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Das linksradikale Kochbuch

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  • Über mich

  • Freitag, 1. August

    Endlich weg mit Mensch: Im Springer-Fernsehen moderiert jetzt ein Avatar (endlich?). Die Lage der Ästhetik: Anarcho-Pinguine an Deutschlands Schulen. Mon dieu, da kommt einem doch die Tomatensuppe hoch!

    Die Stimmung war großartig damals, im Frühjahr 1981, wir bastelten am Layout unserer Abizeitung. Ich zeichnete für den Titel unser Schulgebäude, davor einige lustige Pinguine (das ist eine andere Geschichte). Schulfreund Jens schlug vor, dem Gebäude eine Anarchie-Flagge zu verpassen, dieses A im Kreis. Ich war bürgerlich geprägt, lehnte ab, Jens war klug: „Wie kann man gegen Anarchie sein?“ Mir galt das Wort Anarchie als Synonym für Chaos und Gewalt, denn so wurde es in der Öffentlichkeit benutzt – nicht zufällig. Wer sich der Worte bemächtigt und ihre Bedeutungen verbiegt, manipuliert die Menschen. Das ist und war das Geschäftsmodell des Axel-Springer-Verlags. In Wahrheit sind Anarchismus, Kommunismus und Sozialismus Ideen, die aus der Liebe zu den Menschen geboren wurden. Und Kapitalismus ist das konkrete Gegenteil des Humanismus.

    Wer Ein Mann der Tat bei Netflix gesehen hat, wird das unterschreiben.

    Der Soundtrack des Films hat mich begeistert. Er beamte mich zurück ins Jahr 1999, als ich manchmal im Restaurant Reste Fidèl in Berlins Bleibtreustraße (Zwinkersmiley) gegessen, manchmal nur getrunken habe. Dort liefen französische Schlagerklassiker in Endlosschleife. Beispielhaft:

    Meine Suche nach der Schönheit geschieht stets in Sichtweite des Bösen, des Absurden, der Lächerlichkeit und der Lügen. Eigentlich geht es fast immer um Geld, und Geld besitzt keine Schönheit. Die Liebe schon. Paul Simon hat mit Graceland sogar die verflossene Liebe besungen – allerdings ganz schön groovy. Das wurde mir erst bewusst, als ich die Version von Lauren O’Connell hörte. Sie stürzt sich gesanglich in eine krasse Melancholie und feiert instrumental ganz allmählich ihre Befreiung. Manchmal ist man eben traurig-glücklich, oder?

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    P.S. Esst mal wieder eine Tomatensuppe!

    https://www.effilee.de/rezept/stevan-pauls-deutschstunde-tomatensuppe-a-564065d4-0005-0011-0000-000000003229

    August 1, 2025

  • Freitag, 25. Juli

    Der Kobold verrottet, schon gewusst? Haha: Was ist Satire? Äther: Alles klar? Die Lage der Ästhetik: Zwischen Witz und Wirklichkeit klebt zum Glück ein Kaugummi.

    Ich musste laut lachen während der jüngsten Folge Reschke Fernsehen. Der Gag: Der Sidekick der Moderatorin, eine aus Populismus genähte Muppetpuppe, belehrt sie, das öffentlich-rechtliche Fernsehen müsse alle Meinungen abbilden, auch wenn sie manchmal ein bisschen rechtsextrem sind, das sei doch klar. „Ja. Klar.“, antwortet Reschke und blickt süffisant in die Kamera. Es war eine charmante Spitze einer NDR-Redaktion gegen eine andere NDR-Redaktion – die, welche das Magazin Klar zusammen mit dem Bayrischen Rundfunk produziert. Klar ist sozusagen ein Geschenk an jene Zuschauer, die den ÖRR als links-grün-versifft schmähen. Man könnte auch sagen, Klar ist eine Opfergabe an die AfD. Mein Lachen war erleichtertes Lachen. Die innere journalistische Freiheit im NDR lebt.

    Noch eine gute Nachricht: El Hotzo ist keineswegs der unschuldige Typ, aber kriminell ist er nicht, befand eine Richterin. Sein Gag über einen Ohrläppchen-Streifschuss sei ganz klar Satire. Satire, Justiz, Rundfunk, in Deutschland scheint vieles noch zu funktionieren.

