Ich saß neben meinem ersten Kaffee, drehte die erste Zigarette und schielte auf die Schlagzeilen im Handy, dann fiel das Gerät in den Ruhezustand, die Welt aber wieder mal nicht.
Die Ruhe der Menschheit wurde wie so vieles andere begraben unter den Trümmern zweier Wolkenkratzer. Die Attentäter und ihre Auftraggeber hatten an diesem 11. September 2001 ihren Kulturkrieg gegen gegen die Freiheit bereits gewonnen. Den Rest erledigte die sogenannte Freie Welt dann selbst, peu à peu wanderten die Errungenschaften aufgeklärter Gesellschaften in die Reißwölfe zorniger Rächer. Und die einst so mündigen Bürger ließen sich treiben. Auch ein Tag wie heute, an dem wir morgens schon wissen, dass wir abends die Fassung verlieren werden, wäre ohne den 11. September nicht denkbar. Denn die Verachtung für Demokratie und Humanismus, die danach gedieh, ist längst über den Atlantik geweht und hat den stolzen Bundesadler zum Kaninchen geschrumpft, das seit geraumer Zeit die Schlange anglotzt. Dann noch jenes Land, mit dem uns eine passable Paartherapie gelungen war, aber njet, auch Du, Brutus. So brüllen jetzt seltsame Menschen goebbelesk von kruppstählernen Podesten und versprechen Heil und das Blaue vom Himmel; Menschen, die sich längst als Störfaktoren der Konjunktur empfinden müssen, lassen sich jubilierend von der Schlange zur Schlachtbank führen. Deutschland steht nackt da, ohne den Mantel der Moral, nur manchmal leicht bekleidet, wenn Proteste die Straßen wärmen. Die Gegner der Freien Welt haben 9-11 ihren Kulturkrieg gewonnen, auch, weil sie inzwischen Verbündete unter uns haben.
Als ich ein kleiner Junge war, servierte meine Urgroßmutter einen Schokoladenpudding, der gallebitter schmeckte. Nun war Ur-Omi mal Kaltmamsell auf Schoss Glücksburg gewesen und fühlte sich seitdem einigermaßen geadelt, Kritik empfand sie als majästetsbeleidigend. Also würgte ich den braunen Kloß runter, auch den meiner kleinen Schwester. Ich wollte nicht, dass die Lage eskaliert. Die Weitsicht eines Neunjährigen ist begrenzt.
Ohne weitere Auslassungen über Kulinarik oder sogar Zerstreuungsangebote aus der Welt der Fiktion: Ich wünsche allen eine schöne Woche. Und bleibt stabil, wie man heute so sagt.
Thomas Vöcks

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