten ein neues Branding geleistet. Die Farbverlauf-Orgie spart Gelb- und Grüntöne aus, damit niemand einen Regenbogen assoziiert, zwei Herzen tanzen im Langnesetakt, das eine ist ein V, das andere eine Null. Drei Elemente, hingeworfen und liegen gelassen, blinder Mut zur Lücke. Eine selbstgebastelte Einladungskarte zur Abteilungs-Weihnachtsfeier, teuer verkauft von der britischen Branding-Agentur Pals.

    Ein Logo ist gelungen, wenn man es mit dem Finger in den Sand malen kann. Wenn es darüber hinaus Emotionen transportiert, die zum Angebot des Absenders passen, ist ein Logo brillant. Wie das TUI-Logo von 2001:

    TUI hat eine Brücke zwischen Produkt und Herz gebaut, der ESC nicht – aber Joy Fleming, 1975, als der Wettbewerb noch ein Grand Prix war, der sich um den Chanson drehte.

    Und eine Brücke kann ein Kunstwerk sein. 2014 kletterte das deutsche Künstlerduo Mischa Leinkauf und Mathias Wermke auf die Türme der Brooklyn Bridge, dort hissten die beiden weiße Flaggen (eigentlich weiße Stars und Stripes auf weißem Grund). Larissa Kikol schätzt die Aktion in Monopol als „subversives Statement zu Macht und Freiheit„. Die amerikanische Staatsmacht witterte (natürlich) Terrorismus.

    https://www.monopol-magazin.de/wermke-leinkauf-brooklyn-bridge-white-american-flags

    Die Kunst des Weglassens. Hier die Farbe, bei TUI das Geschwätz der Ornamente. Eine gute Idee braucht den freien Geist, Mühe und Mut. In der Werbung muss sich die Idee oft gegen die Erwartung des Kunden durchsetzen. Wie schwer, aber auch wie einfach das manchmal aussehen kann, zeigt seit Jahren die Serie Mad Men. Alle Staffeln jetzt bei Arte.

    Am Anfang, noch vor der Idee, sitze ich aber vor einem leeren Blatt, und es gibt wenige Situationen, in denen sich mein Hirn so isoliert fühlt, wie in diesen Momenten. Das Alleinsein hat wohl viele Facetten, ich mag es meistens. Einsamkeit ist was anderes. Markus Berges beschreibt mit Erdmöbel den unscharfen Grenzverlauf – zu einer Melodie von Gilbert O’Sullivan, die seit 1972 in meinem Herzen summt.

    Was mein Herz auch nie verlassen hat: Der Duft frisch gebackener Speck-Piroggen. Diese Teigtaschen gab es zu besonderen Anlässen im Haus meiner Verwandtschaft in Niedersachsen, die, nach eigenen Angaben, dem baltischen Hochadel entstammt. Morgen lerne ich das neueste Mitglied meiner Sippe kennen, meine Großnichte L. Ich bin zwar außerordentlich unadelig und L. ist noch zu klein für Deftiges, aber ich werde dann Piroggen backen, damit sie den Duft schon mal mitbekommt.

    https://taz.de/Lettische-Piroggen/!5851032/

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    August 22, 2025

  • Freitag, 15. August

    Bodenfrost: Hundert Tage März. Vakuum: Nix Inspiration weit und breit. Und: Die tollste Perücke der Musikwelt. Die Lage der Ästhetik.

    Die Sonne brütet über Deutschland, aber sie ist machtlos gegen den Bodenfrost nach hundert Tagen März. Kaltes Geld für kalten Panzerstahl, das waren die einzigen Ideen für die Zukunft dieses Landes. Was für ein Land will Deutschland sein? Die Frage sollte eine Regierung beantworten, aber sie weicht aus: ins Gewimmel der angeblichen Sachzwänge. Eine Idee ist das Ergebnis eines kreativen Prozesses und dieser kostet Mühe. Und er braucht totale Freiheit. Der Regisseur und Ex-Werber Hermann Vaske befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Kreativität. Sein erstes Werk hieß Why are we creative? und wurde 2018 vollendet. Begonnen hatte er 1998.

    Nun hat Vaske ein neues Werk vorgelegt: Why are we not creative?.