    Im Land of the Free dagegen bröseln die Säulen der Freiheit. Die Satirikerin A.L. Kennedy rechnet in der Süddeutschen mit dem „zunehmend verschmierten, verrottenden Kobold“ ab, „der auf einer Pyramide aus Hass hockt und seine Halluzinationen live streamt„. Sie meinte natürlich den sogenannten US-Präsidenten.

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/stephen-colbert-comedy-journalismus-usa-donald-trump-a-l-kennedy-late-show-li.3287129

    Kennedy schreibt über Stephen Colbert und die ökonomischen und politischen Hintergründe seines Rauswurfs bei CBS. Der Schlüssel zum Verständnis: In den USA dient Satire längst der seriösen Information und das macht sie unterm Regime des Kobolds natürlich gefährlich. Offiziell darf Colbert noch zehn Monate lang senden. Ich hoffe, Amerika hört ihm gut zu. Und ich hoffe, dass er die Monate überlebt.

    Ich bleibe bei der Satire und kehre thematisch zurück ins wahre Land of the Free, denn das ist Deutschland. Till Reiners hat während Böhmermanns Sommerpause in vier Folgen von Till Tonight bewiesen, dass er eine Daily Show verdient. Reiners beherrscht die vier Ws der Satire: wichtig, wahr, witzig, wütend. Und er präsentiert sein Stand-up charmant. Ich bin gespannt, welcher Sender das begriffen hat. Vielleicht der furchtlose NDR?

    Till oder Böhmermann? Ich bin Stuck In The Middle With You.

    Gestern gab es knusprigen Wammerl mit dunkler, süßer Zwiebel-Kümmel-Soße. Vorweg: L’oeuf Mayonnaise. Mein „Schwiegersohn“ Andrew aus dem gebeutelten Los Angeles ist zu Besuch und er sollte mal was Ordentliches zu Essen bekommen.

    https://aufgetischtundangehoert.cadabra.blog/oeuf-mayonnaise/

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Juli 25, 2025

  • Freitag, 18. Juli

    Wie steht Friedrich Merz zur Coca-Cola-Rezeptur? Worüber lacht Jens Spahn? Ich weiß es nicht. Und möchte ich Verfassungsrichter werden? Ja, aber ich will nicht zu Lanz. Die Lage der Ästhetik: Mut und Risiko.

    Im wirklichen Leben scheue ich das Risiko. Jedenfalls jetzt, nach einigen Jahrzehnten der Reifung, davor war das anders, ich mag gar nicht daran denken. Jedenfalls fahre ich nun langsam und umsichtig Auto, habe stets eine Hand am Treppengeländer, und auf keinen Fall würde ich noch einmal Ski fahren. Im Beruf verhalte ich mich ganz anders. Da reiche ich manchmal Konzepte ein, von denen ich weiß, dass sie im Pitch chancenlos sind. Ich würde mich sonst langweilen. Und vielleicht will ich auch protestieren: gegen die Stromlinienform, die „mein“ Sender idealisiert. Denn die führt zur Mittelmäßigkeit.

    Ich komme auf dieses Thema, weil die Journalistin Carolin Matzko in der Süddeutschen von alten Zeiten im Radio geschwärmt hat, in denen sich Moderatoren noch frei und – aus moderner Sicht – unmöglich verhalten konnten. Sie preist die Epoche, in der „Persönlichkeiten, die niemals durch ein Casting nach heutigen Parametern kommen würden, sondern damals aufgrund ihrer Expertise und ihres speziellen Sounds quereinsteigen und vor dem Mikro landen konnten.“ Ganz recht! Würde der junge Carlo von Tiedemann heute noch einen Fuß in die Tür des NDR bekommen? Und das betrifft nur die Unterhaltung.

    https://www.sueddeutsche.de/medien/bayern2-live-radio-carolin-matzko-jamila-schaefer-li.3284283

    Würde man heute furchtlosen Provokateuren wie Hermann Schreiber, Reinhard Münchenhagen, Alida Gundlach oder Michael Jürgs noch die Moderation der NDR Talk Show antragen? Nein, denn die Show ist heute eine heitere PR-Veranstaltung. Ist aber nicht alles schlecht. Wo Reschke oder Panorama drauf steht, ist auch tapferer Journalismus drin.

