Sonntag, 27. September

Auf der Pirsch nach Macht, Pfründen und Bedeutung trägt man heute also Dolch unterm Blazer und achtet streng auf die Windrichtung. Aus der Ferne betrachtet mutet das an wie mein Vorurteil über die Ferne, in der ich mich gerade befinde. In Buchara erfuhr ich jedoch von einer Begebenheit, die sich das kluge Volk der Deutschlandbewohner gern zu Herzen nehmen darf, erst Recht ihre Repräsentanten. In der Stadt gab es eine Wasserstelle, welche die Regierung zur Versorgung der Bürger nutzen wollte. Die Besitzerin, eine alte Jüdin, weigerte sich, das Grundstück zu verkaufen. Da bot man ihr ein Grundstück zu Tausch, auf dem sie eine Synagoge errichten durfte, die erste in Buchara. Die Geschichte ist ein paar hundert Jahre alt, das Trinkwasser war nicht bekömmlich, und die Mode verführt wohl manchen, die Begebenheit rhetorisch zu missbrauchen. Aber sie ist Zeugnis einer Kulturtechnik, die uns zu entgleiten scheint. Da wurde ein Kompromiss zugunsten des Allgemeinwohls geschmiedet. Was für ein schöner Satz mit gleich zwei Vokabeln, die schwerer wiegen als alle Dolche unter adretten Blazern.

Ich wünsche allen eine schöne Woche.

Thomas Vöcks


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