    Die Sachzwangverwalter unserer Regierung sollten die Sommerpause nutzen, beide Filme zu sehen. Jeder Mensch sehnt sich nach Inspiration; sonst resigniert er, wendet sich ab. Stärkste deutsche Partei laut Umfrage, Stand heute: AfD. Inspirieren die Rechtsextremisten? Nein, sie knüppeln mit Lügen vom Grabbeltisch. Und was kann die Kunst? Sie lebt von Empathie und sie inspiriert. Sie dringt direkt ins Herz der Menschen. Kapieren die Berater der demokratischen Parteien irgendwie nicht. Noch einmal Hermann Vaske mit einem wundervollen Image-Spot für das MDR Symphonie Orchester aus dem Jahr 1993:

    Werbeagenturen sind natürlich in erster Linie Erfüllungsgehilfen des Kapitalismus. Aber manchmal fruchtet das Knowhow der Kreativen im Gemeinsinn. Zwei oder mehr Gesichter, wer kennt das nicht von sich selbst? Ich liebe die Umsturztexte von K.I.Z. Aber ich liebe auch Schlagerschnulzen. Und ich verehre Dolly Parton. Eine Doku läuft jetzt bei Arte. Hier ist eine breathtaking Version von Islands In The Stream, gesungen von zwei tollen Frauen. Und irgendwie vermisse ich Kenny Rogers gar nicht (sorry, Mr. Rogers).

    Trotz Bodenfrosts: Gestern gab es einen erfrischenden Caesar Salad mit Aprikosen.

    https://sz-magazin.sueddeutsche.de/das-kochquartett/salat-pfirsich-manchego-buchweizen-95276

    Manchego mag ich nicht. Statt dessen hobelte ich geräucherten Scamorza.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    August 15, 2025

  • Freitag, 8. August

    Streaming-Tipp: Wer hören kann, muss fühlen. Bürgergeld: Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt. Und: Lieber Vesuv, bitte nicht in diesem Sommer! Die Lage der Ästhetik.

    Widerstand und Sieg, das klingt wie Eis mit heißen Himbeeren, kriegt man beides selten. Widerstand ist oft ein Minderheitending, und meistens verlieren die Minderheiten. Der Apple TV+ Dokumentarfilm Deaf President now! ist Eis mit ganz viel Himbeersoße.

    Dem Film gelingt, was die öffentliche Diskussion meist verbockt: echte Empathie zu erzeugen, in diesem Fall für Gehörlose und deren Blick auf die Welt der Hörenden. Aber während ich den Protagonisten zuhörte (deren Off-Stimmen), dachte ich auch an andere Gruppen, deren Leben ein ständiger Kampf ist. Wie fühlen sich wohl Einwanderer und deren Nachkommen, die seit Ewigkeiten in Deutschland leben, aber auf ewig als Ausländer wahrgenommen werden? Oder Bürgergeldempfänger, die als Universalschuldige gebrandmarkt werden (seit Habeck sich zurückgezogen hat)? Im Film verzichten die Gehörlosen auf Vorwürfe gegen die Mehrheitsgesellschaft. Das erleichtert den Zugang zu ihrer Perspektive. Eine andere Minderheit hingegen gängelt die Mehrheit seit Jahrzehnten. Saugt sie aus und verachtet sie. Ich glaube, Milliardäre fühlen sich nicht ausreichend geliebt.

    Diese ganzen Milliarden machen einen ja auch ganz meschugge. Dass sich Ronald McSöder an so viel fleischlosen Moneten verschluckt, ist verständlich. Aber das ZDF? Zum Glück hat der eloquente Herr Küppersbusch nachgerechnet.

    Es ist Sommer, die Nachrichten zum Weglaufen, warum nicht nach Kampanien fliehen? Am Fuße des Vesuv wächst spektakuläres Gemüse, und die neapolitanische Pizza ist sowieso einmalig. Es ist eine Genussgegend. Ganz Italien ist eine Genussgegend, könnte man zu recht einwenden. Aber der Vulkan, der Zugang zum Reich der Toten, ist eine tickende Zeitbombe. Ein Obstbauer erklärt die kompromisslose Küche in Kampanien so: „Jeder Tag könnte der letzte sein.“ Und niemand möchte einen Big Mac als Henkersmahlzeit, jedenfalls keiner außerhalb der Bayerischen Staatskanzlei.

    Wer in der Gegend ist, dem empfehle ich einen Tagesausflug zur Insel Procida, wo einige Szenen von Der talentierte Mr. Ripley gedreht wurden. Wer sich ordentlich kleidet und in einem der Restaurants an der Marina Corricella sitzt, fühlt sich automatisch wie ein Dandy aus vergangenen Zeiten.

    Ich wünsche alles ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    August 8, 2025

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Thomas Vöcks – frei, kreativ, radikal.

 

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