    Mein Sohn hat mich gerade auf ein Format hingewiesen, das in seiner Generation (geb. 2001) wahrscheinlich eine größere Rolle als der öffentlich-rechtliche Rundfunk spielt:

    Die Simplicissimus-Truppe kann jetzt ungestört zum Reichtum der Kirchen recherchieren. Bis Mai 2022 produzierte die Redaktion für FUNK, lieferte also dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu. Dort regieren die Kirchen kräftig mit: in Gremien, eigenen Redaktionen und Tochterunternehmen.

    Darauf ein herzerwärmendes Kartoffelpüree:

    Ich setze auf wenig Butter, viel Milch und reichlich Frühlingszwiebeln.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Juli 18, 2025

  • Freitag, 11. Juli

    Ein Leben ohne Harmonie ist sinnlos. Harmonie ist eine Teamleistung gegensätzlicher Charaktere. Eine Sauce ist nur Kleister, wenn Salz, Säure und Süße einander keinen Raum geben. In einem Pesto muss der Pinienkern das Basilikum respektieren.

    Die Komponente Bitter wird oft unterschätzt, aber der Gaumen liebt sie – wenn sie zärtlich daher kommt. Wenn Bitter regiert, ist der Teller allerdings verloren. Wer mag und keine Angst vor Enttäuschungen hat, kann diese kleine Harmonielehre auf unsere Gesellschaft anwenden. Oder auf die Welt. Aber viel schöner ist es, sich musikalisch der Harmonie zu ergeben.

    Jacob Collier ist nicht nur ein Magier, der tausend Menschen mal eben zu einer musikalischen Orgie bewegt, er spielt auch alle Instrumente, als hätte er sie erfunden. Sein Gefühl bewegt seine Finger. Und es ist ein gutes Gefühl, Collier predigt den schönsten aller Sätze: Alle Menschen werden Brüder. (Und, natürlich, Schwestern und alle dazwischen und außerhalb, aber das konnte Schiller nicht wissen.)

    Bald werde ich mein Restleben der Harmonie widmen. Mit Farben und Dingen. All die Frames und Timecodes, die Tonspuren, ein gigantischer Berg von Dreißigsekündern, längst versendet, verdunstet, ein Haufen Nichts, das wird meine berufliche Hinterlassenschaft sein. Ich werde dann meine Tage vor Leinwänden verbringen und mal was schaffen, was bleibt. Etliche Schauspieler und Musiker (mit denen ich mich nicht vergleichen will) hatten wohl ähnliche Gedanken, erfuhr ich im Spiegel.

    https://www.spiegel.de/kultur/ed-sheeran-verkauft-kunst-welche-prominenten-noch-malen-von-sharon-stone-bis-brad-pitt-a-d5a66a06-84c2-4195-a69d-6c6119449408

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Juli 11, 2025

  • Freitag, 4. Juli

    Heute feiern die Menschen in den USA ihren Nationalfeiertag, die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776. Okay, nächstes Thema. (Ich empfehle trotzdem die Peter-Thiel-Story als DLF-Podcast:)

    https://www.deutschlandfunk.de/die-peter-thiel-story-100.html

    Jetzt mal eine schöne amerikanische Geschichte:

    Die Kunst reagiert gern auf die Zeitläufte. Und sie reagiert anders, als die Gesellschaft: nicht brav, sondern trotzig und rotzig. Daran erinnert eine Arte-Doku, die sich dem Abstrakten Expressionismus widmet. Malen ohne Regeln heißt der Film. Liest man die YouTube-Kommentare, provoziert abstrakte Kunst bis heute: „Schmiererei“, „Kann ich auch“, „Kann mein Kind auch“, „Ist keine Kunst“. Schade, dass so wenige Menschen bereit sind, etwas Sonne in ihre traurigen Herzen zu lassen. Es befreit, sich mit Ideen von Künstlern zu befassen, Künstler reißen Mauern ein, bauen Brücken und lehren dich zu fliegen.

