Das linksradikale Kochbuch

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  • Freitag, 18. April

    Es gibt Fernsehmomente, die funkeln, aber nur wenige. Eines dieser kleinen Wunder geschah auf einem roten Sofa im NDR-Fernsehen. Dem NDR gehört ja seit je mein journalistisches Herz. Doch seit kurzem schneidet eisige Zugluft durch manche Redaktion. Diese kristallisierte kürzlich in einem Format, das die Ausländer-raus-Agitation der Bildzeitung zur journalistischen Aufklärung erhob. Darüber wurde, sagen wir, mittelmäßig viel kommentiert, in beide Richtungen. Ist so langweilig. Spannend war aber Bianca Nawrath, Schauspielerin, Jahrgang 1997, im charmanten Gefecht mit Hinnerk Baumgarten, Jahrgang 1968, auf dem roten Plaudersofa. Frau Nawrath ist Tochter polnischer Einwanderer in Deutschland und wusste genau, in welchem Moment der eisige Wind durch’s Studio wehte. Und sie zog ihr rhetorisches Florett. Widerstand in seiner eloquentesten Form.

    Vielen Dank, Bianka Nawroth! Und sonst? Wo bleibt eigentlich der Widerstand amerikanischer Künstler? Bruce Springsteen, Taylor Swift, was ist los? Ich meine, ich habe hier einen Blog zu schreiben, der Mut und Zuversicht verbreitet, während ein paar Neo-Despoten alles Schöne zertreten. Ich fordere Protestsongs! Wie damals.

    Wenn ich die ganzen Schatten in meinem Kopf mal für eine Weile verjagen will, flüchte ich mich übrigens gern ins Reich der ungenierten Albernheit.

    Ungeachtet der Weltlage, nein, entsprechend der Weltlage, bereite ich heute zwei Gerichte zu, auf Vorrat: eine zärtliche Bolognese und ein rabiates Rindergulasch. Die Bolognese ist eine Liaison aus Fleisch und Gemüse, Weißwein und Milch. Mittlere Temperatur. Das Gulasch brät bis zur Schmerzgrenze. Und wenn es aussieht, als wären Fleisch und Topfboden verdorben, lösche ich mit Rotwein. Bis es wieder brennt, dann nochmal und nochmal. Dann Zwiebeln, dann Wasser.

    Gulasch funktioniert wie die Deals des amerikanischen Faschisten: Ich mach dich fertig, bis du mir den Genuss bringst. Bolognese ist wie Europa: Umschlingt euch, ihr Aromen, ihr Brüder und Schwestern, kuschelt euch in diese samtseidene Sauce.

    Ostern bedeutet mir nichts, das Familientreffen am Sonntag schon. Ich wünsche allen ein schönes langes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    April 18, 2025

  • Freitag, 11. April

    So schön kann man Kapitalismus inszenieren. Da gurgeln erst Billionen in den Gullis der Börsen, dann eine Springflut, die Launen des Zockers im Weißen Haus machen echt Laune, jedenfalls jenen, die vor dem zweiten Akt investiert hatten. Wer das wohl war… Wer im ersten Akt bereits seine Altersversorgung verschwinden sah, gehörte wahrscheinlich nicht dazu. Es gibt übrigens auch sympathische Darstellungen von Großkotzerei: Der Sechsteiler The Playlist, speziell Folge 5.

    Axel Hacke, der wunderbare Kolumnist der Süddeutschen Zeitung, hat gelobt, den Namen des Golftrottels nie mehr zu schreiben. Sowas imponiert mir, ich mache das einfach nach und vermeide das T-Wort. Palim, palim, das ist neuer Stoff für Hallervorden, das werde ich ja wohl noch sagen dürfen.