    Die Doku konzentriert sich auf Helen Frankenthaler, Lee Krasner, Joan Mitchell und Jackson Pollock. Es sah damals, im New York der 50er und 60er Jahre, so aus, als hätten sich die Künstlerinnen aus dem Schatten der männlichen Kollegen herausgekämpft. Doch dann starb Pollock und alles kam anders.

    https://www.arte.tv/de/videos/120470-000-A/malen-ohne-regeln/

    Malen ohne Regeln kann gute Gründe haben, aber grundsätzlich mag ich Regeln, sie erleichtern mein Leben. Erst den linken Schuh, dann den rechten anziehen, unter der Dusche folge ich einer immer gleichen Choreographie, im Straßenverkehr mindern Regeln Gefahr und Stress. Die Regeln für Raucher allerdings schränken seit Jahren mein Genussleben ein. So sehr ich die Gängelung verstehe, so sehr trauere ich um die alten Zeiten, als alle qualmten. Jetzt las ich, dass an französischen Stränden Rauchverbot herrscht. Ich mag Strände nicht (Sand!), aber ich frage mich, wie Alain Delon das finden würde.

    Nun zur Welt der Michelin-Regeln. Ich hatte mich auf die vierte Staffel von The Bear gefreut. Leider ist die Kluft zwischen Anfang und Ende der Bear-Story so groß wie die zwischen Herz- und Sterne-Küche.

    Ich bin mehr Team Mälzer, als Team Raue. Und ich bin Team Graciela:

    Wir haben keinen Independence Day, aber Deutschland feiert heute zum ersten Mal den bundesweiten Tag der Gießkanne. Es geht um die Pflege der städtischen Bäume, das ist ja eine gute Idee, das Grün lindert das Leiden unter der Hitze im urbanen Raum. Die Bewohner der oberflächenversiegelten Siedlungen mögen bitte Gießen gehen. Der Staat kann sich nicht um alles kümmern.

    Alles ein bisschen viel und kompliziert und hässlich und schade und schockierend und oft auch schön in dieser verdammten Gegenwart. Vielleicht sollten wir öfter mal morgens liegenbleiben. Denn Liegen ist Frieden:

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Juli 4, 2025

  • Sonnabend (ausnahmsweise), 28. Juni

    Ein Satz hat mich diese Woche aus dem hitzebedingten Dämmerzustand gerissen: „Die KI ist dumm.“ Der Fotokünstler Wolfgang Tillmans gab diese Provokation in der Zeit zu Protokoll. Das ist endlich mal schönes Querdenken, geradezu bunkerbrechend. Es gehe der KI nur um Durchschnittswerte und Wahrscheinlichkeiten. Aber es gebe kein Zurück mehr, weil bereits hunderte Milliarden in die Entwicklung investiert wurden. Tillmans: „Die Welt und ihr soziales Gefüge können es gerade eigentlich nicht vertragen, dass noch mal Millionen Jobs abgebaut werden, um sie durch KI-Bots ersetzen zu lassen.“ Das leuchtet ein und erzeugt ein unangenehmes Gefühl, aber die Welt und ihr soziales Gefüge folgen einem erprobten Selbstschutzprogramm: dem fröhlichen Fatalismus. Das Biest kommt ja sowieso, wo können wir es toll benutzen und wie können wir es beherrschen. Ich frage mich, wer da wen beherrscht. Ich glaube, wir putzen der KI die Stiefel.

    Aber die Gewöhnung mildert diesen wie jeden Schrecken, auch den Verlust der Höflichkeit. Mein jährlicher Urlaub in den italienischen Marken ist – neben meinem Abenteuer als höchstens gehobener Dilettant am Herd – ein Trainingslager für achtsamen Umgang. Wir sind sieben sehr unterschiedliche Menschen, und das Ziel unserer abendlichen Diskussionen über, nicht Gott, aber die Welt, ist, die eigene Sicherheit auf den Prüfstand der Anderen zu stellen. Im Idealfall verlassen wir die Tafel reicher, als beim Hinsetzen. Klappt nicht immer. Aber die Aggressivität der „Sozialen Medien“ (denen wir uns fröhlich fatalistisch ergeben) hat an unserer Tafel immerhin keinen Platz.