    Es war überhaupt eine schöne Woche für Nicht-Superreiche. Das Staffelfinale von White Lotus führte vor Augen, wie trostlos es sein kann, wenn die Kreditkarte nur ein emotionales Vakuum deckelt. Da schlendere ich dann lächelnd durch Aldi und weiß mich in bester Gesellschaft. Kaufe ein Maishuhn und schiebe obszöne Mengen Kräuterbutter unter die Haut, beim Kochen bin ich maßlos wie der amerikanische Zöllner. Dessen Zwang, sein Handeln stets der Gewalt zu widmen, lässt uns ratlos zurück. Woher kommt das? White Lotus weiß auch hier Rat: Die Quelle von Gewalt sei immer Angst. Ich glaube, da geht es um die Angst vor Erkenntnis. Je größer die Kluft zwischen Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit ist, desto größer die Furcht. Das könnte den Zampano erklären.

    Dann war da noch Roland Kaiser, der Experte für ganzheitliche Entspannung. Bei Maischberger zeigte er Politikern, was keine Harke ist: Engstirnigkeit. Der Sozialdemokrat wünscht Merz eine erfolgreiche Kanzlerschaft, der sei ein netter Mensch. Ich bin ein Freund des Schlagers, Roland Kaiser gehört nicht zu meinen Favoriten, aber ich glaube, er ist ein sehr netter Mensch.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende.

    Thomas Vöcks

    PS: Der wildgewordene Zöllner kennt keine Freundschaften, nur Deals. Von Deals verstehe ich nichts. Aber ich habe seit Jahrzehnten einen besten Freund, der heute Geburtstag feiert. Ich hab keine Millionen, aber der Idiot ist arm.

    April 11, 2025

  • Freitag, 4. April

    Herzlich willkommen im zollfreien La-La-Land! Dem Blog, der sich um die Ästhetik der Gegenwart kümmert, was wahrscheinlich stets so lala gelingt. Die Debatten duften ja stark überwürzt. Also hobele ich etwas Kartoffel drüber, die zieht überschüssiges Salz aus der Suppe.

    Mit der Lupe entdeckte ich, dass Friedrich und Lars neben Migration und Milliarden noch andere Themen auf dem Zettel haben. In irgendeinem Nebenzimmer geht es tatsächlich um Abtreibung. Nur ein gutes halbes Jahrhundert nach dem Stern-Titel Wir haben abgetrieben steht die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs auf der Tagesordnung von Koalitionsverhandlungen. Schade, dass Katharina und Britta ihre grüne Superkraft hier nicht einsetzen können. Wer sonst käme gegen Friedrich an, der fürchtet, die Abschaffung von §218 würde einen gesellschaftlichen Großkonflikt auslösen. Der Mann kommt immer so grimmig rüber. So grimmig und gestrig wie der Paragraph.

    Alle reden über die Miniserie Adolescence auf Netflix. Zu Recht. In der Arte-Mediathek liegt ein weiterer Schatz, der von Gewalt gegen Frauen handelt. Douglas is cancelled spielt im Fernsehgeschäft, eine junge Frau macht Karriere, ihr Mentor erzählt einen sexistischen Witz und gerät in einen Shitstorm. Pointierte Dialoge in Formel-1-Tempo und ein sensationeller vierter Akt. Er: Ich bin nicht wie er! Sie: Du kriegst keinen Preis für nicht-scheiße-sein.

    https://www.arte.tv/de/videos/RC-026265/douglas-is-cancelled/

    Spargelzeit! Ich will ihn am liebsten täglich. Aber in welcher Zubereitung? Mit welcher Sauce? Confieren? Braten? Kochen? Inspiriationen liefert Effilee:

    https://www.effilee.de/?s=spargel

    April 4, 2025

  • Freitag, 28. März

    Ich habe beschlossen, meinen geliebten Lada zu verkaufen. Das ist gut für die Grünen, aber der Reihe nach. Die kastige Kiste ist wunderschön, das verstehen vor allem Kinder, ungezählte blutjunge Augenpaare staunten mir in den vergangenen Jahren hinterher. Hier geht es ja um die Lage der Ästhetik, deswegen erzähle ich das. Vorgeschichte: Ich habe Carsharing ausprobiert, weil mir das Prinzip „Eigenes Auto“ in einer Großstadt sinnlos erschien. Ich fuhr also hässliche Autos, aber es war ein großer Spaß, denn sie fuhren elektrisch. Eine neue Erfahrung von Schönheit. Das Feuer kann faszinieren (bald ist Ostern), Verbrennung ist Untergang. Käfer, 504, DS, -9er, für immer Traumwagen. Und Veränderung verängstigt ja immer. Mein Ziel ist trotzdem: Nie mehr tanken. Der Lada ist jetzt in guten Händen. Die neue Besitzerin hat jetzt aber ein schlechtes Gewissen wegen der Verbrennerei und kompensiert dieses, indem sie sich bei den Grünen engagiert. Wo die Liebe hinfällt…

    Gelegentlich sehe ich Fußballspiele, Deutschland-Italien am Sonntag habe ich verpasst, aber dieses Tor nach der Ecke lief ja überall. Die Begeisterung darüber hat mich irritiert. Da schwingt so eine Stefan-Raab-Freude mit, die Italiener wurden schlicht übertölpelt. Mein Lieblingstor fiel 1974, ich war 12 und zum ersten Mal im Ausland. Mit meinen Eltern, meiner Schwester und einem Schulfreund saß ich in einem Restaurant mit Fernseher. Deutschland-Holland, wir aßen Paella an der Costa Brava. 0:1, 1:1, dann die 43. Minute, Gerd Müller im Strafraum, Drehung, Bombe, Sieg, Weltmeister. Kein Augenschmaus, aber unvergesslich. (Die Holländer auf unserem Campingplatz sprachen danach kein Wort mehr mit uns). David Beckham spielte den Ball wie Yehudi Menuhin seine Stradivari. Präzise, gelassen, virtuos.

    Heute Abend sehe ich eine Theateradaption des Romans Schöne neue Welt von Aldous Huxley. Ich kann mich noch erinnern, wie verstörend ich die Lektüre als Schüler fand. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, hoffe ich, nach der Aufführung die Gegenwart etwas weniger verstörend wahrzunehmen. Das wäre schön.

    Thomas Vöcks

    März 28, 2025

  • Freitag, 21. März

    Also gehe ich auf die Suche. Ich suche nach der Schönheit im Alltäglichen, in der Küche, in Film und Theater, sogar nach der politischen Schönheit, oje. Letztere fand ich diese Woche ausgerechnet in Bayern. Ich bin in Kiel geboren, seit ewig Hamburger, aber in mir wohnt eine unerklärliche Bayernliebe. Ich mag die Lässigkeit, mit der Trachtenmode dort tragbar ist. Ich möchte bayrische Wursttheken rauf- und runteressen. Und ich liebe die Sprache, die drastisch sein kann, ohne zu beleidigen. Da sind wir bei der schwierigen politischen Schönheit, die wohl kaum jemand so verständlich einfordert, wie Maximilian Schaffroth. Seine Fastenrede auf dem Nockherberg handelte diesmal vom Umgangston in der Politik – in Bayern, im Bund, in der Welt. Anders gefragt: Warum wimmelt es in der Welt von wildgewordenen Mackern? Er glaubt, es sei ein Schrei nach Liebe. Glaubten Die Ärzte auch, vielleicht stimmt es ja. Aber was machen wir jetzt mit dieser Einsicht?

    Apropos Therapie. Eine Perle der Shit-Flut im US-Zirkus war diese Woche die Idee einiger Republikaner, Trump-Kritikern wegen ihrer Haltung eine Geisteskrankheit zu attestieren. Das führt jetzt weg von der Schönheit, aber hin zur Kunst. 1943 zeichnete Andreas Paul Weber „Das Gerücht“. Das Bild illustriert die Sogwirkung von bloßen Behauptungen auf die Menschen. In unserer postfaktischen Gegenwart kann jeder Unsinn auch Existenzen vernichten. In Deutschland sagt man ja gern, wo Rauch ist, ist auch Feuer.

    Vergangene Nacht hatte ich einen Traum, er handelte von einem Argument. Zwei Menschen, die ganz und gar nicht einer Meinung waren, benutzten das selbe Argument. Ich konnte diesen scheinbaren Widerspruch nicht entschlüsseln. Dann reichte mir jemand einen Umschlag. Auf dem Zettel darin stand das Wort GLÜCK.

    Thomas Vöcks

    März 21, 2025

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Thomas Vöcks – frei, kreativ, radikal.

 

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