    Ich höre wenig Musik während dieser Italienreisen, die Supermarktbeschallung hat mich aber ermuntert, mal wieder Robbie Williams zu lauschen. Könnte ich Zutaten zu meiner Biografie kaufen, ich würde für sein Talent jeden Kredit aufnehmen. Eine Zeile hätte immerhin auch ohne diese Investition von mir stammen können: I’m doing everything I can / To be a better man.

    Hier ein Ausschnitt aus seinem großartigen Konzertfilm Live at Knebworth:

    Und eines Tages sehe ich mir seinen Spielfilm an.

    Meine kulinarischen Highlights dieser Woche waren Spaghetti Vongole mit San-Marzano-Tomaten (es gibt sie wirklich!)…

    Hähnchen aus dem Steinofen (der steht hier wirklich auf dem Grundstück)…

    und eine Aprikosen-Tarte. An dieser Stelle danke ich Agar Agar und Xanthan für die freundliche Unterstützung.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Juni 28, 2025

  • Freitag, 20. Juni

    Super-8-Filme können beglücken. Welche Geschichten sie erzählen, ist beinahe egal; das Glück sprießt aus dem Erleben eines Bewegtbildes, das die Wirklichkeit sucht und dieser Vergeblichkeit trotzt. Diese Leistung verleiht dem Super-8-Film mehr Würde, als die Kollegen HD und 5K ahnen. Und weil mir Würde gerade so selten begegnet wie gute Nachrichten, habe ich es diese Woche genossen, alte Flimmerfilme aus meiner Jugend wiederzusehen. Mein bis heute bester Freund und ich waren seit den 1970er Jahren erst Hörspielproduzenten (im Kinderzimmer) und dann Filmemacher (im Homeoffice). Unser Film Kam der Mensch entstand in meiner ersten eigenen Wohnung und wurde von der Jury beim Filmfest Werl leider völlig verkannt.

    Alle Menschen werden Brüder (not)

    Dieser Film entstand 1982, Waldsterben, Ölkrise, Kalter Krieg, der junge Mann sorgte sich offenbar. Was ich so schön finde an dieser Begegnung mit meiner alten Angst: Sie fühlt sich heute milder an, als damals. Ich versuche nicht, etwas daraus zu lernen. Es ist wie in jenen Tagen: Ich warte auf den nächsten Tag. Der Unterschied zu damals: Der Traum von einer friedlichen Weltgesellschaft ist verblasst wie ein alter Super-8-Film.

    Die Träume der – im weitesten Sinne – Hippie-Ära werden inzwischen natürlich als naiv denunziert. So funktioniert seit Jahrzehnten die Strategie der Konservativen, die sich zunehmend zu faschistischen Zirkeln destillieren. Ein emotionaler Ausflug in die Zeit, in der nicht alles gut war, aber alles möglich schien, lohnt sich allemal: Daisy Jones & The Six:

    Seit Amazon Filme mit Werbung aufhübscht, begegnen mir überraschend gute Spots. Haribos Kindersprech-Plot ist ein großartiger Einfall.

    Ähnlich reduziert: Die Google-Pixel-Kampagne zur Frauenfußball-EM in der Schweiz. Virtuos! Aber warum geht es da um Italien?

    Überwachungskameras greifen an wie Hitchcocks Vögel, Safari schießt sie alle ab. Der Browser beschirmt deine geheimen Exkursionen im Netz. Ein großes Versprechen, perfekt erzählt.

    Ich bin auf dem Weg nach Italien. Kochen bis die Töpfe glühen, Olivenbäume spenden der Seele Halbschatten. Gitarre und ich und viele Freunde.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Juni 20, 2025

  • Freitag, 13. Juni

    Ich glaube, er war ein glücklicher Mensch. Günther Uecker lernte als DDR-Bürger, Wie der Stahl gehärtet wurde.

    Und dann zeigte er der Welt, wie federleicht Stahl sein kann. Eiserne Pusteblumen, zärtliche Dornen im Wind – kurz nach dem Weltkrieg trafen diese Allegorien ins Mark: als die Menschen gelernt hatten, dass Stahlhelme keine schönen Hüte sind. Aber Günther Uecker war viel mehr als der Nagelmann:

    Die Düsseldorfer Gruppe ZERO, der Uecker angehörte, verkündete in der Stunde Null eine künstlerische Atempause; heute würde man vielleicht von einem schöpferischen Reboot sprechen. Eine Phase zwischen Katastrophe und Neuanfang.

    Alle Systeme abschalten und und wieder hochfahren – das löst im digitalen Alltag manches Problem, vielleicht sollten wir unseren Globus mal rebooten. Oder zumindest die weltweite Finanzindustrie. Triggerwarnung: Die 90-Minuten-Doku macht nicht fröhlich.

    https://www.arte.tv/de/videos/101918-000-A/moneyland/

    Nichts hebt die Laune besser, als ein Teller Carbonara – wenn sie denn gelingt. Der römische Koch Luciano Monosilio erklärt, wie er Eier, Schweinebacke, Käse und Nudeln zu einem Antidepressivum rührt.

    Ich wünsche alles ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Juni 13, 2025

  • Freitag, 6. Juni

    Wer ohne Vorurteile ist, werfe den ersten Stein! So las ich den Gastbeitrag von Wolfram Weimer in der Süddeutschen zur Kunstfreiheit in Erwartung meiner Empörung.

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/kunstfreiheit-wolfram-weimer-kulturstaatsminister-lux.LiwiHQvhf2SvU8h4waXNth

    „Linke wie Rechte wollen die Kunst politisieren“, hebt der Kulturstaatsminister gleich im Vorspann an, ich stöhne, wie immer, wenn das Bürgerliche Lager Humanisten mit Herrenmenschen gleichsetzt. Es ist eben ein Unterschied, ob das Handeln eine bessere Gesellschaft anstrebt, oder auf Tyrannei zielt. Gleichwohl ist jede Gängelung der Kunst durch die Politik abzulehnen. Da hat Weimer recht, und wenn es ihm also um die Freiheit der Kunst geht, sollte er dringend mal mit seinen Unionsfreunden in Sachsen-Anhalt reden. Die drehen gerade einem linken Kulturprojekt den Hahn ab. Gemeinsam mit der AfD.

    Grundsätzlich freue ich mich über Kunst mit politischer Stoßrichtung; genauso grundsätzlich stimme ich Wolfram Weimer zu: Wer der Kunst die Mehrdeutigkeit nimmt, „macht sie flügellahm und hat die Kunstfreiheit nicht begriffen“.

    Die ukrainische Autorin Marjana Gaponenko schrieb nach der Operation Spinnennetz in dieser Woche ein Gedicht mit diesen Zeilen:

    Goliath legt Feuer. David löscht mit Gegenfeuer.

    Goliath schießt David nieder. David steht längst hinter Goliath.

    Der komplette Text: https://www.facebook.com/gapo.nenko.3

    Ich verstehe, dass eine ukrainische Seele sowas schreibt, im stolzen Affekt. Aber es behagt mir nicht. Wenn die Lyrik in den Krieg zieht, verlässt sie den einzigen Ort, an dem Utopien eine selbstverständliche Existenz leben: die Kunst. Dort darf natürlich David den Goliath besiegen. Aber dort darf auch eine Welt ohne Kriege entstehen. Und ohne Grenzen. Eine Welt, in der zum Beispiel keiner versteht, was der Begriff Zwei-Staaten-Lösung bedeuten soll.

    Der Plakatkünstler John Heartfield (1891-1968) hat sein Werk als Schwert gegen die Nazis geschmiedet. Er war Kommunist, also mit Utopien vertraut. Aber Deutschland musste ja erst mal der Teufel ausgetrieben werden. Vielleicht sollte ich, der weder Krieg noch andere Barbarei erleben musste, einfach mal meine neunmalkluge Klappe halten. Jetzt in der ARD Mediathek: Der Doku-Animationsfilm Johnny & Me von Katrin Rothe.

    Zurück zur Wirklichkeit, die sich so unwirklich anfühlt und selbst im Banalsten verbogen ist. Über Jahrzehnte war Miracoli meine kulinarische Lieblingssünde: Tomatenmark,Wasser, Gewürzmischung, irgendein geriebener Hartkäse. Jede Gabel reines Glück. Seit Jahren vorbei, Parmesello gestrichen, Würze verändert. Jetzt habe ich bei EDEKA Ersatz gefunden (unbezahlte Werbung):

    Es gibt also immer Hoffnung.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Juni 6, 2025

  • Freitag, 30. Mai

    Am 30. Mai ist alles vorbei, hat Udo Lindenberg mal gesungen. Jedenfalls nicht in diesem Jahr, hoffe ich mal. Aber mein Lieblingsjahr wird 2025 sicher nicht. Das Lesen der Nachrichten scheint mir schädlich, als würde es einen Tumor namens Trübsinn nähren. Regelmäßig besteige ich eine musikalische Zeitmaschine. Neue Musik, die mich in eine Costa-Brava-Disco der 80er beamt – in eine Zeit also, in der meine Knochen noch elastisch und Sorgen Sörgchen waren. Tanzt gern mit:

    Tweed-Jacket, Bundfalte und ein wiedergeborener George Harrison, ich genieße den Blick in meinen biografischen Rückspiegel. Und doch würde ich gern eine schöne Zukunft erwarten. Ein kreatives Deutschland mit intelligenten Antworten. Statt dessen: Arbeitet härter, werdet kriegstüchtig. Und Work-Life-Balance ist neuerdings ein verlachtes Konzept. Deutschland ist Persil: Da weiß man, was man hat. Arbeit ist seit der Leistung von Trümmerfrauen die Antwort auf alles. Deutschland trägt Scheuklappen und hat Bohnen in den Ohren. Volkswagen kriselt, weil der Laden Quatschautos baut, statt elektrische Volkswagen. Wärme spüren wir nur im Angesicht von Verbrennung. Windkraft verspargelt die Landschaft und Wolken sind Solarfinsternis. Es herrscht geistige Windstille in Berlin. Und wer mal gute Ideen hat, ist zu blöd, sie den Menschen zu erklären. Danke, Habeck!

    Ich glaube, Spongebob wird sich das nicht mehr lange gefallen lassen. Und ich marschiere mit ihm. Zur Sonne, zur Freiheit.

    Ich habe nicht viel für’s Ballett übrig. Ich unterstelle den Sparkassenabteilungsleitern in der CDU-Spitze mal, dass es ihnen ähnlich geht. Sie sollten dennoch das Lenbachhaus in München besuchen, wo gerade das Werk Collective Action des Choreografen Richard Siegal mit einer Video-Installation gefeiert wird. Laut Monopol behandelt Siegal „Fragen nach Individuum und Kollektiv, Disziplin und Freiheit und Kunst und Sport“. Die Kunst stellt eben gerade dann die richtigen Fragen, wenn alles falsch läuft.

    https://www.monopol-magazin.de/wohin-am-langen-wochenende-1

    Auch dem Hamburg Ballett empfehle ich einen Betriebsausflug ins Lenbachhaus. Zärtlich formuliert knirscht es zwischen dem neuen Intendanten Demis Volpi und vielen Tänzern der Compagnie. Peter Laudenbach analysiert die Krise in der Süddeutschen und schreibt diesen wunderbaren Satz: „Vorgesetzte sind von ihren Untergebenen mindestens so abhängig wie diese von ihnen.“ Den Artikel sollte der CDU-Herrenclub auf der Bahnfahrt Berlin-München unbedingt lesen (gibt’s umsonst!) – mit Blick auf uns, das Wahlvolk, also die Chefs.

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/hamburg-ballett-volpi-druck-solistenkuendigungen-li.3259287

    Das war jetzt alles etwas grimmig, tut mir leid. Aber manchmal weht ein rauer Wind.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    Mai 30, 2025

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Thomas Vöcks – frei, kreativ, radikal.

 

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